Wenn an Traditionen gerüttelt wird, flammt die Sorge auf, etwas Wertvolles könne verloren gehen. So auch jetzt, in der Diskussion um die Veranstaltung "Decolonizing Christmas" in einer Berliner Kirche. Dekolonialisierung meint, Machtverhältnisse zu hinterfragen, die aus der Kolonialzeit stammen. Das Weihnachtsfest zu "dekolonialisieren", das klingt jedoch nach einem ideologischen Abrisskommando.
Man darf irritiert sein, wenn ein christliches Fest, das für viele ein emotionaler Ankerpunkt des Jahres ist, unter einen solchen Slogan gestellt wird. Vielleicht sollte man Weihnachten eher als Immaterielles Kulturgut der UNESCO schützen lassen, um solchen Unsinn künftig zu unterbinden.
Die Weihnachtsgeschichte ist eine Heilsgeschichte – für die Welt als Ganzes
Hier die Antragsbegründung: Weihnachten ist eine Geschichte voller Sehnsucht nach Nähe, Wärme und Heilung, die auch außerhalb der Kirchen im kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft ihren Platz gefunden hat. Auch wenn der Erlösungsgedanke als theologischer Kern des Fests in den vergangenen Jahren immer mehr verblasst ist – er war nie ganz verschwunden und tritt in Krisenzeiten mit besonderer Macht wieder hervor: Die Weihnachtsgeschichte ist eine Heilsgeschichte – für die Welt als Ganzes.
Immer noch ist für die meisten Christen Weihnachten das wichtigste Fest des Jahres, weil es emotional am meisten anrührt und berührt. Aber auch theologisch gesehen ist es das zentrale Fest: weil hier die Hauptsache des christlichen Glaubens geschieht, dass Gott Mensch wird und in diese Welt kommt. Hier geschieht die Grundlegung für das heilvolle Handeln, das im Leben, Sterben und in der Auferstehung Jesu seinen Ausdruck findet.
Die Zeit um Jesu Geburt war eine Krisenzeit
Es geht also um die Vergegenwärtigung von Gottes heilvollem Handeln, von Gottes Heilsgeschichte mit der Welt. "Das Licht kam in die Dunkelheit", bringt das Johannesevangelium (Johannes 1, 5) das weihnachtliche Geschehen auf den Punkt. Dem entspricht die Symbolik der Weihnachtserzählung des Lukas, wonach das Licht in der Tiefe, in einer dunklen Höhle gefunden wird; nicht oben, in der glitzernden Stadt des Herodes, in Jerusalem, sondern in einer Grotte am Rande Bethlehems.
Die Zeit um Jesu Geburt war eine Krisenzeit – eine Zeit voller Umbrüche und Kriege, voller Willkür und Unterdrückung. Gerade deshalb hat die Botschaft Jesu Christi von Erlösung, Liebe und Frieden diese Sprengkraft entfaltet. Dieses Geschehen in Bethlehem ist nicht im langen Fluss der Geschichte verschwunden; es geschieht hier und jetzt, in einer erlösungsbedürftigen Welt.