Ich fürchte, die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist erst der Anfang. Und zwar der Anfang einer Tendenz.

Diese Tendenz sieht so aus, dass die Bundesrepublik Deutschland auf ein farbenvertauschtes US-amerikanisches Zwei-Parteien-System zulaufen wird, also auf eine rot-blaue Blocklandschaft. Man wird nur noch die Wahl zwischen diesen zwei Blöcken haben.

In einem durch die Brandmauer geteilten und gegen die AfD vereinten Deutschland wird künftig jeder, der nicht AfD wählt, zuverlässig Rotrotgrün mit einem Hauch von Schwarz bekommen, das sich durch zahllose Waschgänge der Klementine Angela Merkel ohnehin schon deutlich ins Grünlichrote hinein verfärbt hat.

Selbst Friedrich Merz schimmert ja aufgrund der unwiderstehlichen Strahlkraft von Frau Bas inzwischen strahlenbelastet rötlicher denn je. Hätte ich eine böse Zunge, würde ich sagen, dass die CDU geradezu zum Rotlichtmilieu geworden ist.

Nebenbei bemerkt: Was soll der Bundeskanzler auch machen? Er hat keine Chance. Er gleicht dem Hasen zwischen den beiden Igeln, deren Stacheln ihm den Garaus machen werden. Wendet er sich weiter nach links, ist er erledigt. Wendet er sich weiter nach rechts, ist er ebenfalls erledigt. Es stimmt nicht, dass er nichts mehr zu verlieren hat. Er ist verloren, weil die CDU als CDU verloren ist und weil es auch der CSU nicht gelingen wird, die CDU zu retten. Selbst auf den einstigen CSU-Monokulturen nieder- und oberbayerischer Felder geht längst die Saat der AfD auf.

Die Kirche im roten Block

Ich würde übrigens dringend vorschlagen, es im Blick auf den roten Block, also auf alle Parteien, die künftig gegen die AfD koalieren werden müssen, um eine absolute Mehrheit gegen sie zu erringen, bei der Farbe Rot zu belassen und der Versuchung zu widerstehen, die Farben der Grünen, der Roten, der Dunkelroten und der Schwarzen zu mischen. Denn dabei käme ein Braunton heraus, der einem Vernunftbündnis gegen die AfD ganz sicher nicht stehen würde. Also Rot gegen Blau. Rot, dessen entscheidendes Identitätsmerkmal eben darin besteht, nicht Blau zu sein.

Politisch konservativen Menschen dürfte das alles schwer auf der Seele liegen. Ich vermute sogar, dass sie schwarzsehen könnten, weil sie kein Schwarz mehr sehen. Von der Farbe Gelb reden wir hier besser gar nicht. In der bundesdeutschen Politiklandschaft ist die Wespe mittlerweile quasi ausgestorben.

Zur Pein der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kreuzunglücklichen Konservativen dürfte ferner die sadistische Tatsache beitragen, dass sie von linken Zeitgenossen auch dann noch für Faschisten gehalten werden, wenn sie längst den masochistischen Kotau vor ihnen gemacht und sich um der Verhinderung der AfD willen in den roten Block eingereiht haben.

Eine politisch eher pessimistische Freundin sagte im Blick auf diese blaurote Zwei-Parteien-Blocklandschaft neulich zu mir, am Ende werde es auf die Frage hinauslaufen, ob das Deutschland der Zukunft eher einer dunkelrotgrünlichen DDR oder eher einem blaubraunen vierten, den Hitler-Stalin-Pakt unter anderem Namen und anderen Vorzeichen revitalisierenden Dritten Reich gleichen wird. In der Dämmerung, meinte sie, seien nicht nur alle Katzen grau, sondern auch die Farben der beiden Alternativen für Deutschland nicht zu unterscheiden. Antifa und Fa kämen letztlich auf dasselbe heraus. Ich hoffe, meine Freundin sieht Gespenster.

Schauen wir auf die evangelische Kirche. Außer Frage dürfte stehen, in welchem der beiden Blöcke sie öffentlich sichtbar Platz nehmen wird. Die evangelische Kirche wird künftig — wie Frau Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern — plakativer denn je die Frau gegen Blau sein. Ich prognostiziere, dass sie (also die evangelische Kirche) mit Verve und hoher Identifikationsbereitschaft in die Rolle eines Models für nichtblaue Kleidung schlüpfen wird — und zwar so sehr, dass die Frage, wie Christenmenschen es mit der AfD halten, zur eigentlichen Gretchenfrage und zur eigentlichen Bekenntnisfrage der evangelischen Kirche werden wird.

Die Kirche und der rote Block werden jedenfalls eins sein. Und sie werden jeden mehr oder weniger subtil unter Druck setzen, der es wagt, sich politisch anders zu positionieren als gegen Blau. Wer in der Kirche mit dem Gedanken spielt, seiner Garderobe auch nur einen bläulichen oder schwarzbläulichen Schimmer beizumischen, wird sich warm anziehen müssen. Die Blockwarte werden in dieser Hinsicht ganz sicher kein Pardon kennen.

Konservative Christenmenschen wird all das ratlos, hilflos und heimatlos machen. Es wird sie vielleicht sogar innerlich zerreißen. Mit ihrer schwarzen Kleidung ist kein Staat mehr zu machen. Und blaue Kleidung kommt für weltoffene Konservative mit weitem Herzen und ungebrochenem Ethos bis auf Weiteres nicht in Frage. Am Ende begnügen sie sich damit, das kleine Schwarze verschämt darunter zu tragen.

Für überzeugte rotrotgrüne Christenmenschen dagegen wird die schöne neue Zwei-Blöcke-Welt ein Fest sein. Täglich werden sie ihrem Herrgott danken, dass es kei­ne politisch Konservativen — oder in ihrem Jargon formuliert: keine "Rechten" egal welcher Couleur — in der evangelischen Kirche mehr gibt. Täglich werden sie empört und besorgt über die Existenz der AfD Tränen vergießen. Aber es werden Krokodilstränen sein. Denn hinter vorgehaltenen betenden Händen werden sie ihrem Herrgott noch viel inbrünstiger dafür danken, dass es die Alternative für Deutschland gibt, die sie in diese alternativlose Pole Position gebracht hat.

Eine Kirche, die nicht gegen jemanden sein muss

Ich selbst habe ja trotz meines eher unheilsprophetischen Naturells eine ganz andere, durchaus positive Vision, was die Zukunft der evangelischen Kirche in einer sich zunehmend polarisierenden Zwei-Parteien-Welt und in einer Ein-Parteien-Kirche anbelangt.

Mir wäre es nämlich lieber, wenn sich die evangelische Kirche überhaupt nicht als politische Akteurin, geschweige denn als politische Agentur verstehen, also ihre politische Identität nicht zu ihrem entscheidenden Wesensmerkmal und zu ihrer einzigen öffentlichen Daseinsberechtigung erklären würde.

Mein Plädoyer für eine nichtpolitische Kirche ist dabei mitnichten ein Plädoyer für politische Verantwortungslosigkeit. Jeder Christ und jede Christin an jeder Wahlurne und in jeder Alltagssituation, nicht allein die NGO-Kirche, die allzu oft die Alleinvertretung des prophetischen Amtes beansprucht, trägt politische Verant­wor­tung — und zwar vor Gott und den Menschen. Dass es zur politischen Perspektive von Christen gehört, auch an die Perspektive Gottes zu erinnern, macht den Unterschied zwischen politischen Christen und politischen Nichtchristen aus. Letztere werden dazu neigen, die Politik für die letzte Wirklichkeit zu halten. Erstere werden die Politik gelassen, aber darum nicht weniger engagiert im Reich der vorletzten Dinge verorten.

Gewiss braucht eine Gesellschaft und eine Kirche Menschen, die die gegen Rechtsradikalismus aufstehen. Ebenso braucht es in Kirche und Gesellschaft Menschen, die gegen Linksradikalismus aufstehen. Und natürlich auch gegen Antisemitismus und gegen Islamismus. Gegen Menschenrechtsverletzungen sowieso. Aber kein Mensch braucht eine Kirche gegen Rechts. Ebensowenig, wie kein Mensch eine Kirche gegen Links, gegen Gelb, gegen Grün, gegen Rosa, gegen Grau oder gegen was auch immer sonst braucht. Und zwar deshalb nicht, weil eine solche Gegen-Kirche mit ihrem Gegen-Sein womöglich nur zu verschleiern und davon abzulenken versuchen würde, wie tief ihre Identitätskrise reicht, wie leer und traurig es in ihrem eigenen Inneren aussieht und wie dunkel es in einer erloschenen Kirche ohne göttliches Oberlicht geworden ist.

Umso mehr braucht es eine Kirche für die Menschen, in der Menschen anders gesehen werden, weil sie von Gott her aufeinander blicken und beglänzt vom barmherzigen Licht Gottes einander sein lassen und einander streitbar und versöhnungsbereit begegnen können. Die Kirche sollte ein Raum sein, in dem die Spielregel, dass jede politische Karte jede theologische Karte sticht, nicht gilt. Sie sollte ein Raum sein, in dem die Politik nicht das letzte Wort hat und nicht die letzte und allesentscheidende Wahrheit ist. Ein Raum, in dem auch politisches Engagement möglich und sinnvoll ist, in dem Menschen aber nicht an ihren politischen Gesinnungen gemessen und nicht nach ihren politischen Gesinnungen beurteilt und verurteilt werden. Und zwar deshalb, weil die Kirche ein Raum ist, in dem Gott das letzte Wort hat und in dem Gott die letzte Urteilsinstanz und die letztentscheidende Wirklichkeit und Wahrheit ist.

In einem solchen Raum Gottes würden sich dann vielleicht tatsächlich alle, auch die im roten Block politisch heimatlosen Konservativen und hoffentlich auch die Nichtkonservativen aufgehoben fühlen. Natürlich würde vielen Christinnen und Christen auf ihren Stammplätzen, Ehrenlogen oder Hinterbänken im roten Block etwas fehlen, wenn die Kirche ihren moralischen Zeigefinger senken und sich nicht mehr auf ihr geliebtes prophetisches Wächteramt berufen würde. Aber genau dafür plädiere ich. Ich plädiere für eine Kirche, die der Versuchung widersteht, im Bewusstsein des eigenen Gutseins mit dem moralischen Zeigefinger auf politisch missliebige Andere zu zeigen und daraus ihre Existenzberechtigung und ihre pseudospirituelle Befriedigung zu ziehen.

Dem politischen Gegner Raum lassen

Ich finde also, dass die Kirche gerade in Zeiten politischer Polarisierung ihr priesterliches, also ihr stärkendes, trostspendendes und versöhnendes Amt wiederentdec­ken sollte. Ich wünsche mir jedenfalls eine Kirche, die keine Brandmauerbastion, son­dern ein seelsorgerlicher, von Ausschließungswünschen aus der Diskurs- und Glaubens­gemeinschaft und von den Versuchungen der Cancel Culture verschonter Safe Space ist. Und zwar ein Safe Space auch für die, von denen man ganz genau zu wissen glaubt, dass sie nicht nur Andersdenkende, sondern falsch Andersdenkende sind.

Gerade in einer Kirche, die vollmundig und kategorisch gegen Hass und Hetze ist, hasst man die anders und falsch Andersdenkenden und Anderslebenden ja oft leichter und lockerer, als dass man sich herablassen würde, den Verhassten ihren Hass und ihre Hetze nicht mit gleicher Münze heimzuzahlen, also nicht gegen sie zu hetzen, sondern ihnen eine Existenzberechtigung zuzugestehen und vielleicht sogar mit ihnen zu reden.

Zahllose Exegeten und Predigerinnen wurden in der Vergangenheit nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Jesus sich mit Zöllnern und Sünderinnen, also mit denjenigen an einen Tisch gesetzt hat, die von den selbsternannten Guten und von den ethisch und theologisch Überlegenen leichter zu verachten als zu akzeptieren oder gar zu lieben waren. Nur schien es mir manchmal, als habe man sich die Zöllner und Sünder so zurechtgeschnitzt, wie man sie am liebsten haben wollte — also eher als favorisierte und romantisierte Opfer denn als ungeliebte Täter und verhasste Akteure, mit denen man noch immer nicht wirklich etwas zu tun haben wollte im Raum von Kirche und Theologie.

Gegenwärtig käme es aber, so meine ich, für Kirche und Theologie mehr denn je darauf an, mit der neutestamentlichen Überlieferung des moralgrenzüberschreitenden Jesus von Nazareth Ernst zu machen und an die größte und unmöglichste Zumutung des Evangeliums zu erinnern: die Feindesliebe nämlich, unter der durchaus auch die Liebe zum politischen Feind zu verstehen ist.

Überdies scheint es mir notwendig und notwendend, sich eine sehr heilsame Unterscheidung Martin Luthers vor Augen zu führen — die Unterscheidung zwischen Person und Werk nämlich, also zwischen einem Menschen und dessen Äußerungen und Aktionen.

Man könnte es auch anders sagen. Und zwar so: Die Würde eines Menschen kann nicht durch das zerstört, verringert oder vergrößert werden, wovon dieser Mensch überzeugt ist, was dieser Mensch tut, was er verbricht und was er unterlässt. Wer in Luthers Sinn zwischen Person und Werk unterscheidet, wird einen Menschen nicht ohne Weiteres mit dessen politischer Gesinnung identifizieren und religiöse Kommunikation nicht umstandslos mit moralisierender Kommunikation ineinsfallen lassen können. Das liest sich wie eine Binsenweisheit, ist aber vor allem in politmoralistisch scharfgestellten, zu Letztverurteilungen neigenden protestantischen Zeiten fern davon, eine solche zu sein.

Mag sein, dass Christenmenschen, die die AfD verharmlosen und ihren Erfolg für eine logische Konsequenz einer volkswillenfernen und problemrealitätsentkoppelten Politik der etablierten Parteien halten, naiv und leichtfertig denken und handeln. Mag sein, dass all diejenigen, die in der AfD schlicht einen neuen Spieler auf dem Spielfeld sehen, blind dafür sind, wie gefährlich, wie spielzersetzend und wie spielfeldzerstörend dieser Spieler ist. Mag sein, dass diesem Spieler also besser durch einen Platzverweis als durch das bessere Spiel der anderen Spieler seine Grenzen aufgezeigt werden sollten. Mag sein, dass es im Blick auf die AfD blauäugig, ja grobfahrlässig ist, einen Unterschied zwischen dem Spieler und dem Spiel zu machen, das dieser Spieler spielt.

Und doch würde ich — und zwar nicht aus politischer, sondern aus christlicher Überzeugung — ungern die Vorstellung preisgeben, dass das Spielfeld der Kirche nicht das Spielfeld der Welt ist und es in der Kirche anders zugehen sollte als in der Welt, weil die Kirche zwar in der Welt, aber nicht von der Welt ist. Ich bin daher als Christ davon überzeugt, dass Christen besser daran tun, nicht als Oberschiedsrichter, die sie nie und nimmer sein können, aus ihrem roten Block heraus die rote Karte zu zücken. Vielmehr sollten sie auch dem politischen Gegner Raum im Raum Gottes lassen, in dem es weder einen roten noch einen blauen Block gibt. Sie sollten dem Gegner diesen Raum schon allein deshalb lassen, weil dieser Raum Gottes allein Gott und nicht denjenigen Men­schen gehört, die es besser als Gott zu wissen meinen, wem dieser Raum Gottes gehört.

Das letzte Wort hat nicht die Politik

Ich will damit beileibe nichts beschönigen, entschuldigen oder als Petitesse dahingestellt lassen, was politisch und moralisch unter gar keinen Umständen gutgeheißen werden kann und daher auch nicht trickreich und dialektisch hintenherum gerechtfertigt oder gar heiliggesprochen werden sollte. Aber ich glaube als Christ, dass es mitnichten naiv, leichtfertig und grobfahrlässig ist, jeden Menschen — egal, welcher politischen Färbung — als Kind Gottes anzusehen, das letzte Urteil über jeden Menschen allein Gott zu überlassen und selbst dem erklärten Feind nicht nur einen kritischen, sondern auch einen barmherzigen Blick und nicht nur ein kritisches, sondern auch ein barmherziges Wort zu gönnen. Und ich traue es Christenmenschen sogar zu, einander trotz aller unversöhnlicher Differenzen dieses Wort zu gönnen. Wo sonst, wenn nicht in der christlichen Kirche und unter Christenmenschen, sollte dies möglich sein?

Kein Mensch lebt jedenfalls aufgrund seines eigenen Gutseins. Kein Mensch wird dadurch gut geschweige denn gerettet und erlöst, dass er dem Bild entspricht, das sich andere Menschen von einem guten Menschen machen. Das Herz des evangelisch-lutherischen Bekenntnisses ist nicht die Rechtfertigung des Guten, des für gut Gehaltenen oder gar des Selbstgerechten, sondern die Rechtfertigung des Gottlosen allein aus Gnade. Und wer wäre nicht gottlos.

Paulus wusste schon, was er sagte, als er in Römer 3 Vers 10 schrieb: "Da ist keiner, der gerecht ist. Kein Einziger."

Vielleicht macht es diese Erkenntnis Linken, Liberalen, Konservativen und Rechten leichter, wider allen Widerwillen den inneren und äußeren Schweinehund zu überwinden, Psalm 18 Vers 30 zu beherzigen und sich zu sagen: "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen." Auch und gerade in einer Kirche der gerechtfertigten bußfertigen Sünderinnen und Sünder.

Schön wär’s.

Ralf Frisch: "Mehr Opium fürs Volk"

Ob es um ganz alltägliche Dinge wie das Smartphone neben dem Kopfkissen oder um existenzielle Themen wie Schuld und Vergebung geht, ob er nach der Bedeutung von Christi Himmelfahrt oder nach dem spirituellen Gehalt von Christbaumleichen fragt: Ralf Frisch findet in seinen Kolumnen immer einen originellen Zugriff auf das Thema und eröffnet so neue, manchmal völlig unerwartete Perspektiven. Mit bissigem Humor und spitzer Feder hält er unserer Zeit den Spiegel vor, ganz in der Tradition des "weisen Narren". Seit 12. März 2026 erhältlich.

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