Landesbischof Christian Kopp spricht im Interview über die Bedeutung von Frieden in einer unruhigen Welt. Er erläutert, wie kleine alltägliche Gesten, gerechte Strukturen und der respektvolle Umgang mit Vielfalt zum Frieden beitragen – lokal wie global.

"Frieden ist immer das Ergebnis von Bemühungen"

Herr Landesbischof, was bedeutet Frieden für Sie persönlich?

Christian Kopp: Für mich beginnt Frieden ganz klein – in der Familie, im Freundeskreis, im Alltag. Aufgewachsen in einer großen Familie, habe ich gelernt, dass man sich täglich um Frieden bemühen muss: durch Aushandlungsprozesse, gegenseitige Rücksichtnahme und Verständnis. Diese kleinen Schritte sind entscheidend – nicht nur im Privaten, sondern auch im Großen. Frieden ist kein Automatismus, er ist immer das Ergebnis von Bemühungen.

Wo sehen Sie heute die größten Herausforderungen für den Frieden?

Wir leben in unruhigen Zeiten, in denen viele Menschen um ihre Zukunft fürchten – auch angesichts von Krieg, Klimakrise und sozialer Ungleichheit. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir uns nicht hilflos fühlen, sondern an den kleinen Orten aktiv werden, an denen wir etwas bewirken können. Frieden beginnt im Kleinen und wächst durch viele kleine Beiträge, die gemeinsam Wirkung entfalten.

"Frieden gibt es nur, wenn Gerechtigkeit für alle Menschen gilt"

Welchen Beitrag kann die neue Friedensdenkschrift der EKD beim Ringen um Frieden leisten?

Die Denkschrift "Welt in Unordnung – Gerechter Friede" ist ein sehr wertvoller Impuls. Sie zeigt, dass Frieden und Gerechtigkeit eng miteinander verknüpft sind: Frieden gibt es nur, wenn Gerechtigkeit für alle Menschen gilt. Das gilt lokal, national und global. Gerade in unruhigen Zeiten wie heute – nach dem Überfall auf die Ukraine und den vielen Krisen weltweit – rückt sie den Fokus auf die drängenden Fragen: Wie können wir Konflikte friedlich lösen? Wie können gerechte Lebensverhältnisse geschaffen werden?

Welche Rolle spielt die Kirche konkret in der Friedensfrage?

Christinnen und Christen setzen sich überall dafür ein, dass der Friede wächst – in unseren Dörfern, Städten und Familien. Unser oberstes Prinzip ist Gewaltfreiheit. Gleichzeitig leben wir in einer Welt, in der Gewalt eingesetzt wird, und christliche Ethik verlangt, dass wir Wege suchen, diese Gewalt zu begrenzen. Friedensarbeit umfasst also sowohl den Einsatz für ein friedliches Miteinander als auch das Eintreten für gerechte Strukturen.

Können Sie die Verbindung zwischen Frieden und Gerechtigkeit näher erläutern?

Die Kirche betont seit Jahrzehnten die Bewahrung der Schöpfung. Klimaveränderungen verändern Lebensbedingungen weltweit – und das hat direkte Auswirkung auf die Frage des Friedens. Wenn Menschen ungleiche Lebensverhältnisse haben, entsteht Unfrieden. Deshalb müssen wir Gerechtigkeit herstellen: Wer nimmt sich zu viel, wer hat zu wenig? Frieden kann nur gedeihen, wenn diese Ausgleichsprozesse funktionieren.

" Jede und jeder kann ein Friedenszeichen setzen – sei es in der Familie, im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft"

Wie lässt sich Frieden im Alltag praktisch leben?

Frieden wächst nicht nur in der Politik, sondern im täglichen Miteinander. Es sind die kleinen Gesten: zuhören, freundlich sein, Verständnis zeigen. Jede und jeder kann ein Friedenszeichen setzen – sei es in der Familie, im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft. Diese kleinen Zeichen stabilisieren das soziale Gefüge und sind gerade in diesen Zeiten entscheidend.

Die Denkschrift spricht vom "friedensfördernden Umgang mit Pluralität". Was verstehen Sie konkret darunter?

Frieden bedeutet nicht Gleichmacherei. Frieden gelingt nur, wenn wir Vielfalt aushalten und respektieren. Es geht nicht darum, dass alle gleich handeln, sondern dass alle sich friedlich verhalten. Die Denkschrift betont, dass die Anerkennung unterschiedlicher Lebensentwürfe und Kulturen zentral für eine friedliche Gesellschaft ist.

"Die Hoffnung und die Möglichkeit, dass Frieden wachsen kann"

Die Denkschrift betont auch das Prinzip Hoffnung. Was macht Ihnen Hoffnung in diesen Zeiten?

Hoffnung liegt für mich im Alltag und in der Gemeinschaft. Die Schönheit der Natur, freundliche Begegnungen, Menschen, die sich für andere einsetzen – all das gibt Kraft. Und die Kirche zeigt, dass wir als Gemeinschaft über Tausende Ehrenamtliche und Hauptamtliche verfügen, die täglich kleine Friedenszeichen setzen. Das alles zusammen stärkt die Hoffnung und die Möglichkeit, dass Frieden wachsen kann – lokal wie global.