17.02.2018
Uraufführung vor 75 Jahren

Carl Orff lenkte mit seiner Oper »Die Kluge« von Stalingrad ab

Die Oper war ein Liebling der NS-Kulturpolitik. Viele Uraufführungen aus der Zeit des Nationalsozialismus werden bis heute gespielt. Dazu gehört Carl Orffs »Die Kluge«, die vor 75 Jahren uraufgeführt wurde.
Plakat zur Uraufführung von »Die Kluge« 1943 von Helmut Jürgens.
Plakat zur Uraufführung von »Die Kluge« 1943 von Helmut Jürgens.

 

"Die Kluge" von Carl Orff (1895-1982), am 20. Februar 1943 in Frankfurt am Main uraufgeführt, ist eine der populärsten Opern des 20. Jahrhunderts. Sie basiert auf dem Märchen "Die kluge Bauerntochter" der Brüder Grimm, das Orff erweitert hat: Ein Bauer will den König übers Ohr hauen, seine Tochter warnt ihn vergebens, er wird eingesperrt. Die kluge Tochter aber befreit ihren Vater und heiratet den König.

"Oh, hätt ich meiner Tochter nur geglaubt! Denn wer viel hat, hat auch die Macht, und wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch, denn über allem herrscht Gewalt." Das ist der zentrale Satz des Werks. "Tyrannis führt das Zepter!" heißt es darin weiter. Die Uraufführung hat Günther Rennert inszeniert, der 1946 Intendant der Hamburgischen Staatsoper wurde.

Uraufführung zwei Tage vor der Hinrichtung der Geschwister Scholl

Kaum zu glauben, dass die Premiere während der NS-Diktatur stattfand, zwei Tage vor der Hinrichtung der Geschwister Scholl und nur gut zwei Wochen nach der Niederlage von Stalingrad. Vielen war von nun an endgültig klar, dass Deutschland den Krieg verlieren, dass die NS-Herrschaft zu Ende gehen würde. Aber gerade deshalb setzte Joseph Goebbels, für Propaganda und Kultur zuständiger Minister, auf die Wirkung von Unterhaltung. Film, Theater, Oper sollten das Publikum ablenken. Die Oper war ein Lieblingsspielzeug der NS-Kulturpolitik, auch wegen Hitlers Begeisterung für die Wagner-Festspiele in Bayreuth.

 

Die Alte Oper Frankfurt auf einem um 1900 entstandenen Photochromdruck: Hier wurde am 20. Februar 1943 Carl Orffs Oper »Die Kluge« uraufgeführt.
Die Alte Oper Frankfurt auf einem um 1900 entstandenen Photochromdruck: Hier wurde am 20. Februar 1943 Carl Orffs Oper »Die Kluge« uraufgeführt. Wenige Jahre zuvor feierten hier 1937 auch Orffs »Carmina Burana« Uraufführung. Das Operngebäude wurde Anfang 1944 im Bombenkrieg bei den Luftangriffen auf Frankfurt am Main zerstört.

 

Warum also sollte Goebbels Künstler wie Carl Orff kaltstellen, die sich dem Regime gegenüber apolitisch verhielten, aber nützliche Werke hervorbrachten? Im Gegenteil: Als die Lage im Lauf des Jahres 1944 immer aussichtsloser wurde, setzten Hitler und Goebbels Künstler, die für das Regime wichtig waren, auf eine "Gottbegnadeten-Liste", die von Wehr- und Arbeitsdienst befreite.

Von den 140.000 Mitgliedern der Reichskulturkammer kamen 1.041 auf diese Liste. Unverzichtbar waren Schauspieler, die Goebbels für die Filmproduktion brauchte. Bei der klassischen Musik galten zum Beispiel Hans Pfitzner, Richard Strauss, Wilhelm Furtwängler, Werner Egk und Carl Orff als "gottbegnadet".

Aufführungsgeschichte als Herausforderung für die Gegenwart

Die Opernproduktion jener Jahre ist auch heute noch eine Herausforderung für die Theater und die Theaterwissenschaft. Nicht nur Carl Orff, der während der NS-Diktatur seine bis heute populärsten Werke komponierte, "Carmina Burana", "Der Mond" und "Die Kluge" – auch andere Komponisten haben während der NS-Diktatur durchaus interessante Opern geschaffen, die heute noch aufgeführt und diskutiert werden.

In Wien hat im vergangenen Jahr Peter Konwitschny den 1938 uraufgeführten "Peer Gynt" nach Ibsen von Werner Egk zur Diskussion gestellt. Hitler und Goebbels schätzten das Werk über den nordischen Helden, der sich verwirklichen will. Opernregisseur Konwitschny drehte die Geschichte um: Sein Protagonist ist ein ehrgeiziger Kapitalist, die Geschichte spielt heute in einem Kaufhaus.

Orff erhielt für "Die Kluge" Nationalpreis der DDR

Behutsamer hat Brigitte Fassbaender gerade in Frankfurt am Main "Capriccio" neu interpretiert, die letzte Oper von Richard Strauss aus dem Jahr 1942 – auch Strauss war ein Nutznießer des Regimes. Ein Dichter und ein Komponist streiten 1775 in einem Schloss bei Paris darüber, ob in einem Bühnenwerk das Wort oder die Musik entscheidend sei.

Schauplatz der Neuinszenierung ist zwar auch ein Schloss des 18. Jahrhunderts, aber die Handlung findet 1942 statt. Frankreich ist von der deutschen Armee besetzt. Mit kleinen Zeichen deutet die Regisseurin an, dass die Protagonisten der Oper sich gegen die Besatzung wehren wollen. Am Ende verlässt die Gräfin Madeleine ihr Schloss in Regenmantel und Baskenmütze, sie wird sich wohl dem Widerstand anschließen.

Auch "Die Kluge" wird bis heute viel gespielt, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit; das Libretto wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Die Musik ist lebendig, lustig und schräg, auch für Ohren attraktiv, die sonst die Musik der Moderne nicht mögen. Und 1949 erhielt Orff dafür sogar den neu geschaffenen Nationalpreis der Dritten Klasse der DDR für Kunst und Literatur. Er hat ihn später zurückgegeben.

 

INTERNET: www.orff.de

Das in den 1960er-Jahren errichtete neue Frankfurter Opernhaus (Blick vom »Maintower«-Hochhaus).
Das in den 1960er-Jahren errichtete neue Frankfurter Opernhaus (Blick vom »Maintower«-Hochhaus).

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