Die Frage einer israelischen Sicherheitsbeamtin war für Peter Habit 2018 der Auslöser für eine umfassende und zugleich erschütternde Familienrecherche. Beim Rückflug aus Israel meinte eine Sicherheitsmitarbeiterin: "Habit – das ist doch kein deutscher Name ..." Und zu Hause wurde Jurist Peter Habit auf einen Artikel in einer polnischen Publikation aufmerksam, in der ein Foto mit seinem Vater zu sehen war. Der Mann in der Uniform eines SS-Offiziers wurde Leon Humeniuk genannt.

Peter Habit begann nachzuforschen: Wusste er nicht alles von seinem Vater? Der hatte ihm erzählt, als Dolmetscher bei der Sicherheitspolizei im südostpolnischen Sanok, dem damaligen Generalgouvernement, gearbeitet zu haben. Ansonsten hatte er kaum etwas über seine Vergangenheit berichtet. Auch nicht, wie aus Leon Humeniuk Johann Habit wurde.

Eine intensive Recherche begann. Über zwei Jahre forschte Peter Habit in verschiedenen Archiven – vom Archiv der bayerischen Landeskirche in Nürnberg über das Bundesarchiv bis zur Kriegsverbrecher-Datenbank der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Habit fuhr ins polnische Sanok und tauschte sich regelmäßig mit einem Journalisten aus, der sich dort näher mit der NS-Zeit beschäftigt hatte. Die Suche endete bei der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Dort waren die Ermittlungsakten gegen seinen Vater archiviert. Akten, die er dem Sohn verschwiegen hatte. In die Spurensuche brachte sich auch die Politologin Agnieszka Jankowska ein, die familiäre Wurzeln in Sanok hat und über die Zeit von 1941 bis 1944 dort forscht.

"Mein Vater – ein ordinierter Pastor – war Teil der nationalsozialistischen Tötungsmaschine"

Stück für Stück entstand ein erschütterndes Bild: "Mein Vater – ein ordinierter Pastor – war Teil der nationalsozialistischen Tötungsmaschine", musste Peter Habit bilanzieren. In der polnischen Kleinstadt Sanok war er "direkt oder indirekt beteiligt an der Ermordung von 3000 bis 5000 jüdischen oder polnischen Bürgern".

Leon Humeniuk war ukrainischer Herkunft: 1912 in Slobodka in Galizien (heute zu Polen gehörend) geboren, studierte er von 1932 bis 1939 evangelische Theologie am Missions- und Diasporaseminar in Neuendettelsau. Dort wurden junge Ukrainer für pastorale Arbeit in ihrem Land ausgebildet. Am 9. Februar 1941 erfolgte in Neuendettelsau die Ordination zum "geistlichen Amt und Dienst an seinen ukrainischen Volks- und Glaubensgenossen". In seiner Arbeitsanweisung als "Sendbote der Missionsanstalt" für das Generalgouvernement, das heutige Westpolen, heißt es: "Die Arbeit bezweckt die Sammlung der zerstreuten evangelischen Ukrainer und ihre geistliche Versorgung mit Wort und Sakrament."

Der ausgebildete Pastor macht Karriere beim Sicherheitsdienst

Doch Humeniuk kann nicht so missionieren wie geplant. Der Angriff Hitlers auf die Sowjetunion hat die Situation grundlegend verändert. Weil ein kirchlicher Einsatz nicht möglich ist, bewirbt sich der ausgebildete Pastor beim Arbeitsamt in Krakau um eine andere Stelle. Bereits 1940 hat er sich als Volksdeutscher bei der NSDAP unter dem Namen Nikolaus Schneider "eindeutschen" lassen. Wegen seiner Sprachkenntnisse – er kann fließend Deutsch, Polnisch und Ukrainisch – wird er Dolmetscher bei der Sicherheitspolizei. Für diese Aufgabe erhält er als Kriminalangestellter eine spezielle "Schulung".

Unter anderem lernt er den Mord an Juden praktisch kennen. Er verinnerlicht zudem die NS-Propaganda und deren weltanschauliche Auffassungen. Der ausgebildete Pastor macht Karriere beim Sicherheitsdienst und wird auch in den "Schwarzen Orden" der SS aufgenommen. Im Mai 1943 heiratet er seine Frau Lieselotte. Ende des Jahres kommt sein Sohn Peter zur Welt.

Pastor und brutaler NS-Täter: Lew Humeniuk
Pastor und brutaler NS-Täter: Lew Humeniuk alias Johann Habit mit zeitgemäßem Oberlippenbärtchen.

Bei seinen Besuchen in Sanok erfährt Peter, dass sein Vater in der Kleinstadt den "Ruf eines schlimmen Täters" hatte. Sein Spitzname lautete: der Sadist. Er war an Massenexekutionen beteiligt. Für den Sohn ein Schock: "Grausam und sadistisch zu handeln passt nicht zusammen mit meinem Bild meines Vaters."

Um Spuren zu verwischen, ändert die Geheime Staatspolizei (Gestapo) Ende 1944 den Namen ihres Mitarbeiters: Aus Leon ­Humeniuk alias Nikolaus Schneider wird Johann Habit – mit neuem Geburtsdatum und neuem Geburtsort. Unter dieser neuen Identität kommt er nach dem Krieg zusammen mit Frau und Kind ins oberfränkische Marktschorgast (Landkreis Kulmbach). Dort beginnt er ein neues Leben als ehrenwerter Bürger. Er engagiert sich in der Arbeiterwohlfahrt, gehört jahrelang für die SPD dem Gemeinderat und dem Kreistag an, und er hat den Vorsitz des örtlichen Sportvereins inne.

Die Narbe der SS-Tätowierung

Zweimal holte Johann Habit die Vergangenheit fast ein: 1968 und 1980 wurde gegen ihn ermittelt. Doch beide Verfahren wurden eingestellt, weil direkte Tatzeugen fehlten und eventuell nachweisbare Taten verjährt waren. Im Jahr 1993 starb Johann Habit. "Ohne Reue zu zeigen", wie sein Sohn Peter sagt.

Dass sein Vater einmal Theologie studiert hatte, davon spürte Peter Habit in seiner Kindheit nichts. Er kann sich an keinen gemeinsamen Gottesdienstbesuch erinnern. Auch nicht, dass zu Hause biblische Geschichten erzählt wurden. "Es gab keinen erkennbaren Bezug zur evangelischen Gemeinde und zum Glauben", so der Sohn, der mit seinen Eltern in dem abgelegenen kleinen Ortsteil Grundmühle von Marktschorgast aufwuchs. Ins Schwimmbad gingen sie mit ihm nie. Denn auf dem Oberarm hatte Johann Habit eine Narbe: Er hatte versucht, mit einer Rasierklinge seine SS-Tätowierung zu beseitigen.

In Neuendettelsau wurden 30 Pastoren für die Mission unter Ukrainern ausgebildet

Warum wurde der spätere Massenmörder Leon Humeniuk in Neuendettelsau ordiniert? Vor 100 Jahren begann im ukrainischen Teil Galiziens ein besonderer protestantischer Aufbruch.

1925 kamen aus Nordamerika zwei Pastoren in die damals zu Polen gehörende Region. Schon die ersten Gottesdienste hatten enormen Zulauf, sie mussten ins Freie verlegt werden. Eine Bewegung im Sinne und Bekenntnis der lutherischen Reformation entstand, die sich Superintendent Theodor Zöckler (1867-1949) in Stanislau unterstellte. Der aus Greifswald stammende Geistliche, der wegen des Aufbaus einer Pflegeanstalt als "Bodelschwingh des Ostens" galt, setzte sich für den Aufbau einer eigenen ukrainisch-nationalen Kirche ein. 1928 sind bereits sechs Pastoren im Dienst. Rund 6000 Mitglieder gehören der Reformationsbewegung an, doch die Zahl der Anhänger ist weit größer. Da den Pastoren die Arbeit über den Kopf wächst, wird beim Missions- und Diasporaseminar in Neuendettelsau angefragt, ob dort nicht junge Ukrainer als lutherische Geistliche für ihr Land ausgebildet werden könnten.

Das Seminar erklärt sich dazu bereit. Am 31. Oktober 1930 fängt mit Gregor Kusiw der erste Ukrainer in Neuendettelsau an. Bis 1946 werden insgesamt 30 ukrainische Theologen im Missions- und Diasporaseminar ausgebildet. Sie erhalten vom ersten Tag an Sprachunterricht in Deutsch. Um sich aber nicht von der Muttersprache zu entfernen, gibt es auch eine besondere Einführung in die ukrainische Bibel und den ukrainischen Katechismus. Nach Abschluss ihrer Ausbildung werden die Männer jeweils vom Ansbacher Kreisdekan zum geistlichen Amt ordiniert. Als "Sendboten der Missionsanstalt Neuendettelsau" werden die Pastoren zum Dienst an ihrem Volk zurückgeschickt. Einer der 30 Absolventen ist Leon ­Humeniuk. Er wird im Februar 1941 in Neuendettelsau ordiniert und dem Beauftragten für die deutschen evangelischen Kirchen im Generalgouvernement, Superintendent Ernst Krusche in Warschau, unterstellt. Doch wegen des Angriffs Hitlers auf die Sowjetunion ist eine Arbeit unter den Ukrainern nicht mehr möglich.

1943 kam die reformatorische Bewegung endgültig zum Stillstand. Dazu beigetragen hatten der Krieg und nicht zuletzt die Behandlung der Ukrainer durch die deutsche Verwaltung. 1944 fliehen alle Pfarrer mit einem Teil ihrer Gemeinden vor den heranrückenden russischen Truppen. In Neuendettelsau gründen die Geistlichen die "Ukrainisch-evangelische Kirche AB(*) in der Emigration". 1948 löst sich die Exilkirche auf, die zum Schluss nur noch 40 Mitglieder hatte.

(*) Augsburgischen Bekenntnisses

Für Peter Habit war es schmerzlich, in die Familiengeschichte einzutauchen. Insbesondere als er auf die dunkle Vergangenheit seines Vaters stieß, an dessen Händen viel Blut klebte. Seitdem beschäftigt ihn die Frage, "wie unbescholtene Bürger den Schalter umlegten und zu Tätern wurden, um anschließend wieder den Schalter umzulegen – als Gutmenschen". Bei seinem Vater kommt für ihn verschärfend hinzu, dass er "als ordinierter Pastor mit einem stabilen christlichen Wertekanon die menschenverachtenden Un-Werte des Nationalsozialismus übernommen hat".

Die Recherche hat bei Peter Habit deutliche Wunden hinterlassen. Vor allem, weil sein Vater über die belastende Vergangenheit schwieg und keinerlei Reue zeigte – auch nicht schriftlich. Mit der Bitte des Vaterunsers "wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" tut sich der Sohn deshalb schwer: "Bestenfalls kann ich lernen zu vergeben, was zwischen meinen Eltern und mir durch ihr Schweigen zerbrochen ist."

Buchtipp

Agnieszka Jankowska / Peter Habit: Pastor, brutaler NS-Täter, Gutmensch: Leon Humeniuk / Johann Habit. In: Täter, Helfer, Trittbrettfahrer – NS-Belastete aus Oberfranken.
Hrsg. von Wolfgang Proske, Kugelberg Verlag, Gerstetten, 2025 

Internet: kugelbergverlag.de/taeter-helfer-trittbrettfahrer-band-20