Das Diakonissen-Mutterhaus Hensoltshöhe in Gunzenhausen stellte sich, wie viele andere protestantische Einrichtungen, im nationalen Taumel des Frühjahres 1933 auf die Seite der braunen Bewegung. Man empfing "Frankenführer" Julius Streicher mit großem Bahnhof und ermöglichte dem selbst ernannten "größten Antisemiten aller Zeiten" eine Rede in der überfüllten Zionshalle.
Der emeritierte Kirchenhistoriker Bernd Brandl aus Bad Liebenzell hat für ein großes Forschungsprojekt die Geschichte der damals über 1.000-köpfigen Schwesternschaft um Rektor Ernst Keupp recherchiert. Sie hielten bis zum Kriegsende Hitler unverbrüchlich die Treue. Man hätte sich vorgenommen, der Welt zu zeigen, "dass Nationalsozialismus und Christentum eben doch zusammenpassen", stellt Brandl fest: "Sie haben sich dabei aber völlig verrannt und auch später nicht die Kraft gehabt, ihr Versagen einzusehen."
Brandl ist einer von 25 Autorinnen und Autoren, die mit ihren Forschungen über Einrichtungen der Diakonie in Bayern während der NS-Zeit das Fundament für eine Ausstellung "Diakonie im Nationalsozialismus" im Diakonie-Museum Rummelsberg legen. Die Geschichte der Diakonie in Bayern sei noch schlecht erschlossen und es gebe keine Institution, "die sich dafür zuständig fühlt", stellt der Leiter des Diakoniemuseums in Rummelsberg, Thomas Greif, fest. Zu seiner Freude finanziert die evangelische Landeskirche das von ihm angestoßene Forschungsprojekt.
Weltnaschuungen prallen aufeinander
Nach seiner Ansicht ist die spannende Frage innerhalb des Projekts: "Was passiert, wenn zwei völlig unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander prallen?" Eine Weltanschauung, die vom christlichen Menschenbild ausgeht, die in der inneren Mission die Ideale der Barmherzigkeit hochhält: "Das Interesse und die Fürsorge für arme, alte schwache, behinderte und kranke Menschen. Sie stößt auf eine Weltanschauung, die mit all diesen Gruppen der Bevölkerung nichts anfangen kann und diesen Gruppen das Lebensrecht abspricht. Mit zunehmender Zeit findet das Regime mehr mörderische Systeme, um wirklich diese Bevölkerungsgruppen auszurotten." Es trifft Obdachlose, Wanderarbeiter oder behinderte und alte Menschen.
In der Ausstellung werde es sehr stark darum gehen, wie sich die Innere Mission zu den Anforderungen der NSDAP verhielt. "Widerstand geleistet hat keiner im kirchlichen Umfeld, genauso wie man niemanden als Täter bezeichnen kann", ordnet der promovierte Historiker die Lage ein. "Die eigenartig offene Haltung der Protestanten zum Nationalsozialismus ist nichts Diakonie-Spezifisches, das gilt für den ganzen bayrischen Protestantismus."
Greif hat das Phänomen bereits in seiner Promotion "Frankens braune Wallfahrt - der Hesselberg im Dritten Reich" untersucht. Auch bei der Diakonie, die damals Innere Mission hieß, habe der Nationalsozialismus "völlig unerklärliche Begeisterung" ausgelöst.
Die Rummelsberger Anstalten betreuten in der Nazi-Zeit keine geistig behinderten Menschen. Deswegen waren sie von der sogenannte Euthanasie 1940/41 nur sehr am Rande betroffen. Als aber eine Ärztekommission in ein Rummelsberger Altenheim kam, um einige alte Männer mit leichten Behinderungen zu deportieren, habe der damalige Rektor Karl Nicol sie hinausgeworfen. "Das konnten sie aber auch nur tun, weil es nur so wenige waren und sie sich die Verpflegung dieser Leute leisten konnten." In Neuendettelsau betreute die Diakonissenanstalt 1.200 Leute. "Für 1.200 Menschen kann man nicht die Kosten selbst übernehmen, da muss man eine andere Entscheidung fällen."
Tausend verschiedene Graustufen
"Je mehr man in die Tiefe des Materials einsteigt, stellt man fest, dass man im ganzen System von Kirche und Diakonie schwer einen Täter benennen kann, der in einem juristischen Sinne Blut an seinen Händen kleben hat", sagt Greif. Genauso wenig finden er und die anderen Forscherinnen und Forscher einen Widerstandskämpfer. Ein Pfarrer, der sich einmal weigert, die Hakenkreuzflagge zu hissen, sei noch kein Widerstandskämpfer, so Greif. Es gebe kein Schwarz-Weiß, sondern tausend verschiedene Graustufen. Das wolle die Ausstellung einem breiteren Publikum nahe bringen, zugleich die Opfer mit einzelnen Porträts würdigen.
Auf 150 Quadratmetern Ausstellungsfläche könne die Ausstellung den "eigentlich fälligen Schritt, die Geschichte an die Gegenwart anzudocken" nicht leisten, bedauert der Museumsleiter. Man werde versuchen, das Manko im pädagogischen Programm aufzufangen. Eines werde das zeigen: "Man darf kein Heldentum von anderen Leuten aus anderen Zeiten erwarten, das wir in unserer Zeit auch nicht aufbringen."