Eine Frau kommt an den Tresen und fragt freundlich: "Kann ich bitte zwei kurze Braune haben?" Fast hört es sich an, als wolle sie nur Kaffee bestellen. Doch hinterm Tresen steht keine Barista, sondern Sozialarbeiterin Melanie Schneele von der Drogenhilfe Schwaben. Sie greift in eine Box und reicht der Frau ein Päckchen kurzer Injektionsnadeln mit braunem Aufsatz. Von der anderen Seite ruft ein junger Mann: "Melli, kannst du mir für heute einen Notschlafplatz organisieren?" Schneele nickt kurz: "Na klar, mach' ich." Das neue Forum St. Johannes in Augsburg-Oberhausen, das im Juli eröffnet hat, ist eine Anlaufstelle für Menschen mit Drogen- und Suchtproblemen. Um die 100 kommen hier jeden Tag vorbei: für ein kostenloses Mittagessen, um sich Drogenutensilien zu besorgen oder für Alltagsdinge wie Duschen oder Wäsche waschen.

Rund 40 Menschen sitzen an diesem heißen August-Vormittag im Forum und seinen von außen nicht einsehbaren Außenbereichen. Bei dem Gebäude handelt es sich um den ehemaligen Gemeindesaal der evangelischen St. Johanneskirche. Einige trinken Kaffee, die anderen Bier. Die einen dösen auf den Sesseln vor sich hin, die anderen unterhalten sich oder tippen auf ihren Smartphones. Vielen sieht man den jahrelangen Drogenkonsum an: oftmals noch junge Menschen in einem viel zu schnell gealterten Körper. Einer von ihnen ist Jürgen (Name geändert). Mit acht Jahren sei er aus dem Heim ausgerissen und habe mit dem Kiffen begonnen, dann seien Tabletten, Alkohol und mit 13 schließlich Heroin dazugekommen. "Ich war einer der jüngsten Drogenabhängigen in Augsburg", erzählt er. Jetzt sei er 60 - und damit einer der ältesten.

Methadon, klare Regeln und der Wunsch nach Akzeptanz

Jürgen strahlt eine große Würde und Freundlichkeit aus. Ins Forum St. Johannes komme er gern, sagt er. Im Vergleich zum viel zu kleinen, bisherigen "beTreff" am Helmut-Haller-Platz seien die neuen Räumlichkeiten "eine Villa". Einmal die Woche hole er hier in der angegliederten Substitutionspraxis sein Methadon ab - das Ersatzmedikament für Heroin-Abhängige. Dass er am Rand der Gesellschaft steht und bei den Anwohnern rund um das Forum St. Johannes nicht gern gesehen ist, ist ihm bewusst. Er halte die anderen Klienten daher zur Ordnung an: dass sie ihre benutzten Spritzen im Forum abgeben und nicht einfach auf der Straße wegwerfen; dass sie nicht an oder gar in der Johanneskirche konsumieren. "Das ist ein Gotteshaus, das gehört sich einfach nicht", sagt er bestimmt.

Auch der städtische Ordnungsreferent Frank Pintsch hat den Eindruck, dass die Klientinnen und Klienten um Akzeptanz bemüht sind. Sie seien froh um das Angebot und wollten sich an die Regeln halten. Die Sicherheitsbedenken der Anwohner nimmt Pintsch ernst und steht mit ihnen im Austausch. Seine erste Einschätzung nach knapp zwei Monaten Betrieb: Durch die neue Einrichtung sei der Helmut-Haller-Platz entlastet, der Friedensplatz nicht beeinträchtigt. Auch die Einsatzzahlen der Rettungsdienste seien trotz der Hitze spürbar zurückgegangen, sagt Pintsch. Dazu passt der Eindruck an diesem August-Tag: Der Ordnungsdienst am Friedensplatz hat nichts zu tun, nur wenige Suchtkranke spazieren über den Platz oder bleiben dort kurz sitzen.

Warum die Drogenhilfe einen Konsumraum fordert

Als Entlastung für den öffentlichen Raum sehen Sozialarbeiterin Schneele und Fritz Graßmann, Theologischer Vorstand der Diakonie Augsburg, Drogenkonsumräume. Die Diakonie hat das Gebäude an die Stadt Augsburg als Trägerin des Forums vermietet. Drogenkonsumräume sind in Bayern, im Gegensatz zu anderen Bundesländern, verboten. Im Forum St. Johannes werden zwar Spritzen ausgegeben. Gedealt oder konsumiert werden darf dort aber nicht. "Drogenkonsumräume wären ein Segen. Wir wären froh, wenn wir hier einen haben dürften", sagt Schneele. "Die Menschen wären in einem geschützten Rahmen und wir könnten bei Notfällen sofort reagieren." Das wäre eine Entlastung für die Krankenhäuser, aber auch für die Anwohner, wenn weniger Drogenbesteck auf der Straße weggeworfen würde.

Inzwischen startet im Forum St. Johannes die Ausgabe des Mittagessens. Im Eingangsbereich bildet sich eine kleine Warteschlange. "Hey, hinten anstellen", ruft jemand aufgebracht. Natürlich gebe es Konflikte und kritische Situationen, sagte Sozialarbeiterin Schneele. Viele seien "entzügig" und dementsprechend leicht reizbar. Außerdem kollabiere immer mal wieder jemand. Die Mitarbeitenden haben daher immer das Nasenspray "Naloxon" griffbereit, das bei einer Überdosis die Wirkung von Opioiden wie Heroin oder Fentanyl aufhebt. "Ein Zaubermittel", sagt Schneele. Viele seien sich bewusst, dass sie dem Tod schon einige Male von der Schippe gesprungen seien - und glaubten daher an einen Gott. Auch Jürgen, der seit mehr als 50 Jahren abhängig ist, sagt über sich: "Ich bin ein Kind Gottes."

Das neue Forum St. Johannes in Augsburg-Oberhausen

Nach rund dreijähriger Planungs- und Umbauphase hat das Forum St. Johannes in Augsburg-Oberhausen am 1. Juli den Betrieb aufgenommen. Die Einrichtung ist eine Anlaufstelle für Suchtkranke - unter anderem mit Aufenthaltsräumen, Beratungsangeboten und einer Substitutionspraxis. Pro Tag kommen bis zu 100 Klientinnen und Klienten. St. Johannes ersetzt den bisherigen "beTreff" am Helmut-Haller-Platz, der nur für 25 Personen gleichzeitig ausgerichtet und damit zu klein geworden war. Das Projekt in dem sozial schwachen Stadtteil ist nicht unumstritten: Anwohner fürchten um ihre Sicherheit, sollte sich die Drogenszene nach St. Johannes verlagern.

Am Forum St. Johannes sind mehrere Player beteiligt: Den Betrieb übernehmen die Drogenhilfe Schwaben und der Katholische Verband für Soziale Dienste (SKM) Augsburg. Die Gebäude, nämlich der einstige Gemeindesaal und das Pfarrhaus, gehören der evangelischen Kirchengemeinde St. Johannes, die sie an die Diakonie Augsburg vermietet hat. Diese wiederum hat den Umbau in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro gestemmt und die neugestalteten Räumlichkeiten an die Stadt Augsburg als Trägerin weitervermietet. Am Tagesbetrieb selbst ist die Diakonie nur in kleinem Rahmen beteiligt.

Kirchenimmobilien nicht nur meistbietend verkaufen

Für die Diakonie und die evangelische Kirchengemeinde St. Johannes spielt noch ein weiteres Thema eine Rolle: eine für sie sinnvolle Nachnutzung von kirchlichen Räumen und Gebäuden, von denen sich evangelische wie katholische Kirche angesichts stark sinkender finanzieller Ressourcen in den kommenden Jahren trennen müssen. "Bevor man eine Immobilie meistbietend verkauft, sollte man schauen, ob man ein sozialdiakonisches Angebot unterbringen kann", sagte der Theologische Vorstand der Diakonie Augsburg, Fritz Graßmann, zum Start der Einrichtung. Für die kommenden 20 Jahre sei das Forum St. Johannes für alle Beteiligten eine "gute Lösung".

Nur für die Johanneskirche fehlt noch ein Konzept zur Nutzung. Teil der Vereinbarung rund um das Forum St. Johannes sei, dass die Stadt sich auch um eine Nutzung des Kirchengebäudes kümmere, sagte Ordnungsreferent Frank Pintsch, ebenfalls zum Start der neuen Einrichtung. Ihm schweben Konzerte, Theateraufführungen, Bildungsangebote, Büro- oder Seminarräume vor. "Der Charakter einer Kirche soll erhalten bleiben." Als eine Art "Deadline" nennt Pintsch das Jahr 2030, wenn in Augsburg "500 Jahre Confessio Augustana" gefeiert werden, einer der Meilensteine der weltweiten Reformationsgeschichte - und zugleich der 100. Geburtstag der denkmalgeschützten Johanneskirche. (epd)