Eigentlich war schon in der 7. Klasse alles klar: Damals wünschte sich Björn Mensing zum Geburtstag ein Abo des Geschichtsmagazins "Damals". Etwa zeitgleich fing er in seinem niedersächsischen Heimatort Adendorf in der Jugendarbeit der Christlichen Pfadfinder an. Somit war der Grundstein für die Berufswahl gelegt, in der Mensing seine beiden Leidenschaften - Geschichte und Kirche - verband.
Zum 1. September 2026 geht der promovierte Historiker und Pfarrer an der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau in den Ruhestand - und zurück in die norddeutsche Heimat. Verabschiedet wird der Theologe am 12. Juli in der Friedenskirche Dachau.
Den Großteil seines 42-jährigen Berufslebens hat Mensing an der Versöhnungskirche verbracht, der einzigen evangelischen Kirche auf dem Boden eines ehemaligen Konzentrationslagers, die auf Initiative von KZ-Dachau-Überlebenden gebaut und 1967 eingeweiht worden war. Nach seinen Vikars- und Gemeindepfarrer-Stationen in Garmisch-Partenkirchen, Gauting und Bayreuth übernahm der damals 43-Jährige im Jahr 2005 in Dachau seine Traumstelle.
Leidenschaft und Akribie
Eine Bezeichnung, die angesichts der täglichen Beschäftigung mit dem NS-Terror und dem Leid seiner Opfer und deren Angehörigen, schräg anmuten mag. Doch für einen wie Björn Mensing, der sich mit Leidenschaft und Akribie in die Details von Biografien und Ereignissen hineinschraubt, ist sie treffend. Er wolle sich nicht damit begnügen, "zu Gedenktagen die altbekannten Daten vorzulesen", sagt Mensing. Wenn er sich mit der Lebensgeschichte eines NS-Verfolgten befasse, "dann packt es mich detektivisch, ob ich nicht doch irgendwie noch Angehörige finden könnte".
Diese Eigenschaft hebt auch der Kuratoriumsvorsitzende der Versöhnungskirche, der Münchner Stadtdekan Bernhard Liess, hervor: Mensing sei ein Historiker, "der mit hoher Leidenschaft und emotionaler Berührbarkeit an die Menschen mit ihren Biografien erinnert". Die Erinnerungsarbeit mit seelsorgerlicher Kompetenz zu vereinen, "war und ist seine große Stärke".
Mensings Jahre an der Versöhnungskirche waren geprägt vom langsamen Wandel der Erinnerungsarbeit. In der ersten Zeit sei sein Fokus "absolut" auf die Überlebenden gerichtet gewesen, die Begegnung mit ihnen "ein Privileg": Max Mannheimer, Hugo Höllreiner, Ruth Klüger waren in der Versöhnungskirche genauso zu Gast wie viele namentlich weniger bekannte Menschen, die unter der Brutalität und Grausamkeit des NS-Regimes gelitten hatten und davon berichten konnten.
"Wer Björn Mensing erlebte, wie respektvoll er mit den meist sehr alten Zeitzeugen sprach, wie er sie begleitete und mit ihnen in vielen Ländern Kontakt hielt, der spürte schnell, dass es ihm ernst war mit dem lebendigen Gedenken", sagt der Münchner Regionalbischof Thomas Prieto Peral. Er sei dankbar für die Arbeit des Versöhnungskirchenpfarrers, "weil er konkret daran erinnert hat, was Faschismus mit Menschen macht".
Erweiterung der Zeitzeugenarbeit
Heute sind Veranstaltungen mit den letzten hochbetagten Überlebenden wie Ernst Grube oder Charlotte Knobloch die Ausnahme geworden. In den Vordergrund gerückt sind in den letzten Jahren dafür die Kinder, Enkel und Urenkel der NS-Verfolgten, die Mensing erst recherchierte, dann kontaktierte und schließlich nach Dachau einlud. Bewegende Abende mit vielen Emotionen sind so entstanden.
Für Mensing war die Erweiterung der Zeitzeugenarbeit ein Aha-Erlebnis: Er habe gemerkt, "welche wichtige Rolle die Schicksale der Verfolgten für ihre Nachkommen spielen". Die Forschung bezeichnet das als "transgenerationale Traumata": Wenn sich jahrzehntelanges Schweigen und unausgesprochenes Leid als taube Stellen auf den Seelen der Familien abdrückt.
Mensings Arbeit blieb nicht auf die Versöhnungskirche beschränkt. Mehrere Jahre lang war er als landeskirchlicher Beauftragter für die evangelische Gedenkstättenarbeit in ganz Bayern tätig. Er bezog als Redner bei Demos in Dachau Stellung gegen die AfD. Und er initiierte mehrere Erinnerungszeichen und Stolpersteine für NS-Opfer in München und Dachau - zuletzt Ende Juni für den jungen Rechtsanwalt Alfred Strauß, der im Mai 1933 im KZ Dachau erschossen wurde, und seine Mutter Margarethe.
Projekte für den Ruhestand
Was macht so ein von seinem Lebensthema Getriebener im Ruhestand? Björn Mensing lächelt fein: Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme ist nur 35 Kilometer von seinem Heimatort nahe Lüneburg entfernt, in Lüneburg selbst gibt es eine Euthanasiegedenkstätte und der Landkreis pflegt eine Partnerschaft mit dem polnischen Wagrowiec. Diese Stadt wiederum liegt nur 30 Kilometer von Kcynia entfernt, wo sein Großvater Konrad Mensing von 1942 bis 1945 im Auftrag des NS-Regimes Amtskommissar gewesen war - 2019 hatte Enkel Björn diesen Teil der Familiengeschichte erforscht. Stolpersteine oder ähnliche Erinnerungszeichen für die NS-Opfer Kcynias hat Mensing schon lange auf seiner To-do-Liste.
Und während sich sein designierter Nachfolger Michael Lorenz, bislang Pfarrer der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Germering, auf die Arbeit in der Versöhnungskirche Dachau vorbereitet, packt der scheidende Amtsinhaber seine Koffer, um in Norddeutschland die Erinnerung an die vielen Facetten der NS-Vergangenheit voranzutreiben - zwar im Ehrenamt, aber vermutlich nicht weniger hartnäckig. Geschichte ist eben seit der Schulzeit Björn Mensings Leidenschaft. Das "Damals"-Abo aus der 7. Klasse hat er heute noch.