Der Motor springt mit einem satten Klang an. Wolfgang Oertel setzt den Helm auf, schließt den Reißverschluss seiner Motorradjacke und legt die Hände an den Lenker seiner Honda. Ein vertrautes Ritual – und für den Münchberger Dekan weit mehr als nur der Beginn einer Ausfahrt. Wenn die ersten Kilometer hinter ihm liegen und der Fahrtwind durch den Helm pfeift, beginnt für ihn etwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt: Freiheit. Ruhe. Gottesnähe.

"Da merkt man, wie die Seele aufatmet", sagt Oertel.

"Man fühlt sich wie der Easy-Rider."

Und genau dieses Lebensgefühl möchte er auch in die Kirche tragen.

Gottesdienst auf zwei Rädern

Am Sonntag, 5. Juli 2026, lädt der Dekan um 9.30 Uhr zum Motorrad-Gottesdienst in die Stadtkirche Münchberg ein. Leitmotiv: "Gott – Kraftstoff des Lebens". Bereits seit Jahren organisiert Oertel solche besonderen Gottesdienste für Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer. Anschließend geht es gemeinsam bei einer Ausfahrt Richtung Coburg weiter, bevor der Tag beim Mittagessen und der Rückfahrt ausklingt.

Musikalisch gestaltet die Band "Rock of JES" den Gottesdienst. Klassiker wie I Can See Clearly Now, Amazing Grace im eigenen Arrangement oder Heartache Tonight der Eagles verleihen ihm eine besondere Atmosphäre. Auch ein Biker-Glaubensbekenntnis und ein eigens formulierter Bikerpsalm gehören zur Liturgie. Nach dem Segen gibt es beim Kirchenkaffee Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. All das soll zeigen: Kirche darf auch einmal nach Benzin riechen, ohne ihre Botschaft zu verlieren.

Eine Liebe, die seit Jahrzehnten hält

Dass Wolfgang Oertel überhaupt Motorrad fährt, begann mit einem Kindheitstraum. Sein Vater besaß einst ein olivgrünes Moped – schon damals war die Faszination geweckt. Als es später um den Führerschein ging, entschied sich der junge Oertel ganz selbstverständlich für Auto und Motorrad.

Sein erstes Motorrad besitzt er bis heute: eine inzwischen 36 Jahre alte Honda Shadow 600. Viele hätten ihm längst geraten, sich etwas Größeres oder Moderneres zuzulegen. Oertel bleibt seiner Maschine treu.

"Das ist ein gescheites Motorrad", sagt er schmunzelnd. Man müsse nur richtig damit umgehen.

Wenn der Himmel plötzlich ganz nah ist

Wer Oertel zuhört, merkt schnell: Motorradfahren ist für ihn weit mehr als ein Hobby.

Sobald die Stadt hinter ihm liegt und sich die Straßen durch Wälder und über Hügel schlängeln, verändert sich etwas. Die Gedanken werden ruhiger, der Blick schweift über Felder, Täler und Himmel. Für den Dekan sind das Momente, in denen der Glaube beinahe greifbar wird.

"Wenn ich auf dem Motorrad bin und die Natur genieße, komme ich ins Beten und ins Schwärmen", erzählt er.

"Man fühlt sich dem Himmel oftmals ganz nah."

Diese Nähe habe nichts mit Gefahr oder Nervenkitzel zu tun, betont er. Vielmehr entstehe sie aus dem bewussten Wahrnehmen der Schöpfung: Links und rechts zieht die Landschaft vorbei, man nimmt Dinge wahr, für die im Alltag oft keine Zeit bleibt. Genau darin liegt für ihn eine tiefe Glaubenserfahrung.

Mehr als Lederjacken und Klischees

Biker hatten lange ein bestimmtes Image: laut, wild, rebellisch. Wolfgang Oertel erlebt heute eine ganz andere Szene.

Viele Motorradfahrer hätten sich einen Lebenstraum erfüllt, seien offen für Gespräche und Gemeinschaft. Natürlich drehe sich vieles um Maschinen, Touren und Technik – doch genauso komme man auf persönliche Erfahrungen, schwere Erlebnisse oder Fragen nach dem Sinn des Lebens zu sprechen.

Bei einer gemeinsamen Ausfahrt erlitt einmal ein Motorradfreund einen Herzinfarkt und starb. Solche Ereignisse bleiben in Erinnerung und machen deutlich, wie kostbar das Leben ist. Gerade deshalb seien viele Biker offen für Gespräche über Glauben, Hoffnung und das, was Menschen trägt.

Kirche einmal anders erleben

Die Motorradgottesdienste unterscheiden sich bewusst vom klassischen Sonntagsgottesdienst: ein Biker-Glaubensbekenntnis, besondere Texte und Lieder, zugeschnitten auf die Lebenswelt der Fahrerinnen und Fahrer. Auch die Predigt greift diese auf.

"Die Menschen erleben dort, dass Kirche etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun hat", sagt Oertel. Wer zum ersten Mal komme, sei häufig überrascht, wie lebendig und nahbar ein Gottesdienst sein kann.

Dabei geht es keineswegs darum, den christlichen Glauben zu verändern. Der Kern bleibt derselbe – nur Sprache und Bilder sind andere.

Gottes Kraftstoff für den Alltag

Das diesjährige Motto "Gott – Kraftstoff des Lebens" bringt genau das auf den Punkt.

So wie kein Motorrad ohne Treibstoff fährt, braucht auch der Mensch etwas, das ihn innerlich antreibt. Für Wolfgang Oertel ist das Vertrauen auf Gott dieser Kraftstoff. Er gibt Orientierung, trägt in schwierigen Zeiten und schenkt Freiheit, ohne beliebig zu werden.

Deshalb endet der Gottesdienst auch nicht mit einem eigens erfundenen Bikersegen, sondern mit dem klassischen aaronitischen Segen aus der Bibel.

"Der trägt seit über 3000 Jahren", sagt Oertel. "Egal, ob jemand Motorrad fährt oder ganz normal den Gottesdienst besucht."

Gemeinsam unterwegs

Nach dem Gottesdienst werden die Motoren gestartet. Die Motorräder rollen hinaus aus Münchberg Richtung Coburg. Vor ihnen liegen kurvige Straßen, Gespräche beim Mittagessen und viele gemeinsame Kilometer.