Zwei Tage suchte die Konferenz missionale Kirche 2026 in Pappenheim Strategien für den kirchlichen Umbau und kam dabei vom Wasser nicht los. Ein Rückblick.
Am Ende des ersten Tages stand ein Bild, das eigentlich an den Anfang gehört. In der Abendandacht flickt ein Fischer seine Netze, so versunken, dass er den Gast in seinem Boot kaum hört. Erst als er hinhört und hinausfährt, gelingt der jahrelang ausgebliebene Fang.
Die Geschichte vom Fischzug des Petrus gab die Stichworte für diese Tage: flicken, auswerfen, zuhören. Eingeladen hatte die Wirkstatt evangelisch gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) unter dem Titel "Aufbruch Zukunft: Strategien für eine missionale Kirche". Der Anlass ist ernst. Die Herbstsynode 2025 hat tiefgreifende Strukturveränderungen vorgezeichnet, und die Regionalgemeinde soll zum neuen Gestaltungsraum werden.
Flicken
Den Anfang machte Pfarrer Roland Kutsche, der für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens missionarische Projekte koordiniert und begleitet. Seine erste Botschaft war unbequem: Eine Erneuerung beginne nicht bei der Struktur, sondern beim Inhalt. "Start with why." Sein Modell "Kirche, die weiter geht" ruht auf drei Säulen: erproben, erlernen, ermutigen. Dazu gehöre eine fehlerfreundliche Haltung, die Scheitern als Teil des Weges versteht. Andreas Lau ergänzte, dass zuerst die Beziehungsnetze zu flicken sind und nicht nur die strukturellen. Erst gelte es, Beziehungen aufzubauen und Konflikte zu lösen, dann die Struktur.
Auswerfen
Geflickte Netze nützen nichts, wenn man sie nicht auswirft. Wie dieser Mut konkret wird, zeigte Tabea Schönfelder. Die Sozialpädagogin und Netzwerkerin aus dem sächsischen Großrückerswalde stellte das "Jahr der Erprobung" vor. Beim "Microabenteuer" etwa sammelten Teilnehmende eine Stunde lang Müll. Erst das Erlebnis, dann die Haltung. Was das mit Menschen macht, brachte eine Teilnehmerin auf den Punkt: "Ich habe mein eigenes Warum zu Mission gefunden."
Zuhören
Das Wichtigste blieb das Unscheinbarste. Der vielleicht überraschendste Satz an einem Strategietag fiel beiläufig: "Der größte Punkt auf der Agenda ist Zuhören." Auch der Tag selbst war so gebaut. Beim abendlichen "Candybar"-Format brachten die Teilnehmenden eigene Themen ein und setzten die Tagesordnung selbst.
Wer fischen will, muss aufs Wasser
Zum Start in den zweiten Tag blieb das Bild am Wasser. Im geistlichen Einstieg stand das Volk Israel am Jordan, an der Schwelle zum neuen Land. Die Botschaft war unbequem ehrlich: Es komme eine herausfordernde Zeit, man werde nasse Füße bekommen und oft scheitern, aber das sei der Weg. "Wir brauchen Mut."
Dass dieses Bild beide Tage verbindet, machte ein Lied deutlich. Die Band sang "Nasse Füße" von Johannes Falk. Wer fischen will, muss aufs Wasser, und wer ins neue Land will, durch den Fluss.
Konkret wurde es bei Kirchenrat Michael Wolf von der ELKB. Er stellte die Regionalgemeinde vor, die kein Sparinstrument sein soll, sondern ein Gestaltungsraum und ein Netzwerk kirchlicher Orte. Der Befund ist ernüchternd, denn Personal, Geld, Gebäude und Mitglieder gehen um rund die Hälfte zurück. Wolf fasste die Lage in eine Wahl: "Transformation by disaster oder Transformation by design."
Seinen Ausblick schloss Wolf mit Karl Barth. Jeder Schritt in die Zukunft sei ein Risiko, und es brauche "Mut, verbunden mit der vollkommensten Demut". Es war dasselbe Wort, mit dem schon die Morgenandacht geendet hatte.
Bewusst setzte die Konferenz auf die Gedanken und Ideen aus den Gemeinden, um gemeinsam Strategien für eine missionale Kirche zu entwickeln. So blieben die Teilnehmenden nicht in der Zuhörerrolle. Auf Flipcharts sammelten sie ihre Fragen und Vorschläge. Diese gehen direkt in die Klausur des Landeskirchenrates am Folgetag. So greifen Innovation von unten und Entscheidung von oben ineinander.
In der Feedbackrunde zeigte sich: Viele erlebten die Konferenz als aufbauenden Ort, der sie inspiriert und ermutigt nach Hause gehen ließ. Offene Fragen blieben, verbunden mit der Hoffnung, an ihnen dranzubleiben und sie gemeinsam mit anderen zu lösen.
Über beide Tage trafen sich Andacht und Analyse in einem Bild: Kirche kommt nur voran, wenn sie bereit ist, nasse Füße zu riskieren.
Roland Kutsche: "Mission ist nicht Mitgliederwerbung"
Die ELKB setzt künftig stärker auf Regionalgemeinden. Aus Ihren Erfahrungen in Sachsen: Was ist der häufigste Fehler, wenn Kirchen ihre Strukturen reformieren – und wie lässt er sich vermeiden?
Roland Kutsche: Als erstes müssen wir ehrlich über die Gründe und den Sinn der Veränderungen reden. Es darf nicht nur um Einsparung von Geld gehen, sondern wir müssen die Frage beantworten: Wie können wir als Kirche mit geringeren Ressourcen dennoch hoffnungsvoll und zuversichtlich in die Zukunft gehe. Ohne die Vermittlung eines klaren Zieles, welche Kirche von morgen wollen wir sein, geht es nicht. Dafür müssen wir uns Zeit nehmen.
Der schlimmste Fehler ist, eine Strukturveränderung von oben durchzudrücken, ohne die Menschen in den Gemeinden mitzunehmen.
Zwei Sackgassen müssen wir vermeiden: zum einen den lokalen Kirchturm-Egoismus – wir kennen nur unseren Kirchturm und denken nicht weiter; zum anderen die regionale Sackgasse: Immer mehr Dehnung als Antwort auf Schrumpfung. Klar wir müssen abbauen, jedoch im Rückbau der bestehenden Strukturen bleibt das Ziel der Aufbau lebendiger Gemeinden.
Sie begleiten seit Jahren missionarische Aufbrüche. Wo erleben Sie derzeit das meiste geistliche und gemeindliche Wachstum: in klassischen Kirchengemeinden oder eher an ganz neuen Orten und Formaten?
Das würde ich beides nicht gegeneinander ausspielen. Wir haben in Sachsen klassische Gemeinde mit geistlichem und gemeindlichem Wachstum; genauso gibt es das auch in den missionarischen Aufbrüchen und Initiativen. Hier darf es keine Konkurrenz geben. Wir brauchen beides, wir brauchen eine große Vielfalt von Wegen, Formen, Gemeinden und kirchlichen Orten, wo Menschen einen Zugang zum Glauben an Jesus Christus finden. Und das geschieht auch.
Eins finde ich aber schade, dass das Neue besonders kritisch gesehen wird und sich bewähren muss; jedoch das scheinbar Bewährte nicht evaluiert und einfach weitergeführt wird, obwohl es nicht mehr funktioniert. Hier braucht es mehr Ehrlichkeit!
Viele Menschen verbinden das Wort "missionarisch" mit Mitgliedergewinnung. Was bedeutet eine missionale Kirche für Sie konkret – und woran würde man erkennen, dass sie ihren Auftrag erfüllt?
Ja, Mission ist nicht Mitgliederwerbung. Die Mission Gottes besteht darin, dass Gott uns Menschen sucht und uns und seine ganze Schöpfung versöhnen und vollenden will.
Die Mission Gottes kommt zum Ziel, wenn wir zu einer versöhnten Glaubensbeziehung zu unserem Schöpfer finden; und dass wir die Menschen in die Lerngemeinschaft der Nachfolger Jesu Christi einladen.
In welcher Kirche oder Gemeinschaft das dann gelebt wird und eine Beheimatung findet, das haben wir nicht in unserer Hand. Kirche Jesu Christi existiert ja in vielen sehr unterschiedlichen Kirchen und Gemeinden, in Deutschland und weltweit.