Auf diese Bedürfnisse habe auch der Claudius-Verlag reagiert, etwa mit seinen Neuerscheinungen im Herbstprogramm zur Zukunft der Kirche, sagte Scherer.

Dabei beschreibe der Autor Reimer Gronemeyer den abnehmenden gesellschaftlichen Einfluss der Kirche als Chance für eine radikale Neubesinnung auf die ursprünglichen Werte des Christentums. Der Theologe und Psychologe Stefan Seidel zeige die scheinbar widerstrebenden Erwartungen des modernen Menschen nach Transzendenz und gleichermaßen nach Freiheit und Souveränität.

Im aktuellen Verlagsprogramm analysierten Jan Feddersen und Philipp Gessler in "Phrase Unser" die Sprache der Kirchen und vermuteten mit guten Gründen genau dort die Entfremdung zwischen der Institution Kirche und dem Individuum, sagte der Leiter des Claudius-Verlags, der unter dem Dach des Evangelischen Presseverbands für Bayern ein breites Spektrum von christlichen Titeln, Sachbüchern und Büchern für den Religionsunterricht verlegt.

Die Corona-Wochen sieht Scherer als sehr deutliche Lektion für die Kirchen.

Denn systemrelevant in dieser Zeit seien Krankenschwestern, Paketboten und Kassenkräfte gewesen, nicht aber Pfarrerinnen und Pfarrer. "Auch die Lücken inmitten des Lockdowns hätten Klartext gesprochen: "Baumarkt offen, Gotteshaus zu, Gartenzwerge ja, Sterbesakramente nein", sagte Scherer in dem BuchMarkt-Interview.

Die Entwicklung zeige, dass man die Kirche nicht mehr in jedem Dorf lassen könne. Nach einer sicher bald beginnenden Phase interner Verteilungskämpfe stünden die Zeichen auf Rückbau und Umbau, sagte Scherer. Deshalb werde das flächendeckende Netz der Gemeinden Risse bekommen, die kirchlichen Werke und Dienste müssten das Sparen buchstabieren.

Bei diesen Veränderungsprozessen gehe es auch um grundsätzliche Fragen wie Bildung, die Zukunft des schulischen Religionsunterrichts, die Zahl der theologischen Fakultäten an den Universitäten und das System der Kirchensteuer.

Auch in Zukunft werde Religion für viele Menschen ein Balsam gegen die Wunden der Zeit bleiben, ist Scherer überzeugt. Je kleiner die Kirche werde, desto größere Bedeutung bekommen die einzelne Person.

"Mehr Mitgestaltung, mehr Transparenz, mehr Gemeinschaft könnten tröstliche Konsequenzen eines Prozesses sein, der dann nicht bloß Schrumpfung, sondern tiefgreifende Transformation wäre", sagte Scherer.

Es müsse dann darum gehen, das "Kleiner-Werden" auszugestalten und nicht einfach nur zu erdulden.