Die Aktion "einfach heiraten" der bayerischen evangelischen Landeskirche steigt heuer am 26.06.2026. Dabei können Paare ohne Anmeldung und ohne längeres Traugespräch in eine der teilnehmenden Kirchengemeinden gehen und sich dort vom Pfarrer segnen oder kirchlich trauen lassen - in einer rund 20-minütigen Zeremonie.
Mit der Aktion ist die Landeskirche erfolgreich: Seit 2023 wuchs die Zahl der Teilnehmenden auf zuletzt 808 Paare im vergangenen Jahr, von denen sich 322 kirchlich trauen und die übrigen segnen ließen. Insgesamt gab es 2025 in Bayern 2.683 evangelische Trauungen.
Es gibt aber auch Kritik an der Aktion. Wie "einfach heiraten" theologisch begründet werden kann, erklärt Professorin Ursula Roth, die an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg den Lehrstuhl für Praktische Theologie innehat.
Frau Roth, die Landeskirche feiert die Aktion "einfach heiraten" - doch es gibt auch Kritik: Wenn die Trauung so einfach und schnell zu haben ist, wer entscheidet sich dann noch für einen regulären Traugottesdienst?
Ursula Roth: Die Aktion "einfach heiraten" löst die "normale" Trauung nicht ab, sondern ist ein Zusatzangebot. Sie liegt auf einer Linie mit der gesellschaftlichen Individualisierung und Pluralisierung der Hochzeitskultur. Brautleute möchten selbst entscheiden, wie sie heiraten, und so ihrem Selbstverständnis als Paar Ausdruck verleihen. Manche möchten groß, andere kleiner heiraten. Manche wählen die kirchliche Trauung, andere möchten einen Segen empfangen.
Auch wenn beim Format "einfach heiraten" vieles vorgegeben und der individuelle Gestaltungsspielraum eingeschränkt ist, erleben viele Paare das Angebot dennoch als passgenau.
"'Individuell' kann eben auch bedeuten, sich gegen den teilweise ausufernden Pomp mancher Traumhochzeit zu entscheiden und ohne großes Tamtam zu heiraten."
Der konservative Arbeitskreis Bekennender Christen (ABC) in Bayern kritisiert, dass die Aktion die Ehe à la Las Vegas "verramscht". Sollten Menschen nicht besser in einer Kirchengemeinde getraut werden, damit die Gemeindemitglieder auch Zeugen sein können?
Das christliche Profil der kirchlichen Trauung muss nicht personell durch eine anwesende Kirchengemeinde abgebildet werden - die ist auch bei Traugottesdiensten am Samstag meist nicht da. Die spirituelle Atmosphäre des Kirchenraums, die kirchlichen Akteure, biblische Lesungen, Gebet und Segen bringen auch im Format "einfach heiraten" dessen christlich-religiöses Profil eindrücklich zur Geltung.
Ist eine Trauung nicht immer etwas Öffentliches?
Traugottesdienste sind wie alle Gottesdienste grundsätzlich öffentlich. "Öffentlichkeit" hat allerdings unterschiedliche Aspekte. Sie entsteht bereits durch den allgemein zugänglichen Kirchenraum. Auch die Pfarrerin, die als Amtsperson agiert, trägt zum öffentlichen Charakter von Gottesdiensten bei.
Der Aspekt der Öffentlichkeit ist bereits bei Luther zentral. Für ihn ist die Ehe ein "weltlich Ding" - sie wird vor der weltlichen Obrigkeit geschlossen. Die kirchliche Trauung hält er für einen zusätzlichen, freiwilligen Akt, der teils vor der Kirchentür, teils in der Kirche stattfindet.
Durch die Traufragen, den Ringwechsel und das Zusammensprechen der Eheleute findet vor der Kirchentür der zuvor erzielte Konsens öffentliche Bestätigung. Im Traugottesdienst kommt im Trausegen, in Gebeten, biblischen Lesungen und der Hochzeitspredigt zum Ausdruck, wie sehr die Ehe angesichts der Fragilität gelingender Partnerschaft des göttlichen Segens bedarf.
Öffentlichkeit wird bei Trauungen auch durch die konkrete Gottesdienstgemeinde, also die Festgesellschaft, hergestellt. Bei "einfach heiraten" ist dieser Aspekt schwächer ausgeprägt, dafür sorgt hier der Eventcharakter für eine besondere Öffentlichkeit.
Ist die Aktion religiös verbindlich oder wird Gottes Segen billig vermarktet?
Es gibt keinen Anlass, davon auszugehen, dass die Verbindlichkeit der Paare bei "einfach heiraten" geringer ist als bei anderen Trauungen. Die meisten Paare entscheiden sich nicht erst spontan dafür, sondern tragen das Thema lange mit sich.
Wie gut es gelingt, Aspekte wie Verbindlichkeit und Verantwortung zum Ausdruck zu bringen, hängt nicht von der Länge des Vorgesprächs oder der Ansprache ab. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass auch bei "einfach heiraten" die Frage nach dem Glück gelingender Partnerschaft zur Geltung kommen kann.
Manche Gemeindepfarrer fürchten, dass ihnen "einfach heiraten" die Leute wegnimmt. Ist da was dran? Lassen sich nicht gerade über die Kasualien Menschen an eine bestimmte Kirchengemeinde binden?
An Kasualien - Taufen, Trauungen, Beerdigungen - nehmen häufig auch Menschen teil, für die das Angebot der Kirchengemeinde bislang kaum von Interesse war. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer schätzen daher die Kasualien als Kontaktfläche zu den Gemeindegliedern. Vor 100 Jahren sah man hier die Chance für Verkündigung und Volksmission. Heute stehen eher diakonische, seelsorgliche und liturgisch-ästhetische Aspekte im Vordergrund.
Kasualien fordern Pfarrer heraus, Menschen an biografischen Übergängen zu begleiten und ihnen Rituale anzubieten - im Fall einer Trauung etwa am Beginn einer Paarbeziehung, mittendrin als Akt der Vergewisserung oder Ausdruck der Dankbarkeit für das gemeinsame Leben. Gerade beim Start von "einfach heiraten" nahmen Gemeindepfarrer dies auch als Konkurrenz wahr.
Das Projekt verdankt sich der Regionalisierung kirchlicher Praxis: Ähnlich wie die Tauffeste ist auch "einfach heiraten" ein regionales Angebot, das sich auch an Menschen ohne enge Bindung zur eigenen Gemeinde wie auch an Nicht-Mitglieder richtet. Teilweise empfinden Pfarrpersonen die Aktion auch als Kritik am Kasualangebot der Kirchengemeinden. Nicht selten beklagen Brautpaare, dass Pfarrer häufig nur schwer zu erreichen sind und die Kommunikation manchmal schwierig ist.
Ist die Aktion nun Konkurrenz - oder Ergänzung?
Ich sehe "einfach heiraten" als zusätzliches, niedrigschwelliges Angebot - ähnlich den regionalen Tauffesten. Es liegt an den einzelnen Kirchengemeinden, das eigene Kasualangebot einladender zu gestalten. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, auch in Kirchengemeinden "einfache" Formate von Trauungen oder Segnungen durchzuführen. Sie können selbst steuern, wie gut ihre Homepage über Kasualien informiert und wie gut Pfarrer erreichbar sind. Auch sie können sich dafür entscheiden, das Kasualangebot auf Nicht-Kirchenmitglieder auszuweiten.
Verflacht Kirche so zum religiösen Dienstleister?
Kirche war schon immer Dienstleisterin - "Diakonie" heißt nichts anderes als Dienst am Menschen.
"Sich als Dienstleisterin zu verstehen, entspricht dem grundeigenen Auftrag der Kirche."
Dieser Dienst ist bei der Trauung vielfältig. Die seelsorgliche Begleitung ist hier ebenso gefragt wie der persönlich zugesprochene Segen und die christlich-religiöse Deutung des Anlasses, etwa dem Beginn einer Paarbeziehung oder der dankbaren Vergewisserung zum Ehejubiläum. Das gilt für die Trauungen der Kirchengemeinde ebenso wie für "einfach heiraten".
Einige Pfarrer klagen, dass sie generell bei Trauungen nur Beiwerk sind - ist das so?
Bei Trauungen treffen nicht selten unterschiedliche Erwartungshaltungen aufeinander, was Konfliktpotenzial birgt. Während das Brautpaar teils ausgefallene Ideen zur Gestaltung des Gottesdienstes mitbringt, hoffen manche Pfarrer auch auf Zuwachs fürs Leben der Kirchengemeinde. Traugespräche sind Räume für Aushandlungsprozesse.
Letztlich planen und gestalten die Pfarrerin und die Brautleute den Gottesdienst gemeinsam. Und da gibt es auf beiden Seiten Dinge, die unverzichtbar sind, Dinge, die "gar nicht gehen", und Dinge, über die man reden kann. Trauungen sind oft beeindruckende Gemeinschaftsproduktionen, das Resultat einer Kooperation, die sich nicht zuletzt als Ausdruck des allgemeinen Priestertums verstehen lassen kann.