Ein ausgestreckter Finger einer menschlichen Hand berührt fast den Finger eines Roboters, im kühlen blau des Hintergrunds prangen ein paar digitale Zahlen: Dieses Bildmotiv ist sicherlich eines der bekanntesten, wenn es um die Darstellung von Künstlicher Intelligenz in den Medien geht. Das Motiv zitiert das berühmte Deckenfresko von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle, das die "Erschaffung Adams" zeigt. Es symbolisiert den Funken des Lebens und des Bewusstseins, den Gott an die Menschen weitergibt. 

Doch gibt Künstliche Intelligenz überhaupt einen Funken weiter an den Menschen? Wie prägt die KI, die längst unseren Alltag prägt, unsere Wissensproduktion und die politischen Debatten in unserer Gesellschaft?  Auf einer interdisziplinären Tagung zu KI, Ethik, Religion und Gesellschaft der FAU Erlangen stand die Frage im Mittelpunkt, wie technologische Entwicklungen Zukunftsvorstellungen beeinflussen und welche Folgen daraus für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt entstehen.

Ein wiederkehrendes Thema der Tagung war dabei die Macht von Bildern. Der Medienexperte Till Krause zeigte auf, wie religiöse Symboliken und sakrale Bildsprache die öffentliche Wahrnehmung von KI prägen. Krause hat die Bildsprache zu KI in den Medien analysiert und veranschaulichte in seinem Vortrag, wie etwa das Motiv von Michelangelo in den Medien immer wieder genutzt wird, um KI und Digitalisierung zu veranschaulichen. 

Seine Studien lassen erkennen, wie sich die Darstellungen von KI in den Medien inzwischen verändert haben: Während frühere Darstellungen häufig menschenähnliche Roboter oder quasi-göttliche Maschinen zeigten, rücken inzwischen stärker Bilder von Rechenzentren, Konzernlogos und Entscheidungsträger in den Vordergrund. Dies könne helfen, die tatsächlichen Machtstrukturen hinter digitalen Technologien sichtbarer zu machen, erklärte Krause.

Der Bonner Sozialethiker Matthias Braun sprach über die politische Bedeutung von Vorhersagen, wie sie in KI-Systemen angewandt werden. Prognosen würden häufig nicht als bloße Wahrscheinlichkeiten wahrgenommen, sondern als scheinbar gesicherte Fakten. Dadurch könnten sie das Verhalten von Menschen verändern und gesellschaftliche Reaktionen auslösen. Vorhersagen seien deshalb nie neutral, sondern politische Sprechakte. Braun plädierte dafür, die Perspektiven und Interessen hinter technologischen Zukunftserzählungen offenzulegen und eine kritische, "prophetische" Ethik zu entwickeln, bei der mehr der Kontext betrachtet wird.

Wie Tech-Bros politische Vorstellungen prägen

Mehrere Beiträge befassten sich mit den politischen Vorstellungen einflussreicher Technologieunternehmer. Der Medienethiker Alexander Filipovic von der Uni Wien warnte vor einem "Techno-Paternalismus", bei dem politische Verantwortung zunehmend auf Technologiekonzerne und Entwickler verlagert werde. Tugendethische Ansätze könnten dabei unbeabsichtigt zur Entpolitisierung gesellschaftlicher Konflikte beitragen, wenn demokratische Aushandlungsprozesse durch moralische Selbstverpflichtungen einzelner Akteure ersetzt würden.

Der Theologe Lukas Johrendt von der Bundeswehr-Universität Hamburg analysierte ideologische Strömungen im Umfeld von Unternehmern wie Peter Thiel sowie Denkern wie Curtis Yarvin und Nick Land. Deren Konzepte stellten demokratische Legitimationsformen teilweise grundsätzlich infrage und propagierten Modelle, die politische Macht stärker an Eigentum, Kapital oder Unternehmensstrukturen knüpften. Er forderte, den Einfluss privater Kapitalinteressen auf digitale Infrastrukturen stärker zu begrenzen.

Auch die Rolle von Krisen- und Erlösungsnarrativen zog sich durch mehrere Vorträge. Der Theologe Max Tretter von der FAU Erlangen stellte dem individuellen "Exit"-Denken, das sich etwa in Bunker- und Rückzugsszenarien wohlhabender Eliten zeige, das biblische Motiv des "Exodus" gegenüber. Während Exit auf individuelle Absicherung setze, ziele Exodus auf gemeinschaftliche Zukunftsgestaltung.

Mit dem Verhältnis von Erinnerung und KI beschäftigte sich Tabea Ott. Die Theologin und Juniorprofessorin an der Uni Wien verwies auf Risiken einer technologisch geprägten Erinnerungskultur, etwa wenn Zeitzeugen künftig durch KI-Systeme simuliert würden. Erinnern sei nie nur Datenspeicherung, sondern immer auch eine ethische Auseinandersetzung mit Leid, Geschichte und Verantwortung.

Menschen vor einem Haus
Die Teilnehmer*innen der Tagung zu "KI, Demokratie und " an der FAU Erlangen.

Weitere Beiträge thematisierten digitale Desinformation, Verschwörungserzählungen und die gesellschaftliche Wirkung religiöser Motive. Die Würzburger Religionspädagogin Ilona Nord beschrieb Verschwörungserzählungen als säkularisierte Heilsversprechen, die Zugehörigkeit und vermeintliches Sonderwissen versprechen. Der Hamburger Theologe Gerhard Schreiber warnte vor "Bullshit", Desinformation und sogenannten toxischen Informationsräumen, in denen die Unterscheidung zwischen wahr und falsch zunehmend erschwert werde.

Die Referierenden betonten übereinstimmend, dass technologische Entwicklungen nicht allein technischen oder wirtschaftlichen Logiken überlassen werden dürften. Notwendig seien demokratische Debatten, kritische Medienbildung sowie institutionelle Räume, in denen Fragen von Macht, Verantwortung und Gemeinwohl öffentlich verhandelt werden können.

Wie die Institution Kirche mit KI umgehen sollte

Die institutionelle Verankerung demokratischer Öffentlichkeit im Zeitalter von KI thematisierte der Erlanger Medienethiker Florian Höhne. Wenn sich Diskurs-, Kompetenz- und Machtverschiebungen zunehmend in digitale Infrastrukturen verlagern, entstehe die Gefahr, dass öffentliche Meinungsbildung von privaten Technologieunternehmen geprägt werde, ohne dass deren Entscheidungen demokratisch legitimiert oder ausreichend transparent seien. 

In der Diskussion im Plenum wurde darüber diskutiert, wie kirchliche Institutionen auf die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz reagieren könnten. Einige Wissenschaftler*innen forderten, Räume kritischer Reflexion und gemeinsamer Urteilsbildung zu stärken. 

Kirchen, Bildungseinrichtungen und zivilgesellschaftliche Akteure könnten als staatsunabhängige Foren fungieren, in denen unterschiedliche Perspektiven sichtbar und technologische Entwicklungen normativ diskutiert werden. Eine solche Wiederbelebung "utopischer Demokratie" setze darauf, gesellschaftliche Zukunftsentwürfe nicht allein von technischen Möglichkeiten abhängig zu machen, sondern von Fragen nach Gerechtigkeit, Teilhabe und menschlicher Würde bestimmen zu lassen.