1.09.2005
Heimatmuseum

Der Schatzgräber vom Hesselberg

Der Ehinger Landwirt Hans Spatz hat seinen Hof zum Heimatmuseum umgebaut. Für ihn ist das Sammeln von Exponaten eine alte Leidenschaft.
Sammler seit Kindesbeinen: Hans Spatz hat sich mit seinem privaten Heimatmuseum einen alten Traum verwirklicht. Zeugnisse evangelischer Volksfrömmigkeit wie dieses Konfirmationsbild von 1916 gehören zum stolzen Inventar seines Hauses.

Von der »großen« Kultur tönen Funk und Fernsehen jeden Tag. Die Orchideen der »kleinen« Kultur blühen meist im Verborgenen. So wie das Heimatmuseum von Hans Spatz in Ehingen am Hesselberg.

Diplomatie hat unter Eheleuten ihre Grenzen. »Du spinnst«, hat ihm seine Frau schon öfters bescheinigt. Es war aber wohl eher bewundernd als mitleidig gemeint. Die Spinnerei des Hans Spatz besteht, sehr verkürzt gesagt, darin, vieles von dem aufzuheben, was andere Leute einfach wegschmeißen.

Kulturbarbaren mögen den »Heinlein«-Hof in Ehingen, den Spatz inzwischen zu einem privaten Heimatmuseum umgebaut hat, daher für einen komfortablen Wertstoffhof halten. Tatsächlich jedoch ist die riesige Privatsammlung inzwischen zum einzigartigen historischen Gedächtnis eines Dorfes und einer ganzen Region erwachsen - und das ohne einen Cent an öffentlichen Zuschüssen.

Volkskundlern dürften vor Begeisterung und Neid die Augen überquellen, wenn sie der 59-jährige Vorruhestandslandwirt durch sein Reich geleitet: Unter schweren Holzbalken geht es durch eine komplett erhaltene Bauernküche des vorletzten Jahrhunderts, vorbei an Vitrinen mit vergriffener Heimatliteratur und einem Schrank mit Wehrmachtsuniformen in die Werkstatt des letzten Ehinger Schusters - gerade eben erst verlassen, so scheint es. Drüben, in der riesigen Scheune auf der anderen Hofseite, erzählen bedruckte Getreidesäcke Ehinger Familiengeschichten. Werkzeuge, Spielsachen, Andachtsbilder - der Museumshof ist ein Panoptikum bäuerlichen Lebens der letzten 150 Jahre, das keine Epoche ausspart.

Der Reiz der eigenen Geschichte

Aufgewachsen ist Hans Spatz im Dorfwirtshaus im benachbarten Oberschwaningen. Dort bekam er regelmäßig lange Ohren, wenn die Veteranen am Stammtisch von Stalingrad oder von den »Frankentagen« auf dem Hesselberg fabulierten. Gibt es etwas Spannenderes als die eigene Geschichte? Wohl kaum, dachte sich der Ehinger Bauernsohn. »Schon damals hab ich alte Bücher zusammengeklaubt«, erinnert sich Spatz.

Dossier

Bayerischer Kirchentag auf dem Hesselberg

Der Hesselberg, mit rund 689 Metern höchster Berg Mittelfrankens und in der Nähe von Wassertrüdingen, ist seit dem Jahr 1951 eng mit der evangelischen Kirche verbunden. Vor 66 Jahren eröffnete dort der damalige Landesbischof Hans Meiser (1881-1956) die neu gegründete Landvolkshochschule. Aus diesem Einweihungsfest entwickelte sich der heutige Bayerische Kirchentag. In unserem Dossier erfahren Sie mehr über den Bayerischen Kirchentag auf dem Hesselberg.

Jahrzehntelang hat er gesammelt: Das letzte Ortsschild mit der Aufschrift »Ehingen - Landkreis Dinkelsbühl« beispielsweise wanderte nach der Gebietsreform vom gemeindlichen Müllplatz ins Magazin von Hans Spatz - und würde heute unter Sammlern vermutlich ebenso ein kleines Vermögen erzielen wie ein Sortiment von Metallansteckern des »Dritten Reiches«, die ein Ehinger bei Heranrücken der Amerikaner im Frühjahr 1945 vergraben hatte.

Als Hans Spatz vor einigen Jahren den Beruf an den Nagel hängte, war der Traum vom eigenen Museum endlich zu verwirklichen. 2001 eröffnete das »Heimatmuseum Spatz«; soeben ist die zweite Erweiterung im Werden. Die ist auch dringend notwendig - denn je mehr Ehinger sich von der Geschichtsbegeisterung des Schatzgräbers vom Hesselberg bei Führungen anstecken lassen, desto mehr Exponate werden ihm angeboten. »Fast jede Woche kommt ein Anruf von Leuten, die mir was abgeben wollen«, freut sich Spatz.

Noch schöner als die Stücke selbst sind meist die Geschichten, die sich daran knüpfen. Auf dem ausgestellten Wehrmachtsfahrrad fuhr 1945 ein Ehinger Soldat von der Ostsee bis in sein Heimatdorf zurück. Es lag schon im Container, als den Sohn des Besitzers die Ehrfurcht vor dem Rad überkam. Und einen 80-Jährigen übermannten in der Schatzkammer von Spatz gar die Tränen: Denn dort stand das seit Generationen verloren geglaubte Schaukelpferd seiner Kindheit.

Mehr Informationen

HEIMATMUSEUM SPATZ, Am Mühlbach 18, 91725 Ehingen

Tel. (09835) 422

E-Mail spaha@freenet.de

Internet www.heimatmuseum-spatz.de

Im Angebot sind auch Wandertouren über den Hesselberg.

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