Künstliche Intelligenz wird im kirchlichen Kontext faktisch immer stärker genutzt. Gleichzeitig formulieren Kirchen und kirchliche Akteure hohe ethische Ansprüche, die in der täglichen Praxis jedoch nicht immer eingehalten werden, erklärte Studienleiter Holger Sievert im exklusiven Interview dem Sonntagsblatt.
Die Studie "Digitalisierung im Raum der Kirchen" (DiRK 2026) wurde vomVersicherer im Raum der Kirchen (VRK) gemeinsam mit der Macromedia University durchgeführt. Mehr als 7.000 Personen aller Konfessionen, darunter Kirchenmitglieder und Mitarbeitende, beteiligten sich an der Befragung. Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Studie:
- Kirchenmitglieder sind digitaler als die Kirche selbst – dennoch fehlt vielerorts eine klare Digitalstrategie.
- Social Media werden intensiv genutzt, doch kirchliche Angebote bleiben lückenhaft und oft zufällig organisiert.
- Instagram ist der zentrale Kanal, den viele Gemeinden noch nicht konsequent einsetzen.
- Künstliche Intelligenz hat aufgeholt, wird aber meist punktuell statt strategisch genutzt.
- Hohe ethische Ansprüche treffen auf eine andere Praxis: Mitarbeitende nutzen KI oft ohne klare Leitlinien oder Schulungen.
"Eigentlich müsste Digitalisierung ein zentrales strategisches Thema sein"
Herr Sievert, welche zentralen Ergebnisse zeigt die Studie über Digitalisierung und Kirche?
Holger Sievert: Neu ist im Grunde zweierlei. Zum einen können wir bestätigen, was sich schon in der vorherigen Studie gezeigt hat: Digitalisierung ist für die Kirche ein extrem wichtiges Thema.
Viele Kirchenmitglieder sind sogar digitaler als die Gesamtbevölkerung. Eigentlich müsste Digitalisierung deshalb ein zentrales strategisches Thema sein. In der Praxis ist oft das Gegenteil der Fall.
Zum anderen zeigt die Studie sehr deutlich, dass digitale Innovationen und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Kirche häufig zufällig entstehen – ohne klare Strategie oder weil einzelne engagierte Personen sie vorantreiben.
"Auch kleinere Einheiten sollten den Mut haben, einen Kanal zu betreiben"
Besonders kritisch sehen Sie die Social‑Media‑Arbeit der Kirche. Warum?
Kirchenmitglieder nutzen Social Media sehr intensiv. Das kirchliche Angebot dort ist aber noch deutlich ausbaufähig. Wir sehen zum Beispiel viele Nutzerinnen und Nutzer in höheren Altersgruppen, für die kirchliche Inhalte kaum vorhanden sind.
Oft fehlt schon das Grundlegende: Manche Gemeinden oder Kirchenkreise haben nicht einmal ein Instagram‑Profil. Dabei ist Instagram derzeit der Kanal, mit dem man sehr unterschiedliche Altersgruppen erreichen kann. Wenn man nur einen Kanal bedienen kann, ist Instagram eine sehr gute Wahl. Für jüngere Zielgruppen kommen dann Plattformen wie TikTok oder Snapchat dazu.
Wichtig ist: Auch kleinere Einheiten sollten den Mut haben, einen Kanal zu betreiben und sich lokal gut zu vernetzen. So können Communitys entstehen.
Wie stehen Mitarbeitende in der Kirche zur Digitalisierung?
Mitarbeitende sind im Schnitt ungefähr so digital wie die Gesamtbevölkerung. Die Kirchenmitglieder sind insgesamt digitaler. Gleichzeitig sehen viele Mitarbeitende die Social‑Media‑Arbeit ihrer eigenen Einrichtung eher skeptisch.
Unsere Daten zeigen, dass sich in den vergangenen drei Jahren bei der externen Social‑Media‑Kommunikation kaum etwas bewegt hat. Etwa ein Drittel der kirchlichen Einrichtungen misst Social Media eine große oder sehr große Bedeutung bei. Das ist ungefähr der Stand, den deutsche Unternehmen vor 13 Jahren hatten. Man kann also von einer erheblichen Verzögerung sprechen.
Kirche ist im Bereich KI noch nicht gut aufgestellt
Und wie sieht es beim Thema Künstliche Intelligenz aus?
Wenn man Kirchenmitglieder und Mitarbeitende zusammen betrachtet, nutzt etwa die Hälfte KI zumindest gelegentlich. Gleichzeitig beschäftigen sich inzwischen rund 60 Prozent der kirchlichen Einrichtungen in irgendeiner Form mit KI – sei es schon praktisch oder zumindest in der Planung. Beim letzten Mal waren es erst etwa 20 Prozent. Das ist ein deutlicher Fortschritt.
Allerdings setzen nur sehr wenige Einrichtungen mehrere KI‑Anwendungen parallel ein. Auch hier gibt es großen Nachholbedarf.
Die Kirche hat in den letzten drei Jahren aufgeholt, läuft aber weiterhin deutlich hinterher.
Auffällig ist die Spannung zwischen Anspruch und Praxis beim Thema Ethik.
Ja, die Kirchenmitglieder formulieren sehr hohe ethische Erwartungen. Sie fordern, dass KI strikt nach ethischen Prinzipien eingesetzt wird – mit einem klaren "Human in the loop", also dem Menschen als letzter Entscheidungsinstanz. Leitlinien und Richtlinien werden ausdrücklich eingefordert.
Besonders skeptisch sind viele beim Einsatz von KI in sensiblen Bereichen wie digitaler Seelsorge. Gleichzeitig sieht die Praxis der Mitarbeitenden anders aus: Sehr viele nutzen KI bereits intensiv. Rund 20 Prozent sagen sogar offen, dass sie KI auch dann weiter nutzen würden, wenn der Arbeitgeber es verbieten würde.
"KI und Kirche sind auf einem guten Weg"
Was sagt das über den Umgang der Kirche mit KI aus?
Es zeigt ein großes Gap. Nur etwa 20 Prozent der kirchlichen Mitarbeitenden haben bisher eine KI‑Schulung erhalten. Rund 35 Prozent würden gerne eine machen, konnten das aber bislang nicht. Der Bedarf ist offensichtlich enorm.
KI und Kirche sind auf einem guten Weg, es ist viel passiert. Aber die hohen ethischen Ansprüche werden in der eigenen Praxis nicht immer eingelöst, und strategisch gibt es weiterhin großen Nachholbedarf.
"Die Zeit, Kommunikation vor allem aus dem Bauchgefühl heraus zu machen, sollte vorbei sein"
Was müsste sich Ihrer Ansicht nach grundlegend ändern?
Die Ergebnisse solcher Studien müssen viel stärker in die Gemeinden, Kirchenkreise und Landeskirchen getragen werden. Kirchliche Kommunikationsarbeit sollte deutlich evidenzbasierter sein: Wo erreiche ich eigentlich welche Menschen? Über welche Kanäle? Mit welchen Themen?
Die Zeit, Kommunikation vor allem aus dem Bauchgefühl heraus zu machen, sollte vorbei sein – zumindest dann, wenn man langfristig erfolgreich sein und relevante Bezugsgruppen erreichen möchte.