Die bayerische evangelische Landessynode hat eine neue Präsidentin: Mit 76 Stimmen wurde Tanja Keller am Montagnachmittag im ersten Wahlgang in das Spitzenamt gewählt. Die Münchner Synodale ist seit 23 Jahren Richterin am Arbeitsgericht Regensburg und war während der letzten Legislaturperiode auch Mitglied im Landessynodalausschuss.

"Ich bin überwältigt - gemeinsam werden wir die Synode auf einen guten Weg bringen", sagte die 60-Jährige nach der Wahl auf der Frühjahrstagung in Bayreuth. Bereits zuvor hatte sie in ihrer Bewerbungsrede vor den 108 Abgeordneten betont, dass sie Wege finden wolle, "die für alle gangbar sind" und dass ihr die "Balance zwischen Kontinuität und Veränderung eine Herzensangelegenheit" sei.

Geboren ist Keller in Hamburg, doch schon im Alter von sechs Jahren zog sie mit ihren Eltern - beide Lehrer - und dem jüngeren Bruder nach Luanda, der Hauptstadt von Angola. An diese Zeit habe sie "sehr schöne Erinnerungen" an eine reiche Pflanzen- und Tierwelt, an eine bunte Nachbarschaft, wo sie "auf der Straße" Portugiesisch gelernt habe, sagte Tanja Keller jüngst in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Nach Ausbruch des Bürgerkriegs floh die Familie nach Namibia und zog ein Jahr später weiter nach Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Fernweh als Grund fürs Jurastudium

Von dort ging es für die Jugendliche, zunächst ohne Eltern, zurück nach Norddeutschland aufs Gymnasium und später nach Berlin. Das Fernweh war mit ein Grund für die Wahl des Studienfachs Jura: "Ich wollte unbedingt wieder ins Ausland und habe mich beim Auswärtigen Amt beworben." Daraus wurde nichts, stattdessen verschlug es die Studentin nach München, wo sie später heiratete und Familie gründete.

Als Herzensthemen nannte die neue Präsidentin im epd-Gespräch Umweltfragen, Demokratie und Menschenwürde sowie Spiritualität und die Gleichberechtigung von Frauen. Als junge Juristin im bayerischen Sozialministerium habe sie am bayerischen Gleichstellungsgesetz mitgeschrieben, das am 1. Juli 1996 in Kraft trat. "Darauf bin ich stolz", sagt Keller rückblickend. Dass die Landessynode im Herbst 2024 eine flexible Frauenquote von 40 bis 60 Prozent bei Führungspositionen beschlossen habe, freut sie: "Jetzt müssen wir am Thema dranbleiben und sie in die Tat umsetzen."

"Teilzeit war damals nicht gern gesehen"

Auch sie selbst hat ein paar Kämpfe gegen patriarchale Vorgesetzte ausgefochten, um beruflich ihren Weg zu gehen: "Teilzeit war damals noch nicht gern gesehen, aber ich wollte auch Zeit für meine Kinder haben", erinnert sie sich. Nach der Geburt der ersten Tochter 1994 musste deshalb auch Kellers Mann, Diplom-Elektroingenieur von Beruf, ran: "Ich hab ihn reingeschubst, und er ist reingewachsen", sagt die Juristin. Als die zweite Tochter 1997 zur Welt kam, wurde ein System mit Teilzeit, Tagesmutter und Vater-Tagen etabliert.

Nach einem kurzen beruflichen Abstecher in den Maßregelvollzug der Psychiatrie bekam Tanja Keller schließlich 2002 das Angebot für eine Richterstelle am Arbeitsgericht Regensburg, wo sie bis heute Fälle bearbeitet, Streitigkeiten schlichtet und Gütetermine moderiert. Um ihre Skills dabei noch zu verbessern, hat sie eine Ausbildung zur Mediatorin absolviert - gewiss nicht schädlich für die Leitung eines gut 100 Personen starken Gremiums wie der Landessynode.

Schwimmen, lesen, gärtnern - und Portugal

Einen Wermutstropfen gibt es für die frisch gebackene Präsidentin, die seit 2017 auch die Beauftragung als Prädikantin der evangelischen Landeskirche hat: Ihr Ehrenamt im Präsidium der Münchner Dekanatssynode, wo sie zuletzt eine neue Satzung formuliert hat und eng in die Strategieplanung eingebunden war, muss sie nun aufgeben. "Auf zwei Hochzeiten tanzen, das geht nicht", sagt sie.

Um für den neuen "Job" an der Spitze der Landessynode genug Zeit zu haben, will Keller außerdem beruflich wieder auf eine halbe Stelle reduzieren. Die freie Zeit, die dann vielleicht bleibt, verbringt Tanja Keller am liebsten mit schwimmen, lesen, gärtnern oder in ihrer zweiten Heimat Portugal.