Am Morgen des 25. Mai 2026 brachen die ersten in weiße Gewänder gehüllten Pilger:innen aus Mekka in Richtung der Zeltstadt Mina auf – der Beginn eines seit fast 1.400 Jahren in nahezu unveränderter Form vollzogenen Rituals.
Dass in diesem Jahr ein brüchiger Waffenstillstand in einem Krieg galt, in dem der Iran als Vergeltung für den Angriff der USA und Israels auch Saudi-Arabien angegriffen hatte, hielt kaum jemanden zurück. Bis zum Wochenende zählte Saudi-Arabien bereits mehr als 1,5 Millionen internationale Anreisende – mehr als im Vorjahr.
Was ist der Hadsch?
Der Hadsch ist die islamische Pilgerfahrt nach Mekka und gilt als die fünfte Säule des Islam. Jede:r freie, volljährige und gesunde Muslim:in, dem es finanziell möglich ist, ist verpflichtet, einmal im Leben daran teilzunehmen. Diese Pflicht ist im Koran in Sure 3, Vers 97 verankert.
Die Pilgerfahrt findet jährlich im letzten Monat des islamischen Mondkalenders, Dhu l-Hiddscha, statt und ist auf die Tage 8. bis 12. dieses Monats beschränkt. Wer die Pilgerfahrt vollzogen hat, darf den Ehrentitel Hādsch tragen.
Die historischen Wurzeln
Die Ursprünge des Hadsch liegen in vorislamischer Zeit. Ursprünglich umfasste das Ritual nur die Stationen in der Arafāt-Ebene, in Muzdalifa und in Mina. Die Kaaba in Mekka spielte keine Rolle.
Aufgrund der Zeitpunkte der Prozessionen vermuten Religionswissenschaftler:innen, dass es sich um ein Ritual der Sonnenverehrung handelte. Erst im Jahr 632 ordnete Mohammed im Rahmen seiner sogenannten Abschiedswallfahrt die Abläufe der Wallfahrt neu – unter anderem, um sich bewusst von vorislamischen religiösen Praktiken abzusetzen. Seither gilt diese Wallfahrt als Norm für alle nachfolgenden Generationen.
Ablauf: Fünf Tage, die ein Leben verändern
Der Hadsch folgt einem streng geregelten Ablauf über mehrere Tage. Zu Beginn steht das Anlegen des Ihram, des weißen, ungesäumten Pilgergewands. Es symbolisiert die äußere Gleichheit unter den Gläubigen und ist mit einer spirituellen Reinigung verbunden.
Die wichtigsten Rituale im Überblick:
Tag 1: Anlegen des Pilgergewands, siebenmaliges Umschreiten der Kaaba gegen den Uhrzeigersinn. Siebenfacher Lauf zwischen den Hügeln Safa und Marwa. Übernachtung in der Zeltstadt Mina.
Tag 2: Stehen in der Ebene Arafāt – emotionaler Höhepunkt der Wallfahrt. Gebet und Bitte um Vergebung bis Sonnenuntergang
Tag 3: Symbolische Teufelssteinigung in Mina. Haaropfer, Schlachten von Opfertieren (Eid al-Adha, auf Deutsch: Opferfest)
Tage 4 und 5: Weitere Steinigungsriten, siebenmaliges Umschreiten der Kaaba als letzter Akt.
Hadsch 2026: Zwischen Glauben und Geopolitik
In diesem Jahr überlagert ein außergewöhnlicher Kontext die Wallfahrt: Seit April gilt eine brüchige Waffenruhe im amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran. Die US-Botschaft in Riad empfahl amerikanischen Staatsbürger:innen, auf die Teilnahme zu verzichten. Saudische Sicherheitsbehörden betonten in einer Pressekonferenz, die Sicherheit der Pilger:innen habe bei allen Planungen "höchste Priorität".
Dass sich die Teilnehmerzahl trotzdem erhöht hat, überrascht im Kontext der Geschichte des Hadsch wenig. Die religiöse Verpflichtung, die Einmaligkeit der Erfahrung und die schiere Bedeutung des Rituals im Leben gläubiger Muslim:innen wiegen schwerer als politische Risikoabwägungen – ein Befund, der sich historisch immer wieder bestätigt hat.
Hitze, Massen, Infrastruktur
Neben der geopolitischen Lage sind es strukturelle Probleme, die den Hadsch regelmäßig überschatten. Für 2026 sind Temperaturen von bis zu 47 Grad Celsius vorausgesagt. Im Jahr 2024 kamen bei ähnlichen Bedingungen mehr als 1.300 Menschen ums Leben, darunter allein 658 Ägypter:innen – viele von ihnen hatten keine offiziellen Haddsch-Visa, sondern reisten aus Kostengründen mit Touristenvisa an und hatten keinen Zugang zu staatlich eingerichteten Kühlstationen.
Seit 1990 sind bei Massenpaniken allein mehr als 5.000 Pilger:innen ums Leben gekommen, der schlimmste Einzelvorfall 2015 mit bis zu über 2.500 Toten. Hinzu kommen Brände, Kranabstürze und Hitzewellen.
Saudi-Arabien investiert seit Jahrzehnten erheblich in die Infrastruktur: Die fünfstöckige Dschamarat-Brücke wurde speziell gebaut, um Massenpanik bei den Steinigungsritualen zu entschärfen. Dennoch ist die Logistik einer Veranstaltung, die bis zu drei Millionen Menschen auf engstem Raum zusammenbringt, eine der größten organisatorischen Herausforderungen weltweit.
Hinzu kommt die politische Dimension: Saudi-Arabien nutzt die Rolle als Hüter der heiligen Stätten als zentrales Element seiner internationalen Legitimation. Die jährliche Vergabe von Länderkontingenten für Haddsch-Visa ist seit Jahren Gegenstand diplomatischer Auseinandersetzungen – zuletzt zwischen den Saudis und Iran, dem größten schiitischen Staat der Welt.
Ein Ritual, das keine Krise aufhält
Der Hadsch ist mehr als nur eine religiöse Pflichtübung. Für Millionen von Muslim:innen ist er ein Lebensereignis, auf das sie jahrelang sparen und warten.
Dass er trotz Krieg, extremer Hitze und logistischer Herausforderungen auch 2026 stattfindet und mehr Pilger:innen als im Vorjahr anzieht, zeigt seine kaum zu überschätzende Bedeutung für den Glauben.