Stell dir vor, eine Kirchengemeinde verkauft ihre Gebäude. Keine Kirche mehr. Kein Turm mehr. Kein Glockenläuten. Kein Raum für Chorproben oder Taufen und Gottesdienste. Kein Pfarramt mehr und kein Gemeindesaal. Nur noch: wir. Nur noch die Menschen. Die Gemeinschaft der Freundinnen und Freunde Jesu. In unseren Wohnungen und Häusern, auf den Straßen und Plätzen in unseren Orten. Ohne festes Dach über dem Kopf. Ohne sichere Kirchenmauern und Stammplätze. Aber auch ohne Wasserschäden und kaputte Klos und Putz, der von den Wänden blättert und ohne die Angst vor der nächsten großen Reparatur, die den Haushalt sprengt.

Für die ersten Freundinnen und Freunde Jesu war das der Normalzustand. Sie hatten kein eigenes Gebäude. Sie zogen mit Jesus von Ort zu Ort. Als eine fröhliche, wachsende Gruppe. Sie erlebten Gastfreundschaft und Zeltlager, Einladungen zu üppigen Festen und karge Speisen an anderen Tagen. Sie schliefen in fremden Häusern und auf Feldern. Oft wussten sie am Morgen nicht, wo sie am Abend bleiben würden. Und schon gar nicht, wer zwischendurch noch dazukommen würde. Wen Jesus mal wieder in ihre Gruppe einladen würde und wer dann tatsächlich folgen würde. Eine Jesusgemeinschaft in Bewegung. Sie tauchen da auf, wo die Leute sind. Erzählen ihnen das von Gott, was sie gerade hören müssen. Heilen, helfen und hören zu. So viele Menschen brauchen genau das. Heilung und Hilfe und ein offenes Ohr. Da, wo sie sind.

In der Bibel wird diese Zeit als eine große, logische Abfolge von Orten und Menschen erzählt. So, als ob Jesus und seine Freunde eine all-inclusive Reise gebucht hätten mit festen Zielen und Reiserouten. Im Rückblick ergibt sich oft ein geordnetes Bild. Ein erfolgreiches Bild von einer Bewegung, die mit einem begann und innerhalb von 300 Jahren zur Staats- und Weltreligion wurde.

 Großes Abenteuer – tiefes Gottvertrauen

Ich stelle es mir in diesen Anfangsjahren vor wie ein Leben auf der Walz. Ein großes Abenteuer mit tiefem Vertrauen in Gottes Fügungen und Führungen. Wie die Zeit zwischen Schulabschluss und Beginn von Ausbildung oder Studium. Die Zeit, in der alles möglich scheint und einem die Welt offensteht. Die Zeit, in der ich mir keine Gedanken ums Morgen machte, weil das Morgen verheißungsvoll war und weit genug weg, um sich Sorgen zu machen. Ich war jung, mutig, manchmal naiv. Ich spürte Gott fest an meiner Seite und lief in die Welt. Ich zog von Mecklenburg nach Franken, von Franken nach Siebenbürgen, dann nach München und Thessaloniki. Lebte mal kurz in Rostock und dann für einige Monate im Schwarzwald mit Kind und Mann. Immer auf dem Weg, ohne festes Ziel im Blick, mit allen Möglichkeiten im Herzen. Hauptsache, die wichtigen Menschen blieben erreichbar.

Bei mir waren es fast 10 Jahre in ständiger Bewegung. Unstetig und anstrengend in den Augen mancher. Ich fühlte mich frei und unbezähmbar, lebenslustig und mutig. Gebunden an Gott, mein Gewissen und meine Lieblingsmenschen. Und an sonst nichts. Ein Leben in großer Freiheit mit wenig Geld und viel Vertrauen.

Heute lebe ich nur noch im August so. Wenn wir als Familie ein Land der Welt bereisen. Mit wenig Wechselwäsche und viel Abenteuerlust im Gepäck. Dann merke ich, wie leicht sich Glück anfühlt. Wenn ich nichts wegräumen muss, weil nicht Überflüssiges da ist. Wenn ich spontan Pläne ändere und mit fremden Menschen am Lagerfeuer sitze. Und das sogar mit Mann und Kindern teilen darf. Dann fühl ich mich wieder so freu wie damals. Gebunden an Gott, mein Gewissen und meine Lieblingsmenschen. Und an sonst nichts.

 Eine Jesusgemeinschaft in Bewegung

35Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. 36Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. (Mt 9, 35-37)

Jesus ist auch frei und zieht umher. Ohne Geld, mit viel Gottvertrauen. Er trifft so viele Menschen, die Angst haben vor der Gegenwart. Noch mehr, denen es eigentlich gut geht. Aber die Angst vor der Zukunft raubt ihnen den Schlaf. Und Angst, die zerstreut Menschen. Statt sich zusammenzutun und Pläne zu schmieden, schnürt dir Angst die Kehle zu. Mit gesenktem Blick läufst du durch die Straßen. Nur schnell raus aus der Öffentlichkeit. Dahin, wo du dich sicher fühlst. Angst frisst Vertrauen. Angst frisst Hoffnung. Angst frisst die Seele auf. Angst zerfasert die Gemeinschaft, bis nur noch einzelne Angstmenschen übrig sind. Und die sind wahrlich leichte Beute für Betrüger und Abzocker.

Das jammert Jesus. So sehr, dass ihm der Schmerz durch die Eingeweide fährt. Er sieht unsere Zerrissenheit. Unsere Orientierungslosigkeit. Schafe ohne Hirten. Menschen ohne Richtung. Zerstreut, zerfleischt, weggeworfen. Die griechische Sprache ist hier drastisch.

Jesus sieht das alles. Statt über die elenden Gestalten zu sprechen und über all das, was uns fehlt, spricht Jesus über die Chancen. So viele Menschen brauchen Hilfe. So viele Menschen brauchen Jesus und seine Freund*innen. Jesus sagt:

Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. 38Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. 1Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. (Mt 9,37- 10,1)

Nur, woher mehr Mitarbeitende nehmen? Wenn sich immer weniger fürs Theologiestudium interessieren oder für Diakonik oder Religionspädagogik? Wenn immer weniger sich ehrenamtlich in den Gemeinden engagieren?

Das Heilmittel gegen die Angst der zerstreuten Menschen ist, dass Jesus seine Freundinnen und Freunde ausbildet, ihnen Mut zuspricht und sie dann zerstreut. Die Wandergruppe soll sich aufteilen. Jesus nimmt ihnen ihre letzte Sicherheit. Die Gruppe und seine Nähe. Stattdessen sollen sie in kleinen Gruppen weiterziehen. Weil er ihnen das zutraut.

 Kein Geld, keine Tasche, keine Wechselkleidung

Die 12 namentlich genannten Jünger und die mitgemeinten, leider nicht eigens erwähnten Jüngerinnen.

5Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Völkern und zieht nicht in eine Stadt der Samariter, 6sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. 7Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 8Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. (Mt 10,5-8)

Die Jünger Jesu sollen erstmal dahingehen, wo sie sich auskennen. Zu den Menschen, die genau wie sie selbst jüdischen Glaubens sind. Zu denen also, in deren Situation sie sich richtig gut hineinversetzen können. Bis sie Jesus trafen, waren sie ja selbst zerstreute, ängstliche Menschen, die hoffnungslos in ihre Netze gestarrt hatten. Ohne Visionen für ein Morgen. Mit reinem Überleben beschäftigt. Oder mit Besitzstandswahrung. Das kann sich auch nach Überlebenskampf anfühlen für die Betroffenen. Die, die etwas besitzen und es unbedingt bewahren wollen. Das Haus und die Autos und die Wochenendtrips und Fernreisen. Das Essengehen und die Haushaltshilfe, Maniküre und Pediküre, Friseurbesuch und Fitnessstudio… Je mehr ich mir leisten kann, desto mehr gilt es zu bewahren. Jedenfalls, wenn ich mich nicht mehr daran erinnere, dass mein Leben auch mit viel weniger schön war.

Jesus schickt also seine Freunde zu Leuten in ihrer eigenen Bubble. Denen sollen sie das erzählen, was sie in den letzten Monaten mit Jesus erlebt haben. Vor allem sollen sie tun, was sie predigen. Kranke heilen, Tote auferwecken. Menschen in Gemeinschaft bringen und ihnen ihre Ängste nehmen. Sie sollen mit denen sprechen, die keine Hoffnung mehr haben. Die ihre Geschichten schon hundertmal erzählt haben und keiner kann sie noch hören. Denen man aus dem Weg geht, weil sie alle nerven mit ihrem Gejammer. Sie sollen die Kranken besuchen und heilen. Mit allem, was sie so können. Mit Zeit vor allem. Mit Tee und Suppe vielleicht. Mit ermutigenden Worten und Verbandswechsel. Ohne dafür mehr zu verlangen als das, was sie zum Leben brauchen.

Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. 9Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, 10auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert. (Mt 10,8-10)

Kein Geld, keine Tasche, keine Wechselkleidung. Noch nicht mal einen Stock zur Verteidigung gegen streunende Hunde und Räuber. Die Jüngerinnen und Jünger haben nur sich selbst. Sie geben sich. Ihren Glauben, ihre Worte, ihr Können. Sie geben alles, was sie haben. Das macht sie frei. Frei, zu sagen und zu tun, was in Jesu Sinne ist. Ohne Angst vor Abmahnungen durch Vorgesetzte oder Entlassungsdrohungen. Wer nicht angestellt ist, kann nicht entlassen werden.

Das macht sie unabhängig von Besitzstandwahrung. Wer nichts hat, kann nichts verlieren.

Kein Geld, keine Tasche, keine Wechselkleidung. Das macht sie aber auch ganz und gar abhängig von fremden Menschen. Von deren Wohlwollen und offenen Türen. Das macht sie verletzlich. Wenn ich bei jemandem zu Gast bin, muss ich mich an dessen Regeln halten. Vielleicht die Schuhe ausziehen oder auf der Couch sitzen beim Abendessen. Vielleicht läuft der Fernseher nebenbei oder der Hund schleckt mir die Füße ab. Vielleicht geben sie dir das einzige Bett im Haus. Und du kannst nicht ablehnen. Denn sie wären beschämt, dich auf einem Strohsack übernachten zu lassen. Vielleicht musst du früh aufstehen, weil deine Gastgeber um 6 Uhr zur Arbeit losgehen. Vielleicht kommst du abends auch erst spät ins Bett, weil so viel erzählt werden muss.

Was damals eine Bewegung innerhalb des Judentums ist, ist aus heutiger kirchlicher Sicht ein Neuanfang. Und man könnte sagen; Jesus erzählt hier das Bild eines radikal armen Amtes der Kirche. Von kirchlichen Mitarbeitenden, die von Haustür zu Haustür laufen und da bleiben, wo sie willkommen sind. Und weitergehen, wo man sie nicht haben will. Es ist eine missionarische Kirche in ständiger Bewegung und Anfechtung. So hat es begonnen. Davon sind wir heute weit entfernt. Als Pfarrerin bin ich auf Lebenszeit verbeamtet und gut besoldet. Lebe in einem Pfarrhaus zu günstiger Miete. Ich bin finanziell abgesichert. Das Gegenbild der wandernden Von-Der-Hand-in-den-Mund-Predigerin.  

Kirchenräume - Glaubensräume

Es ist schwer, sich heute die evangelische oder katholische Kirche ohne Gebäude vorzustellen. Für viele Freikirchen und internationale Gemeinden hingegen ist das die Realität in Deutschland. Sie mieten unsere Kirchen und Gemeindehäuser an Sonntagnachmittagen. So helfen sie uns, die Gebäude zu finanzieren und feiern Gottesdienste in schönen Kirchen. Natürlich zu unseren Konditionen. Denn Besitz heißt Macht. Auch in der Kirche. Und Macht abgeben fällt schwer.

Zugleich sind Kirchengebäude so viel mehr als menschliche, steingewordene Machtdemonstrationen. Vielleicht liebe ich gerade deshalb Kirchengebäude so sehr. Weil sie stetig sind im Wechsel des Lebens. Weil sie bleiben und noch genauso aussehen und riechen, wenn ich nach vielen Jahren wieder mal vorbeikomme.

Schon als Jugendliche habe ich davon geträumt, einen Kirchenschlüssel zu haben. Und damit Zugang zu meiner Kirche. Jederzeit. Vor allem abends, wenn alles still ist und dunkel. Nur der Raum und ich und Gott. Die dicken Mauern schützen mich vor allem Bösen der Welt. Die durchbeteten Steine legen sich wie eine schwere Decke um mich. Beruhigend. Mein Herzschlag wird langsamer, mein Atem gleichmäßiger. Hier kann ich einfach sein. Wie so viele Menschen vor mir. Das war auch ein Grund für mich, Pfarrerin zu werden. Dass ich den Kirchenschlüssel auch als Mesnerin oder Ehrenamtliche bekommen könnte, war mir irgendwie nicht klar. Wer weiß, was ich dann studiert hätte?

Wenn ich als Pfarrerin in eine neue Gemeinde komme, dann verbringe ich die ersten Monate immer damit, die Menschen kennenzulernen. Und die Kirche. Damit sie zu meiner wird. Manche Räume machen es mir leicht. Manche sind sperrig und spröde wie die Melanchthonkirche in Nürnberg, wo ich gerade arbeite.

Dann schließ ich mich ein und dreh die Musik auf. Ich durchschreite und durchtanze und durchrufe den Raum. Ich leg mich vor dem Altar auf den Boden und spüre mit meinem ganzen Körper der Ort, an dem ich so oft stehe und bete. Für die Welt, für die Kirche, für einzelne, für mich. Kurz, ich liebe Kirchengebäude sehr. Hier fühle ich mich geborgen und frei. Verbunden mit den Generationen von Gläubigen vor mir und nach mir. Verbunden mit Gott.

Im Sommer ist es meist herrlich kühl in Kirchen. Oder wenigstens nicht sengend heiß. Kein Sommerurlaub ohne Verschnaufpause in alten Kirchen.

Zugleich habe ich noch selten so gefroren wie in Kirchen im Winter. In der Lorenzkirche in Nürnberg sind mir mal fast die Zehen abgefroren, weil ich mich für schicke statt warmer Schuhe entschieden hatte. In meiner eigenen Gemeinde heizen wir aus Kosten- und Umweltgründen nur noch auf 12 Grad hoch. Jeden Sonntag im Winter bereue ich das. Aber was hilft’s? Wir werden wieder traditioneller in der Hinsicht. Bis vor 100 Jahren wurden Kirchen gar nicht geheizt. Die kuscheligen Jahre sind vorbei.

Zukunftsvision von Kirche

Die Kirchengebäude ragen zwar noch zwischen den Häusern empor. Aber viele sind unter der Woche geschlossen. In vielen wird nicht mehr regelmäßig Gottesdienst gefeiert. Gefroren wird in fast allen. In manche regnet es schon rein, in andere erst in ein paar Jahren. Wir leben in dem Wissen, dass wir uns das nächste Kirchendach nicht mehr leisten können. Und hoffen, dass es einfach noch sehr lange hält. Ich sag mal so: Eine echte Zukunftsvision sieht anders aus.

Vielleicht so: Stell dir vor, wir würden nur noch einige wenige Kirchen und Gemeindehäuser erhalten. Und das restliche Geld, das wir bisher in den Erhalt unserer Gebäude stecken, das investieren wir in Menschen. Stell dir vor, eine kleine Gemeinde hat vielleicht kein Haus mehr, aber könnte Menschen dafür bezahlen, sich um die Armen und Schwachen zu kümmern, zu predigen und Gemeinschaft der Heiligen zu bauen. Sorgende Gemeinschaften könnten sich so bilden. Gemeinden, deren Mitglieder einander gegenseitig unterstützen und dafür auch entlohnt werden. Damit Sorgearbeit nicht Verarmung bedeutet. Und Hilfsbedürftigkeit keine Vernachlässigung.

Es gäbe keine Stammplätze mehr und keine Angst vor maroden Dächern. Wir hätten keine Macht mehr über unsere Räume, aber auch keine Verantwortung. Wir wären frei von viel Verwaltung und abhängig von Vermietern. Wir würden nicht mehr leere Räume pflegen und Hauptamtliche für viel zu viele Gemeinden einsetzen. Sondern wir würden Beziehungen pflegen und kleine Neuanfänge wagen. Was ja irgendwie immer leichter ist als organisierter Rückbau.

Wenn ich das Bild male, ertappe ich mich beim Träumen. Leicht fühlt sich solch eine Gemeinde an. Beweglich und anpassungsfähig. Liebevoll und tragfähig. Wie Sommerurlaub mit Zelt und einmal Wechselklamotten im Rucksack. Mit viel Gottvertrauen und spontanen Einladungen an Lagerfeuer. Wo viele kleine Angstmenschen zusammensitzen und im Schein des Feuers Geschichten teilen. Davon, wie sie geworden sind, wer sie sind. Wer sie begleitet und stärkt. Wem sie helfen, für wen sie beten.

Und dann schau ich mich in meinem Arbeitszimmer um und merke, wie sehr auch ich mich im Leben der sesshaften Pfarrerin eingerichtet habe. Wie gern ich all meine Bücher um mich habe. Die sind nun wahrlich kein leichtes Gepäck. Bei jedem Umzug leiden Umzugsträger darunter. Sprich, mein Mann und ich bisher.

Ach, es ist leicht, zu träumen. Es ist schwer, loszulassen. Aber ohne Träume ist das Loslassen nur beängstigende Verlusterfahrung. Vielleicht ist es ja so: Angst macht gar nicht die Veränderung. Angst macht die Angst vor der Veränderung. Und dagegen helfen Visionen und Träume allemal. Träume vom Wandern mit leichtem Gepäck. Von Gemeinschaften, in denen Menschen füreinander sorgen und aufeinander achten. Vor allem auf die Kranken und Sterbenden und auf die, die anstrengend sind. Weil sie ihre Dämonen noch nicht loswerden konnten. Eine Gemeinschaft, in der Nachbarn für die Familie mit dem Neugeborenen kochen. Immer reihum. Auch für die Familie, die noch ganz neu da ist und niemanden kennt. Weil es wen gibt, der solche Hilfe koordiniert. Das ist der Unterschied zwischen Nachbarschaftshilfe und sorgender Gemeinschaft. Die eine funktioniert nur, wenn du deine Nachbarn kennst und magst. Oder wenigstens sie dich mögen. Die sorgende Gemeinschaft trägt auch den Griesgram und die Meckertante mit. Vielleicht verziehen sich dann auch die Dämonen und sie lobt und lächelt etwas mehr. Aus einer zerfaserten Gemeinschaft vieler einzelner Angstmenschen wird so eine Gemeinschaft der Mutigen.

Und, wenn ich Sehnsucht nach einem altehrwürdigen Kirchengebäude habe, findet sich bestimmt eine Fahrgemeinschaft dahin. Und plötzlich fühl ich mich wieder wie damals mit 20. Frei und unbezähmbar, lebenslustig und mutig. Mit ganz vielen Dächern überm Kopf.

Kommentare

habakuk am Fr, 25.07.2025 - 00:20 Link

Schöne Vorstellung, aber nicht ganz zu Ende gedacht... (oder gar nicht weiter gedacht?)

Wenn man keinen Ort mehr hat, an dem man sich treffen kann, dann trifft man sich nicht mehr. Und auch das "Zelt" für den Sommer muss an einem Ort stehen und im Winter an einem anderen Ort aufbewahrt werden.

Die Kirche der Zukunft wird von ehrenamtlichen getragen werden müssen - wenn aber die Hauptaufgabe ist, einen Ort zum Treffen zu finden, wird ganz viel Energie verbrannt, bevor irgend was passiert. Und erst wenn die Kirche dann so klein und familiär ist, dass sie wieder in private Wohnzimmer passt ist die Raumfrage gelöst (dann ist aber auch das Einladen von Außenstehenden schwierig).

Sicher kann man überlegen, wie wie viele und was für Orte und insbesondere Gebäude man besitzen muss und auch wer diese finanzieren muss.

Ein weiter Aspekt ist dann noch der gesellschaftliche und städtebauliche - früher war die Kirche ein zentraler Treffpunkt für alle Menschen der politischen Gemeinde - wo trifft man sich heute in einer säkulareren Welt, wenn diese Orte wegfallen? Vielleicht müssen einfach die politischen Gemeinden die Kirchen und Gemeindehäuser übernehmen und Orte für alle Menschen schaffen. Dann können sich da auch wieder die christlichen Gemeinden, neben ganz anderen Gruppen, treffen.