Mit einem Festabend haben am Montag in München Kirchenvertreter, Familienangehörige und Wegbegleiter an den 2023 verstorbenen Holocaust-Überlebenden, Pfarrer und Zeitzeugen Walter Joelsen erinnert, der am 15. Juni 100 Jahre alt geworden wäre. Joelsen stehe bis heute für Menschenwürde, Menschenfreundlichkeit und den Einsatz gegen Antisemitismus, sagte der bayerische evangelische Landesbischof Christian Kopp in der Münchner Christuskirche. Sein Leitsatz "Mein Name ist Mensch" bringe die Überzeugung zum Ausdruck, dass kein Mensch auf Herkunft, Religion oder Abstammung reduziert werden dürfe.
Joelsen wurde als Jugendlicher während der NS-Zeit ausgegrenzt und verfolgt, weil er als "Halbjude" galt. Trotz seiner Erfahrungen sei er nie verbittert geworden, sagte Kopp in seiner Ansprache weiter. "Mithassen war keine Option für ihn. Er war für das Mitlieben." Gerade weil Joelsen erfahren musste, wie Menschen andere ausgrenzen, beschämen und auf ihre Herkunft reduzieren, habe er daran festgehalten, dass die Würde eines Menschen nicht von anderen verliehen werde, sondern von Gott, erklärte Kopp.
Die Rolle der Kirche während der NS-Zeit betrachtete er differenziert
Der Landesbischof erinnerte an die bleibende Aktualität von Joelsens Botschaft: Die Versuchung, Menschen nach Herkunft, Religion oder Zugehörigkeit einzuteilen, sei nicht überwunden. Umso wichtiger sei es, Ausgrenzung entgegenzutreten und die Würde jedes Menschen zu verteidigen.
Halt und Gemeinschaft fand Joelsen in der evangelischen Jugendarbeit der Christuskirche München-Neuhausen. Im Rückblick habe er die Rolle der Kirche während der NS-Zeit differenziert betrachtet und immer wieder benannt, dass viele Christinnen und Christen gegenüber der Verfolgung jüdischer Menschen geschwiegen hätten, sagte der Landesbischof. Trotz persönlicher Verletzungen und eigener Erfahrungen mit Antisemitismus auch nach 1945 sei Joelsen seiner Kirche verbunden geblieben. Er habe darauf vertraut, dass Gottes Geschichte mit den Menschen größer sei als menschliches Versagen. Nach dem Krieg studierte Joelsen evangelische Theologie und wirkte später als Pfarrer, Studentenpfarrer, Religionslehrer und Redakteur.
Veranstaltet wurde der Erinnerungsabend von der Christuskirche München-Neuhausen, der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau sowie dem landeskirchlichen Beauftragten für den christlich-jüdischen Dialog, Pfarrer Axel Töllner.
(mit Material von epd)
Holocaust-Überlebender Walter Joelsen
Als Kind ausgegrenzt, als Jugendlicher zur Zwangsarbeit gezwungen, später Zeitzeuge gegen das Vergessen: Der evangelische Pfarrer und Holocaust-Überlebenden Walter Joelsen lebte von 1926 bis 2023.
Der Münchner Joelsen stammte aus einer deutsch-jüdischen Familie aus Gunzenhausen. Nach den Nürnberger Rassegesetzen als "Halbjude" verfolgt, wurde er 1943 vom Gymnasium verwiesen und später zur Zwangsarbeit in Thüringen herangezogen.
Nach 1945 studierte Joelsen evangelische Theologie, arbeitete zunächst als Religionslehrer in Lindau und wurde anschließend Studentenpfarrer in München. Später war er Redakteur bei der evangelischen Produktionsgesellschaft EIKON und wirkte auch als Fernsehmoderator.
Für sein Engagement in der Erinnerungsarbeit, insbesondere im Zusammenhang mit der KZ-Gedenkstätte Dachau, erhielt er 2009 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Auch im hohen Alter beteiligte er sich als Zeitzeuge an Projekten, unter anderem 2013 beim Bayerischen Rundfunk.
In unserem Dossier erinnern wir an den Pfarrer in verschiedenen Artikeln:
- Jeder von uns ist anders (Porträt von Susanne Schröder)
- Bischof Kopp würdigt Pfarrer Walter Joelsen (Rieke Harmsen)
- Angst, dass es wieder passiert (Susanne Schröder)