"Ich war noch nie in einer Kirche." Das sagte ein Teilnehmer zu Wolfram Lehmann, bei einem der früheren "Motor und Message"-Gottesdienste. Für den Pfarrer war dieser eine Satz das Entscheidende an dem Nachmittag. Denn da stand jemand vor ihm, der den Weg in eine Kirche nie gefunden hatte – zu einem Gottesdienst auf einem Supermarktparkplatz aber schon.

Am Sonntag, 20. September, versucht Lehmann wieder Autos, Glaube und Menschen zusammenzubringen. Ab 13 Uhr treffen sich die Fahrzeuge auf dem Aldi-Parkplatz neben der Tirschenreuther Erlöserkirche in der Äußeren Regensburger Straße, um 14 Uhr beginnt der Gottesdienst. Was dann fehlt, gehört sonst selbstverständlich dazu: die Kirchenglocken. Stattdessen dringt Motorengeräusch über den Parkplatz. Auf der Leinwand laufen Bilder aus einem fahrenden Rennwagen. Wenig später steht Lehmann im Talar vor der Gemeinde, und es geht um die Bibel, um Gott und um das Leben. 

"Wir haben aus den bisherigen Gottesdiensten gelernt, dass das grundsätzliche Konzept gut ist, sich bewährt hat und die Menschen erreicht", sagt Lehmann. Im Kern bleibe es ein traditioneller Gottesdienst, nur an einzelnen Stellen "ganz bewusst moderner, frischer, freier, offener". Zum Selbstzweck soll die Form nicht werden: "Am Schluss zählt da wirklich das Herz. Die Form drückt es aus, ist aber nur Mittel zum Zweck."

Niemand muss erst kirchentauglich werden

Dahinter steht ein einfacher Gedanke: Niemand soll das Gefühl haben, sich erst verändern zu müssen, bevor er in eine Kirche passt. Kleidung, Lebensentwurf, Vorstellungen davon, was als gepflegt gilt – all das soll keine Hürde sein. "Wir schauen darauf, dass wir erst einmal die Menschen so nehmen, wie sie wirklich sind. Dass wir sie von Herzen willkommen heißen", sagt Lehmann.

Verstellen will sich dabei auch die kirchliche Seite nicht. Pfarrer, Talar, Predigt, Bibel und Gebet bleiben. Daneben stehen moderne Musik, Videos, Autos und Begegnung. Gerade die Mischung macht es aus.

Motorräder seien für viele Menschen etwas stark Emotionales, mit Autos verhalte es sich ähnlich – und genau das lasse sich als Zugang nutzen. Wer jemanden über das anspricht, was ihm wichtig ist, zeigt Wertschätzung. "Das heißt: Du bist mir wichtig. Das, was dir wichtig ist, ist wichtig. Das öffnet die Herzen."

Gemeint sind nicht nur Liebhaber von Klassikern und Youngtimern. Lehmann denkt auch an jene, die beruflich täglich Kilometer abspulen und froh sind, abends heil anzukommen. Aus den bisherigen Terminen weiß er allerdings: Es kommen vor allem die, für die das Fahrzeug mehr ist als ein Verkehrsmittel.

Ein Gast mit Brüchen in der Biografie

Besonderer Gast ist diesmal Pontus J. Back. Der finnische Musiker und Rockpastor war im Umfeld und auf Tour mit Mitgliedern von Whitesnake und Status Quo unterwegs. Seine Geschichte handelt von Musik, Sucht, Lebenskrisen, Glauben und einem Neuanfang.

Lehmann kennt ihn aus seiner Tätigkeit als Gefängnispfarrer in Hof, wo Back bei Gottesdiensten hinter Gittern zu Gast war. "Mich hat es sehr beeindruckt, wie normal und klar er über seine Erlebnisse spricht. Ohne jeden bösen Zeigefinger, ohne jede Überheblichkeit." Später las er sich in dessen Biografie ein und stieß auf eine Verbindung zu Autos und Youngtimern. Damit war die Einladung beschlossen.

Zum Gottesdienst passt die Geschichte für Lehmann vor allem wegen eines Wortes, das hier doppelt gilt: "Das entscheidende Stichwort Unterwegssein ist weniger das Unterwegssein mit einem Fahrzeug, sondern das Unterwegssein im Leben." Herausforderungen habe jeder. Er sei sicher, dass sich viele Besucher an irgendeiner Stelle in Backs Erfahrungen wiederfinden.

Dass ein Name aus der Rockmusik zieht, bestreitet Lehmann nicht – nur gewichten will er es anders. "Dann hat er nicht weniger und nicht mehr zu sagen als alle anderen, die im Leben erfolgreich ihr Leben gelebt haben und Herausforderungen bewältigt haben. Aber er erzeugt einfach mehr Aufmerksamkeit." Erst höre man wegen der ungewöhnlichen Biografie hin. Dann merke man, dass da jemand tatsächlich etwas zu sagen hat.

Segen auf dem Parkplatz

Mit dem Schlusssegen ist der Nachmittag nicht vorbei. Fahrzeugshow, Essen, Getränke und Live-Musik gehören zum Konzept, nicht zum Rahmenprogramm. Gemeinschaft sei wesentlicher Teil der Sache, sagt Lehmann: Auch in den biblischen Geschichten gehe es nicht nur um Reden und Predigten, sondern immer wieder um Begegnungen und gemeinsames Essen. Das tue Menschen gut – und es sorge dafür, dass sie sich ernst genommen fühlen.

Dazu passt der Auftritt von Karsten Schaller von der Tourismusseelsorge. Er macht nach dem Gottesdienst draußen ein Segnungsangebot, zwischen den geparkten Autos. Wieder stoßen zwei Welten zusammen. "Wir bieten was sehr Kirchliches an, eine Segnung, machen das aber in einem weltlichen Rahmen, nämlich direkt auf dem Parkplatz", sagt Lehmann.

Was dabei entstehen kann, vergleicht er mit dem Kennenlernen eines fremden Menschen: erst der äußere Eindruck, dann das Gespräch, das die Wahrnehmung verschiebt – und vielleicht der Anfang von etwas. "Durch solche kurzen, einfachen Begegnungen, finde ich, können bereits Anfänge einer Beziehung wachsen." Auch bei jemandem, der noch nie in einer Kirche war.