Anton Corbijn, geboren am 20. Mai 1955 im südholländischen Strijen, ist Fotograf, Regisseur, Designer und Chronist einer ganzen Ära. Er hat das visuelle Selbstverständnis von Bands und Künstlern wie U2, Depeche Mode, Joy Division, Nick Cave, Tom Waits, Bruce Springsteen, R.E.M. und Nirvana entscheidend geprägt. Seine kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bilder, seine düsteren Bühnenräume und seine ungeschönte Direktheit sind längst selbst zu Ikonen geworden.
Wer heute an Depeche Mode denkt, sieht Corbijns Bilder vor sich – die kreuztragenden Gestalten aus "Personal Jesus", die staubigen Landschaften von "Songs of Faith and Devotion". Und wer U2s "The Joshua Tree" aufschlägt, erkennt die Handschrift eines Fotografen, der Pop in etwas Zeitloses, ja Spirituelles verwandelte.
Ein Pastorensohn sucht das Licht
Corbijns Leben begann in einem Milieu, das mit der Welt der Rockmusik wenig gemein hatte. Sein Vater war reformierter Pastor, ebenso Großvater und mehrere Onkel. "Ich wurde auf einer Insel bei Rotterdam geboren. Die Popmusik, die von außerhalb kam, stand für ein viel freieres Leben als das protestantisch-religiöse, das ich kannte" ("I was born on an island off Rotterdam… The pop music… was indicative of a much more liberal lifestyle than the Protestant religious lifestyle I was used to"), sagte er einmal.
Diese Enge ließ ihn nach Bildern suchen, nach Ausdruck, nach Flucht – und er fand sie durch die Kamera. Mit 17 Jahren begann er, Bands zu fotografieren; mit 21 zog er nach London, wo er für das Magazin NME arbeitete und die visuelle Ästhetik der Punk- und New-Wave-Szene mitprägte.
Gleichzeitig blieb seine Herkunft spürbar. "Mein protestantischer Hintergrund hat meine Fotografie immer geprägt. Menschlichkeit, Empathie – das waren Ideen, die mich davon abhielten, oberflächliche Arbeiten zu machen" ("My Protestant background always marked and influenced my portrait photography. Mankind. Humanity. Empathy… These ideas kept me from doing work that lacked a deeper purpose"), sagt er in einem Interview.
Corbijn wuchs mit weißen Kirchenwänden, ohne Bilder, ohne Prunk auf – und vielleicht ist genau das die Wurzel seiner reduzierten, fast asketischen Bildsprache. Wo andere mit Glamour locken, sucht er Tiefe. Wo andere inszenieren, tastet er sich an Wahrhaftigkeit heran.
Das Sakrale in der Popkultur
Corbijns Ästhetik oszilliert zwischen Glaube und Zweifel, zwischen Licht und Schatten – eine visuelle Theologie für das Zeitalter des Rock. Seine Fotografien sind von einer Ernsthaftigkeit durchzogen, die an religiöse Ikonographie erinnert. Die Porträts von Nick Cave oder Tom Waits erscheinen wie Heiligenbilder der Moderne: gezeichnete Gesichter, scharfes Licht, Hintergründe von biblischer Strenge.
Gerade bei Depeche Mode überlagern sich religiöse Motive und Popästhetik besonders deutlich. Für die Alben Violator (1990) und Songs of Faith and Devotion (1993) schuf Corbijn eine visuelle Welt aus Kreuzen, Andachtsszenen, dunklen Landschaften und rituellen Gesten. Diese Bilder sind keine bloßen Stilmittel – sie verweisen auf Corbijns eigene Auseinandersetzung mit Religion als Erfahrung von Verbot und Sehnsucht zugleich.
"Ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass es Himmel und Hölle gibt, und als Kind stellt man sich das wirklich bildlich vor" ("I grew up with the idea that there was a heaven and a hell, and as a kid you really visualize that"), sagt Corbijn. "Vielleicht spürt man das in meinen Bildern – dieses Schwanken zwischen Dunkelheit und Erlösung."
Auch in seinen Musikvideos und Filmen tauchen christliche Symbole auf: Kreuze, Friedhöfe, Opfergesten, das Motiv des Suchenden. Selbst seine Schwarz-Weiß-Fotografien tragen den Charakter einer stillen Messe: streng komponiert, von Licht durchdrungen, oft von einer Aura melancholischer Erhabenheit.
Beispiele seiner religiösen Bildsprache
- Die Friedhofs-Serie "Cemeteries" – Fotografien von Grabfeldern, auf denen Licht und Stein eine fast liturgische Ruhe entfalten. Corbijn spricht davon, "dass Friedhöfe Tiefe haben" ("they had depth") – ein Ausdruck seines Bedürfnisses, Vergänglichkeit sichtbar zu machen.
- Depeche Mode – "Personal Jesus" (1989) – Eine visuelle Predigt in der Wüste. Leder, Staub, Kreuze – und doch eine Geste der Nähe. Hier verschmelzen Rock und Religion, Predigt und Performance.
- Selbstporträts in "a somebody" – Corbijn inszeniert sich selbst als verstorbene Musiklegenden wie Elvis oder Cobain, fotografiert in seinem Heimatdorf Strijen. Es ist eine Rückkehr in die Kindheitswelt, ein Nachdenken über Kult, Erinnerung und Auferstehung im Bild.
- Film "Control" (2007) – Das biografische Drama über Joy-Division-Sänger Ian Curtis ist mehr als ein Musikerfilm. Die Schwarz-Weiß-Ästhetik erinnert an die protestantische Strenge seiner Kindheit, die Stille zwischen den Bildern wirkt wie Gebet.
Einfluss auf die Popkultur
Ohne Anton Corbijn sähe die Geschichte der Popmusik anders aus. Er verlieh Rock- und New-Wave-Bands eine Bildsprache, die zwischen Authentizität und Mythos balanciert – rau, fehlerhaft, menschlich.
Er war es, der den Sprung von der "bunten Oberfläche" der Achtziger in eine tiefere, introspektive Ästhetik wagte. Seine Bilder machten Künstler zu Archetypen, zu modernen Heiligen, zu Sinnbildern einer Generation, die zwischen Glauben und Skepsis lebte.
Von U2s Wüsten-Ikonografie über Depeche Modes sakrale Gesten bis zu Nick Caves düsterer Andacht – Corbijn schuf die religiöse Symbolsprache der Popmoderne.
Rückkehr und Reflexion
Heute, mit 70 Jahren, blickt Corbijn auf ein Werk zurück, das nicht nur stilbildend war, sondern auch persönlich heilend. In Interviews wirkt er versöhnt mit seiner Herkunft, ohne sie zu verklären. "Ich will kein Teil der Kirche sein. Aber wenn sie dich dein Leben lang begleitet hat, beeinflusst sie, wie du ein Foto machst" ("I don’t want to be part of the church. But if it’s been with you your whole life, it influences how you take a photograph"), sagt er.
Das neue Buch "Anton Corbijn" ist mehr als ein Bildband. Es ist ein Zeugnis eines Lebens zwischen Kanzel und Kamera, zwischen Bibelvers und Bühnenlicht. Corbijns Blick bleibt andächtig – auch wenn sein Glaube längst die Form gewechselt hat.
Anton Corbijn ist der stille Priester der Popfotografie. Seine Ästhetik hat den Sound einer ganzen Epoche sichtbar gemacht, seine Herkunft ihr eine Seele gegeben. Wo seine Kamera Licht auf Gesichter fallen lässt, spürt man noch immer das Flackern der Kirchenkerze aus Strijen.
Hier gehts direkt zum Buch.