Den Abend des ersten Sonntags nach Epiphanias verbrachte ich in diesem Jahr mit meiner Mutter in der Notaufnahme eines Klinikums. Dort hatte ich nicht nur sehr viel Zeit, die Menschen zu beobachten, die sich auf den Gängen angesammelt hatten. Ich hatte auch eine Erscheinung – und zwar in Gestalt dreier Kinder. Deren viertes Geschwister hatte sich offenbar den Arm gebrochen, was die ganze Familie zu einem Sonntagsausflug der etwas anderen Art aufbrechen ließ. Die drei Kleinen saßen im Wartebereich auf drei Stühlen nach Größe gestaffelt mucksmäuschenstill und unbeaufsichtigt nebeneinander, während Mama und Papa sich viele Meter weit entfernt um ihre verletzte Älteste kümmerten.
Smartphones statt Quengeln
Nun sind vier Stunden ja kein Pappenstiel, und man hätte sich angesichts des Alters der Drei-, Vier- und Siebenjährigen nervenzerfetzende Quengelszenarien und Heulkulissen von erheblichen Dezibel sowie permanent gereizte, hyperventilierende Eltern am Rande des Kontrollverlusts vorstellen können. Aber nichts dergleichen. Tiefer Friede. Denn jedes der Kinder starrte gebannt auf das Smartphone vor sich auf dem Schoß. Man könnte es auch anders sagen. Jedes dieser Kinder saß im Schoß seines Smartphones. Kein Schnuller der Welt, es sei denn, er wäre von den Eltern mit "Mother’s Little Helpers", also Valium eingerieben worden, hätte eine derart eindrucksvolle Sedierungsleistung zu bewerkstelligen vermocht.
Fasziniert beobachtete ich beim kleinsten der drei Exemplare des Homo sapiens virtuoseste Daumenbewegungen, die ich, der in diesem Alter Daumen allenfalls lutschte, erst mit Mitte vierzig beziehungsweise gar nicht erlernte, weil "Digital Non-Natives" ja doch meist leicht daran erkennbar sind, dass sie mit dem Zeigefinger auf den Benutzeroberflächen herumtippen. "Ja", dachte ich mir angesichts der handyversierten Dreijährigen, "die kulturelle Evolution schreitet rasend voran." Das Daumengrundgelenk unserer Spezies wird wahrscheinlich keine Jahrhunderttausende benötigen, um sich in den Händen von Handys beträchtlich zu transformieren.
Irgendwann im Laufe der vier Stunden schlug meine verwunderte Bewunderung allerdings in Melancholie um. Ich, dem es zunehmend schwerer fällt, auf dem Sofa das Buch nicht aus der Hand zu legen und gegen das iPhone einzutauschen, das mir, dem Buchmenschen, in der Regel viel schnellere, genauer gesagt sofortige Befriedigung verschafft, fragte mich, welche Innen- und Vorstellungswelten diese Kinder entwickeln und was aus ihrer imaginativen Phantasie wohl werden wird, wenn sie nur mit Valiumschnulleräquivalenten und nicht mit Buchstaben und Bildern auf Papier aufwachsen. Wie geistig wach werden sie, die überaus Handygelenkigen, dereinst sein?
Apropos Bilder und Buchstaben auf Papier. Weil Weihnachten für mich in der Regel eine Zeit der Regression und des Versuchs der Rückverwandlung des Erwachsenen in das Kind der Weihnachtsfeste meiner Kindheit ist, habe ich die Weihnachtszeit auch in diesem Jahr unter anderem damit verbracht, zum x-ten Male meine uralten Asterixcomics zu lesen und meine ebenso uralten Lego-Technic-Sets zusammenzubauen. Asterix und Lego sind für mich unter dem Christbaum das, was für Marcel Proust das in Tee getunkte Madeleineküchlein war: Zeitmaschinen. Sie bringen wieder, was eigentlich nur der Erlöser am Ende aller Tage wiederbringen kann: die verlorene Zeit. Aber nicht nur das. Wenn ich mit Lego spiele und René Goscinnys und Albert Uderzos Geschichten lese, dann ist mir, als wohnte ich der Ontogenese meiner eigenen Einbildungskraft nach fast einem halben Jahrhundert noch einmal bei und als könnte ich, der Siebenundfünfzigjährige, mich, den Neunjährigen, dabei beobachten, wie unter meinen Händen und vor meinen Augen in mir eine unauslotbar abenteuerliche Welt entsteht.
Weihnachtszeit, Asterix und die verlorene Phantasie
Ja, ich bin ein alter weißer und wahrscheinlich viel zu kulturpessimistischer Mann, der hinter jeder Ecke des Alltags den Untergang des christlichen Abendlands und den Verfall der europäischen Zivilisation wittert. Und wahrscheinlich tue ich der Dreijährigen mit ihrem Smartphone Unrecht, wenn ich fürchte, dass bei ihr angesichts ihres Computerbildschirms verkümmern könnte, was bei mir angesichts von Asterix und Donald Duck, der "Fünf Freunde, "Drei Fragezeichen" und Karl May die Blüten einer blühenden, vielleicht sogar all zu blühenden Phantasie trieb. (Stimme aus dem Off: "Hätte man ihm damals nur ein Smartphone in die Hände drücken können, dem Frisch, dann wäre uns viel erspart geblieben!")
Aber möglicherweise täuscht mich meine Intuition nicht. Die Bildschirme und Bildgebungsverfahren unserer Gadgets dürften unser "inner eye" und unser "inner I", also unsere Art zu sehen, zu denken und uns selbst und die Welt zu erleben, erheblich verändern – und zwar nicht auf noch größere und noch kreativere Geistesgegenwart hin. Vielleicht wird die frühe Smartphonenutzung ja tatsächlich die Gehirne der Heranwachsenden schädigen. "Je früher ein Kind ein Smartphone in die Hände bekommt" las ich unlängst, "desto größer ist sein Risiko, selbstschädigendes Verhalten zu entwickeln."
Wieder kam mir die Evolution in den Sinn, die bekanntlich nicht schläft. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat das allgegenwärtige Phänomen der angesichts der Handys eigenartig und orthopädisch ungesund gesenkten Köpfe unlängst als "Reptilismus" bezeichnet. Im Blick auf das Fortschreiten unserer Spezies verheißt das nichts Gutes.
Werkzeuge, Macht und Verantwortung
Übrigens vertrieb ich mir die Weihnachtszeit in diesem Jahr nicht nur mit Asterix und Lego, sondern auch mit Paläoanthropologie, genauer gesagt mit Literatur über Vor- und Frühmenschen, also unsere Urahnen. In dem wunderbaren Buch "Origins Reconsidered" des berühmten kenianischen Paläoanthropologen Richard Leakey las ich den Satz: "Our ancestors made tools, but in a real sense, these tools made our ancestors." Zu Deutsch: "Unsere Vorfahren machten Werkzeuge. Aber in Wirklichkeit machten diese Werkzeuge unsere Vorfahren."
Und auf einmal sah ich ihn vor mir. Mitten in der Notaufnahme sah ich ihn, den ersten Australopithecus, der vor über drei Millionen Jahren mit einem Stein spielte, diesen gegen einen anderen Stein schlug und plötzlich eine scharfkantige Steinscherbe in Händen hielt, mit der sich Aas zerteilen ließ. Und ich sah nicht nur ihn. Ich sah auch Stanley Kubricks ikonischen "Bone Cut" aus "2001 – A Space Odyssey" vor mir. Vor meinem inneren Auge sah ich, wie ein triumphierender Primat den Knochen, mit dem er soeben einen Widersacher getötet hat, siegesbesoffen in einen blauen afrikanischen Himmel wirft und aus diesem Himmel wenige Sekunden später der Weltraum und aus dem Knochen ein laut- und schwerelos durch diesen Weltraum schwebendes Raumschiff wird. Und dann sah ich, wie sich der Vormensch aus Kubricks epischem Film ins kleine Mädchen in der Notaufnahme und der Knochen ins Smartphone dieses kleinen Mädchens verwandelte.
Aber meine Phantasie spann noch weiter. Denn ich sah nicht nur Kubricks urzeitlichen afrikanischen Himmel, sondern einen ganz anderen Himmel vor mir. Ich sah den Himmel New Mexicos, der in den Morgenstunden des 16. Juli 1945 zu einem nie zuvor gesehenen Himmel wurde. Ich sah, wie aus "Lucys" Knochen "Trinity" wird. Trinity, die Atombombe. "Trinity", die J. Robert Oppenheimer, der amerikanische Prometheus, in der Wüste von Los Alamos zündete. Ich sah, wie die Werkzeuge, die wir machen und die uns machen, uns den Garaus machen. Und ich sagte mir: "The tools we made will undo us."
Aber ich sah noch mehr, als könnte ich viel weiter hinabblicken in den Brunnen der Vergangenheit und in die Tiefen der Zeit. Ich sah Eva und Adam, wie sie in einem mediterranen Garten die Frucht vom Baum der Erkenntnis pflücken, diese Frucht zögerlich meditieren wie Hamlet seinen Schädel, ehe sie hineinbeißen, ihren Schöpfer vergessen, ihm über den Kopf wachsen und zu Freigelassenen der Schöpfung und zu Herrinnen und Herren des Planeten werden. Und ich sah noch etwas. Ich sah, wie sich die Geschichte des dritten Kapitels der Genesis Jahrmillionen später zu wiederholen beginnt. Ich sah, wie unsere eigenen Geschöpfe zum Leben erwachen. Ich sah im dreijährigen Mädchen in der Notaufnahme den Zauberlehrling Homo sapiens, der die Geister, die er kraft seines Geistes rief, nicht mehr los wird.
Zwischen Himmel und Erde: Hoffnung am Ende
Das alles sah ich und fragte mich, was aus uns werden wird. Werden wir uns zu Tode siegen, an unseren eigenen Werkzeugen zugrunde gehen, an unseren Schnullern ersticken und auf der Strecke bleiben? Werden die herrenlosen Gewalten, die wir hervorgebracht haben, Erbarmen mit uns haben, wenn sie uns unterworfen haben und zu Herren des Planeten geworden sein werden? Werden sie mehr Erbarmen mit uns haben als wir mit unserem Schöpfer und mit vielen seiner Geschöpfe? Werden unsere posthumanen Kreaturen humaner sein als wir? Was wird aus uns? Werden wir irgendwann der Vergangenheit angehören? Und wird es vielleicht sogar gut sein, dass der sogenannte Homo sapiens irgendwann der Vergangenheit angehören wird? Wird uns die Weltgeschichte zum Weltgericht werden, weil das, was wir aus der Welt gemacht haben, uns auf die Füße fällt und weil der von uns verstoßene Gott uns endgültig den Rücken kehrt und das Experiment Mensch aufgibt?
Vielleicht ist eine Notaufnahme kein guter Ort für Gedanken über die Herkunft und Zukunft unserer Spezies. Aber Notaufnahmen sollen ja eben die Not wenden. Vielleicht auch die Not der Gedanken. Sonst bräuchte es keine Notaufnahmen.
Glücklicherweise sah ich an jenem erscheinungsreichen Menschheitsdämmerungsabends des ersten Sonntags nach Epiphanias anno Domini 2026 tatsächlich nicht nur schwarz, sondern seltsamerweise auch einen Silberstreif am Horizont. Womöglich deshalb, weil ich mich in der Notaufnahme eines christlichen Krankenhauses befand. Wer weiß.
Ich sah nämlich nicht nur das Ende des mit sich selbst, seinen Werkzeugen und seiner Welt überforderten Zauberlehrlings Homo sapiens. Ich sah am Ende, auf das unsere Erde inmitten der allesvernichtenden Raumzeit unweigerlich zuläuft, auch einen neuen Himmel und eine neue Erde. Ich sah, wie Gott abwischen wird alle Tränen und wie der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz. Denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron sitzt, spricht: "Siehe, ich mache alles neu!"
Das sah ich. Und ich hoffe, dass das, was der hellsichtige Seher im allerletzten Buch der Bibel gesehen hat, die Wahrheit ist.
Ach, und meiner Mutter geht es wieder besser – dem Schöpfer und den Schöpfungen seiner Geschöpfe sei Dank.