Wenn die Bundesliga-Saison beginnt, schlagen die Herzen der Fans höher – voller Hoffnung auf Siege, Aufstieg oder Meisterschaft. Doch was passiert, wenn man für den eigenen Verein betet? Militärbischof Bernhard Felmberg, ehrenamtlicher Stadionpfarrer im Berliner Olympiastadion, gibt Einblicke in die besondere Verbindung von Glauben und Fußball.

Ich bin Fan vom VfL Bochum. Kann ich dafür beten, dass diese Saison der Wiederaufstieg klappt?

Bernhard Felmberg: Für Gott ist kein Thema zu klein. Man kann auch dafür beten, dass Bochum aufsteigt. Das Gebet ist für uns Christen ein Gespräch mit Gott. In diesem Gespräch können belastende, aber auch fröhliche Themen angesprochen werden. Da gehört der Fußball natürlich auch dazu.

Wenn Tausende für den Sieg ihrer jeweiligen Mannschaft beten – wonach entscheidet Gott dann?

Das müssten Sie Gott selbst fragen. Ich glaube daran, dass Gott diese Welt in seiner Hand hält, dass er diese Welt führt. Jeder, der betet, merkt schnell, dass das Gebet kein Automat ist. Es kommt am Ende nicht immer das Ergebnis heraus, für das man gebetet hat. Jesus hat selbst im Garten Getsemane diese Erfahrung gemacht, als er dafür gebetet hat, nicht zu sterben. Aber er sagte im Gebet auch: "Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe". Im Vaterunser beten wir ebenfalls "Dein Wille geschehe". Es ist am Ende der Wille Gottes, dem wir uns anvertrauen und auf den wir hoffen.

"Martin Luther war der Ansicht, dass der eigene Wille gar nicht so frei ist, wie wir denken"

Was ist mit dem freien Willen des Menschen?

Das ist eine tief theologische Diskussion. Erasmus von Rotterdam war der Verfechter des freien Willens. Martin Luther war hingegen der Ansicht, dass der eigene Wille gar nicht so frei ist, wie wir denken. Er hat die Frage gestellt: Wie viel entscheidet man denn wirklich frei im Leben? Damit hat Luther bei mir einen Punkt gesetzt. Bin ich wirklich durch meine aktive Entscheidung diesen oder jenen Weg im Leben gegangen oder waren das nicht eher Fügungen, die sich so ergeben haben? Bei der Antwort darauf bin ich eher auf Luthers Seite und sage: So weit her ist es mit dem freien Willen vielleicht gar nicht.

Unser Gesprächspartner

Bernhard Felmberg ist evangelischer Militärbischof der Bundeswehr. Außerdem ist er seit 1999 Sportbeauftragter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und war 2006 Mit-Initiator der Kapelle im Berliner Olympiastadion. Dort feiert er vor jedem Heimspiel von Hertha BSC zusammen mit dem katholischen Diakon Gregor Bellin eine ökumenische Andacht.

Wie geht man damit um, wenn das, wofür man gebetet hat, nicht eintritt?

Indem man erkennt, dass Gottes Wille über das hinausgeht, was man sich in dem Moment gewünscht hat. Wir sollten nicht aufhören, daran zu glauben, dass das Gebet auch Dinge verändern kann. Aber die Erfüllung des Gebetes ist nicht notwendigerweise der Weisheit letzter Schluss. Manchmal steckt darin, dass es anders kommt als erhofft, ja auch die Möglichkeit für eine neue Wendung im Leben. Das kann uns mit einer Gelassenheit auf das Leben blicken lassen.

"Das gibt uns Christen Zuversicht und ist auch ein Versprechen"

Auch, wenn es um den Tod geht?

Das sind Situationen, in denen wir als Christen an unsere Grenze stoßen. Man betet dafür, dass ein Mensch gesund wird, aber er wird es nicht. Es kann ein Trost sein, dass nach dem Tod das ewige Leben bei Gott steht. Das gibt uns Christen Zuversicht und ist auch ein Versprechen.

Sie sind ehrenamtlich Stadionpfarrer im Olympiastadion und halten zusammen mit ihrem katholischen Kollegen vor jedem Heimspiel von Hertha BSC eine ökumenische Andacht. Wofür beten Sie dort?

Es ist eine Andacht, zu der sowohl Fans von Hertha BSC wie auch von der Gastmannschaft kommen. Deshalb beten wir für Dinge, die von beiden Seiten mitgetragen werden. Wir beten dafür, dass es ein schönes Spiel wird, dass sich keiner verletzt und Polizei und Sanitäter möglichst wenig zu tun haben. Aber natürlich werden manche Hertha-Fans auch still dafür beten, dass Hertha doch mal ein Spiel gewinnt, und die Gästefans werden dafür beten, dass sie einen Auswärtssieg sehen.

Wer kommt zu der Andacht?

Die Andachtsbesucher sind eine gemischte Gruppe. Die Fans kommen in ihren Trikots, das Bier müssen sie aber am Eingang stehen lassen. Es kommen Jugendmannschaften, Konfirmandengruppen und manchmal auch Vereinsverantwortliche. Da sind Menschen dabei, die evangelisch oder katholisch sind, aber auch Menschen mit anderen Religionen und Menschen, die nicht religiös sind und so eine Stadionandacht einfach mal erleben wollen.

Sie sind Hertha-Fan. Ziehen Sie nach der Andacht den Talar aus und das Hertha-Trikot an?

Nein, auch während des Spiels trage ich eher gedeckte Kleidung, wie man es von einem Pastor im Dienst erwartet. Das heißt nicht, dass ich mich nicht auch mal in eine Hertha-Kutte werfen würde – aber nicht an den Tagen, an denen ich auch als Pastor tätig bin.

"Das Evangelium verkünden und Fußball schauen"

Ein Heimspiel ist für Sie also ein Arbeitstag.

Natürlich ist es ein Tag, an dem ich auch arbeite. Aber meine ehrenamtliche Arbeit an Spieltagen ist die Verbindung von Tätigkeiten, die ich gern tue: Das Evangelium verkünden und Fußball schauen. Dass ich an solchen Tagen beidem nachgehen kann, ist großartig.

Sind Sie nach dem Spiel auch Seelsorger der Fans?

Ja, danach kommen immer wieder Menschen auf mich zu. Aber auch unabhängig von Fußballspielen sind mein katholischer Kollege, Diakon Gregor Bellin, und ich als Seelsorger für die Gemeinde da. Wir haben 50 bis 80 regelmäßige Andachtsbesucher, die immer wieder kommen. Teilweise habe ich deren Kinder getauft, sie mit ihrem Partner oder Partnerin getraut und den Opa oder die Oma beerdigt. Zusätzlich sind wir auch mit Vereinsverantwortlichen und Spielern in Kontakt, bei denen es nicht nur um ein verlorenes Spiel, sondern auch um die Karriere und die eigene Lebensplanung geht. In unserer Gemeinde im Olympiastadion gibt es viele Situationen, in denen wir als Seelsorger gefragt sind.

Die ganze Bandbreite der Gemeindearbeit im Fußballstadion.

Mir ist es wichtig, dass unsere Kirche mitten im Leben ist und nicht nur in klassischen Gemeinden. Dass sie auch an Orten wie dem Fußballstadion ist. Dadurch zeigen wir gerade jungen Menschen, dass ihre Kirche auch überraschen kann und lebendig ist.