8.09.2019
Ehrenamt in der ELKB

Oberkirchenrat Martin: Prädikanten sind keine "Lückenbüßer" für fehlende Pfarrer

Rund 2.000 Prädikantinnen und Prädikanten dürfen in Bayern für Pfarrer einspringen, Predigten halten und Gottesdienste leiten. Im Interview erläutert Oberkirchenrat Michael Martin, welche Bedeutung die Ehrenamtlichen in der bayerischen Landeskirche haben - vor allem mit Blick auf kirchliche Reformprozesse und die Ruhestandswelle bei Pfarrerinnen und Pfarrern nach 2020.
Holzkreuz auf Bibel

In den Jahren nach 2020 kommt es zu einer großen Ruhestandswelle bei Pfarrerinnen und Pfarrern. Erhalten deshalb die Prädikanten, die ebenfalls predigen und Gottesdienste gestalten können, eine neue Bedeutung - sozusagen als Lückenbüßer?

Michael Martin: Prädikanten haben in der evangelischen Kirche durch ihre Funktion eine große Bedeutung, aber keinesfalls als Lückenbüßer. Ehrenamtliche, die sich als Lückenbüßer fühlen müssten, würden ganz schnell ihren Dienst quittieren oder ihr Engagement beenden. Die vielen selbstbewussten und qualifizierten Ehrenamtlichen sind ein ganz großes Pfund für die Kirche, weil sie sich mit großem persönlichen Einsatz in den verschiedensten Feldern und Arbeitsbereichen einbringen. Sie wollen aber entsprechend ihrer Fähigkeiten auch in einer für sie sinnvollen und befriedigenden Weise eingesetzt werden, sonst würden sie ihr Ehrenamt schnell an den Nagel hängen. Das ganz besondere Plus des Prädikanten-Dienstes ist es, dass sie bei ihren Predigten Erfahrungen aus ihrer eigenen Berufswelt einbringen und dadurch noch ganz andere Perspektiven haben als die Pfarrerinnen und Pfarrer.

 

In den kirchlichen Reformprozessen geht es aber häufig hauptsächlich um die Pfarrer.

Martin: Das wäre jetzt eine etwas verkürzte Sicht. Denn die Prädikanten gehören zu der Gruppe von Ehrenamtlichen, die ein "vereinbartes Ehrenamt" ausfüllen. Das bedeutet, dass sie sich nicht nur auf Zeit, beispielsweise für ein Projekt, engagieren, sondern mit Rechten und Pflichten einen festen Platz in den kirchlichen Strukturen, insbesondere im Gottesdienst, haben. Bei den Gottesdienstvereinbarungen und Predigtplänen müssen die Pfarrer wie die Kirchenmusiker auch die Prädikanten zwingend mit einbeziehen. Durch ihr "vereinbartes Ehrenamt" sind die Prädikanten deshalb auch ein wichtiger Bestandteil des gerade laufenden "Berufsgruppenprozesses", bei dem eine effiziente und synergetische Zusammenarbeit der verschiedenen kirchlichen Berufe, wie Pfarrer, Diakone, Religionspädagogen und Kirchenmusikern, gesucht wird. Zu diesen berufsgruppenübergreifenden Teams gehören auch die Prädikanten. Das geht womöglich gegenüber den anderen, hauptamtlichen Berufsgruppen in der öffentlichen Wahrnehmung etwas unter.

 

Wie sieht denn die Einbindung der Prädikanten konkret aus?

Martin: Nach dem Prädikantengesetz haben sie einen verbindlichen Anspruch auf eine sehr qualifizierte Fort- und Weiterbildung, wie sie regional, aber vor allem im Gottesdienstinstitut hervorragend geschieht. In den Dienstordnungen der Gemeindepfarrer sollte genau festgelegt sein, wer in der jeweiligen Kirchengemeinde für die Prädikanten verantwortlich und ihr Ansprechpartner ist. In der Ausbildung der Pfarrer muss in Zukunft die Kooperation mit Ehrenamtlichen wie den Prädikanten eine größere Rolle spielen. Für die Praxis hat das Amt für Gemeindedienst eine Arbeitshilfe entwickelt, in der die jeweils selbe Situation aus der Perspektive der Hauptamtlichen, wie etwa der Pfarrer, und der Ehrenamtlichen beschrieben wird.

 

Was machen Prädikanten?

Pfarrer Prädikantengesetz

Lektoren und Prädikanten springen immer dann ein, wenn kein Pfarrer für den Gottesdienst zur Verfügung steht. Sie sind meist in der Kirche engagierte Ehrenamtliche aus verschiedenen Berufen. Nach einer Fortbildung können sie als Lektorinnen und Lektoren im Gottesdienst eine vorgegebene "Lesepredigt" verlesen. Die dafür eigens geschulten Prädikantinnen und Prädikanten dürfen eine selbst verfasste Predigt halten, den Gottesdienst gestalten und bei besonderer Beauftragung auch zum Abendmahl einladen. In der bayerischen Landeskirche gibt es rund 2.000 Lektoren und Prädikanten, die durch die Kirchenleitung "berufen" werden.

Der Lektorendienst wurde in Bayern während des Pfarrermangels im Zweiten Weltkrieg eingeführt. Da sich der Einsatz der ursprünglichen theologischen "Nothelfer" bewährt hatte, wurde er nach dem Krieg beibehalten. Anfang der 1960er Jahre erwuchs daraus die ebenfalls ehrenamtliche Tätigkeit der Prädikanten. Die Funktion der Prädikanten, die einen hohen Stellenwert in der evangelischen Kirche hat, geht auf das evangelische Glaubensverständnis des "Priestertums aller Getauften" zurück.

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