Wenn man an einen Katholikentag denkt, hat man schnell ein bestimmtes Bild im Kopf: Gottesdienste, Kirchenbänke und vielleicht ein paar Podiumsdiskussionen über Glaubensfragen. Eher Nische als Massenveranstaltung.
Nach meinem Wochenende in Würzburg kann ich sagen: Dieses Bild stimmt nicht.
Der 104. Deutsche Katholikentag war kein kirchliches Randereignis, sondern ein riesiges Stadtfestival mit vollen Straßen, politischen Debatten, langen Schlangen vor den Veranstaltungsorten und einer Kirchenmeile, die sich wie ein zweites Stadtzentrum durch Würzburg zog. Über 74.000 Menschen kamen an diesem Wochenende trotz Regen und Kälte zusammen.
Eine Kirchenmeile, die offener war als erwartet
Entlang des Mainufers reihten sich Zelte, Pavillons und Stände von Jugendverbänden, Hilfswerken, Orden, Bildungsinitiativen, kirchlichen Medien, politischen Gruppen und sozialen Projekten aneinander. Es war laut, voll und lebendig.
Die Menschen blieben stehen, diskutierten, lachten und schauten sich um. Manche kamen gezielt für einzelne Veranstaltungen, andere schlendern einfach über die Kirchenmeile. Viele hatten kein Ticket, denn man konnte auch ohne Eintritt Teil der Veranstaltung sein.
"Genau das machte den Charakter aus. Die Kirche war hier nicht exklusiv, sondern offen."
Auch die evangelische Kirche war sichtbar präsent. Viele Themen wurden ökumenisch gedacht und viele Gespräche gemeinsam geführt. Wer hier unterwegs war, merkte schnell: Die Trennung zwischen katholisch und evangelisch spielte oft eine viel kleinere Rolle als die gemeinsame Frage, wie Kirche heute gesellschaftlich wirken kann.
Murmelglas und echte Gespräche: Meine Arbeit am KSJ-Stand
Ich selbst war als Helferin am Stand der KSJ, der Katholischen Studierenden Jugend, vor Ort. Unser Ziel war nicht nur, uns als Verband zu präsentieren. Viel spannender war die Frage: Wie kommen wir mit Menschen ins Gespräch?
Dafür hatten wir eine "Frage des Tages", zu der die Besucher:innen mit Murmeln abstimmen konnten. Bei den Fragen "Sollten Weiheämter auch für Frauen geöffnet werden?" und "Darf Kirche politisch sein – oder muss sie das sogar?" war das Murmelglas mit "Ich stimme zu" am Ende des Tages sehr voll.
Noch interessanter als die Abstimmung selbst waren jedoch die Gespräche danach. Die Menschen blieben stehen und erzählten. Manche berichteten von ihrem Frust über die langsamen Reformen in der katholischen Kirche. Andere diskutierten leidenschaftlich darüber, ob sich die Kirche zu politischen Themen überhaupt äußern sollte. Viele erzählten von ihrer eigenen Jugend in der Kirche.
Vergessene Frauen der Bibel: Stärke, die kaum jemand kennt
Ein anderer Teil unseres Standes beschäftigte sich mit Frauenfiguren der Bibel, die oft kaum erwähnt werden, obwohl ihre Geschichten bemerkenswert sind.
Da waren zum Beispiel Schifra und Pua, zwei Hebammen aus dem zweiten Buch Mose. Der Pharao befahl ihnen, neugeborene hebräische Jungen zu töten. Sie weigerten sich mutig, obwohl sie dafür bestraft werden könnten.
Ein weiteres Beispiel sind die fünf Töchter Zelofhads: Machla, Noa, Hogla, Milka und Tirza. Weil ihr Vater keine Söhne hatte, sollten sie sein Land nicht erben dürfen. Sie widersprachen, gingen direkt zu Mose und erreichten tatsächlich eine Gesetzesänderung. Viele Besucher:innen kannten diese Geschichte gar nicht.
"So kam man ins Gespräch über Gleichberechtigung, über Rollenbilder und darüber, wie oft weibliche Perspektiven auch in biblischen Erzählungen unsichtbar gemacht werden."
Es war nur ein kleiner Stand, aber oft entstand ein erstaunlich großer Gesprächsraum.
Antifeminismus, Demokratie, Menschenwürde – und was das mit Kirche zu tun hat
Das wurde besonders deutlich bei den Veranstaltungen selbst. Ich saß unter anderem in einem Vortrag über Antifeminismus und darüber, wie antifeministische Strömungen demokratische Diskursräume verengen. Ein auf den ersten Blick kirchenfernes Thema, das jedoch eng mit christlichen Werten verbunden ist.
"Denn wenn die Kirche über Menschenwürde, Gleichberechtigung, Schutz vor Diskriminierung, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt spricht, dann ist das nicht "zu politisch", sondern genau ihr Auftrag."
In Würzburg waren auch große politische Akteur:innen präsent: Friedrich Merz, Markus Söder, Ricarda Lang, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und viele weitere. Der Katholikentag war also nicht nur ein spirituelles Wochenende, sondern auch eine politische Bühne.
Kirche passiert auf der Straße – und das ist ihr Auftrag
Er hat mir vor allem eines gezeigt: Kirche findet nicht nur in Kirchen statt. Sie findet auf Podien über Demokratie, in Gesprächen über Feminismus, an Ständen mit Spielen und Diskussionen sowie in Begegnungen zwischen Menschen statt, die ganz unterschiedlich glauben, zweifeln oder kritisch fragen.
Der nächste Katholikentag findet 2028 in Paderborn statt. Bis dahin richtet sich der Blick auf den Deutschen Evangelischen Kirchentag, das protestantische Pendant, das ähnlich viele Menschen bewegt. Nach Hannover 2025 wird er vom 5. bis 9. Mai 2027 in Düsseldorf unter dem Motto "DU bist kostbar" stattfinden.