Für Wladimir Putin ist Religion längst ein politisches Machtinstrument. Besonders die russisch-orthodoxe Kirche spielt dabei eine zentrale Rolle – auch in möglichen Friedensverhandlungen mit der Ukraine. Die Theologin und Osteuropaexpertin Regina Elsner erklärt im Interview mit "Domradio", warum die Kirchenfrage für den Kreml-Chef aus ihrer Sicht so bedeutsam ist.
Seit der Annexion der Krim 2014 nutze Russland kirchliche Themen, um seinen Einfluss auf die Ukraine zu sichern. "Die Kirchenfrage und die Sprachenfrage sind zwei zentrale, quasi hybride Kriegswaffen", sagt Elsner.
Moskau wolle verhindern, dass die Ukraine eine eigene Identität entwickele – und sie dauerhaft im russischen Einflussbereich halten.
Streit um die Zugehörigkeit der orthodoxen Kirche
In der Ukraine gibt es seit der Unabhängigkeit 1991 mehrere orthodoxe Kirchen. Eine von ihnen stand lange in enger Verbindung mit dem Moskauer Patriarchat. "Diese Kirche war immer schon in den Augen der russischen politischen Führung ein Instrument, um Einfluss in der Ukraine zu haben", erklärt Elsner.
Nach Beginn des russischen Angriffskriegs 2022 erhöhte die Ukraine den Druck: Die ukrainisch-orthodoxe Kirche sollte sich klar von Moskau lossagen. Zwar erklärte sie im Mai 2022 ihre Unabhängigkeit, doch viele Beobachter halten die Trennung für nicht glaubwürdig. Gegen mehrere Geistliche laufen Verfahren wegen mutmaßlicher Kollaboration mit Russland.
Moskau wiederum wirft Kiew "Christenverfolgung" vor. Elsner hält das für "zynisch", da Russland selbst weder Religionsfreiheit in den besetzten Gebieten noch im eigenen Land zulasse.
"Kanonisches Territorium" als Machtanspruch
Ein weiteres Argument der russisch-orthodoxen Kirche ist das sogenannte "kanonische Territorium". Demnach seien nationale Grenzen kirchlich irrelevant – entscheidend sei die geistliche Einheit ehemaliger Sowjetrepubliken. Dieses Konzept dient Moskau dazu, ehemalige Staaten im "geistlichen Orbit" zu halten.
"Man sagt: Wir haben eine gemeinsame Geschichte, eine gemeinsame kirchliche Tradition. Man kann uns nicht trennen, schon gar nicht durch europäische Werte", erläutert Elsner.
Internationale Dimension
Besonders gefährlich ist aus Elsners Sicht, dass das Thema Religion in den USA auf Resonanz stößt. Teile der evangelikalen Bewegung unterstützten russische Positionen, weil sie die ukrainische Regierung als zu westlich oder antichristlich betrachten.
Damit könne Moskau religiöse Fragen nutzen, um internationale Partner der Ukraine zu verunsichern.
Gebetstag für die Ukraine
Am 24. August, dem Unabhängigkeitstag der Ukraine, rufen Kirchen und religiöse Organisationen weltweit zu Solidarität auf. Der Internationale Gebetstag für die Ukraine wurde vom Gesamtukrainischen Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften (UCCRO) initiiert, der nach eigenen Angaben rund 95 Prozent der ukrainischen Religionsgemeinschaften vertritt.
Unterstützt wird der Aufruf von zahlreichen Kirchen, internationalen Werken und Glaubensgemeinschaften – darunter der Ökumenische Rat der Kirchen, die Lausanner Bewegung sowie orthodoxe, katholische, evangelische und freikirchliche Gemeinden. Auch in Deutschland und der Schweiz beteiligen sich kirchliche Gruppen.
Kommentare
Nunja, auch wenn russische…
Nunja, auch wenn russische Macht- und Gewaltpolitik hier besonders unsympathisch ist, so ist staatlicher Zugriff auf kirchliche Symbolik zur Machtfestigung auch anderswo kein Fremdwort. Man beachte wie viele Politiker am Kirchentag herumrennen und das nicht nur als Funktionsträger sondern als Andachtsleiter. Cuius regio eius religio war einst ein deutsches Prinzip. Wir sitzen da ziemlich im Glashaus.