5.05.2013
Kreative Gemeinde

Ein (Kuchen-)Stückchen Inklusion

Sie backen Käsekuchen und Sachertorte, zeichnen künstlerische Muster in den Cappuccinoschaum und lachen und scherzen mit den Gästen: Das Diakonie-Café Samocca in Bayreuth gibt behinderten Menschen eine Aufgabe mitten im Trubel der Gesellschaft.

Es duftet nach ... nein, erst einmal nicht nach Kaffee, sondern nach Büchern. Viele 100.000 Bände dürften es sein, die hier in den Regalen des RW 21 stehen.

RW steht in Bayreuth natürlich für Richard Wagner, und 21 ist die Hausnummer eines ganz besonderen Bildungszentrums. Dort wurden vor zwei Jahren auf 5.000 Quadratmetern Nutzfläche die Stadtbibliothek, die Jugendbibliothek, die Volkshochschule und das Stadtarchiv zusammengeführt. Zwischen den mannshohen Regalen gibt es im zweiten Stock des ehemaligen und aufwendig umgebauten Modekaufhauses aber nicht nur Hörbücher, Romane, Comics und Klassiker.

RW21

Das kleine Café hat sich in der örtlichen Gastroszene längst zum Geheimtipp entwickelt. Nur das leise Surren der Rolltreppen erinnert hier noch an ein Kaufhaus. Ansonsten herrscht im Innen- und Außenbereich eine entspannte Atmosphäre. Kinder krabbeln auf dem Boden, Geschäftsleute aus der Umgebung genießen ihre Mittagspause, und die Teilnehmer eines Volkshochschulkurses lassen den Vormittag bei einer heißen Schokolade ausklingen.

"Von wegen Geheimtipp", sagt Hartmut Springfeld, Geschäftsführer der Werkstätten für behinderte Menschen Bayreuth/Kulmbach, zu der das Café Samocca gehört. Nicht nur wegen Cappuccino, Latte Macchiato, Eiskaffee, der außergewöhnlichen Teesorten und Schokoladengetränke, auch nicht wegen der leckeren Kuchen und Torten, und schon gar nicht wegen der traumhaften Sommerterrasse, die den Blick weit über die Dächer der Stadt schweifen lässt, ist das Café Samocca etwas Besonderes. Es ist vielmehr ein Stück gelebte Inklusion, mitten in der Stadt und "mit einer geradezu überwältigenden Akzeptanz, mit der wir so von Anfang an nicht gerechnet hatten", erzählt Springfeld.

Freude an der Arbeit

Das Team des Samocca besteht aus 13 Mitarbeitern mit psychischen und geistigen Behinderungen und aus zwei Gruppenleitern, die im Zwei-Schicht-Betrieb tätig sind. "Das eine oder andere geht halt manchmal langsamer, dafür aber auch gemütlicher und vor allem persönlicher", so Springfeld. Aufgeteilt sind die Beschäftigten in ein Service- und ein Küchenteam, das im Heilpädagogischen Zentrum in Bayreuth angesiedelt ist. Dort werden unter Anleitung der Konditorin Nadine Bergmann die Kuchen, Snacks und kleinen Mahlzeiten zubereitet.

Die Freude an der Arbeit ist den Beschäftigten deutlich anzumerken. Hinter dem Tresen wird gescherzt, geredet und gelacht, es herrscht ein ansteckendes Miteinander.

Fluktuation habe es bislang so gut wie nicht gegeben, sagt Springfeld. Die meisten Mitarbeiter dieser Frühschicht arbeiten bereits seit der Eröffnung im Februar 2011 kontinuierlich hier, sagt er und macht wie alle Gäste auch sein Kreuzchen auf dem Bestellschein, den die Bedienung zur Theke bringt, ehe der frisch aufgebrühte Kaffee den Weg zum Tisch findet. So sei es für die Mitarbeiter auch bei vollem Haus möglich, den Überblick zu behalten.

Das Bestellsystem sei auch dazu da, um keine Barrieren entstehen zu lassen, auch wenn es mit dem Lesen nicht so klappt. Volles Haus, das bedeutet laut Gabriele Brud, der Fachkraft im Servicebereich, 50 besetzte Plätze im Innenbereich und weitere 20 auf der Terrasse.

Samocca international

"Es ist eine Arbeit mitten im gesellschaftlichen Leben, eine Arbeit, die allen gefällt, denn sie fordert, sie erfüllt und schafft neue persönliche Herausforderungen." Um auch internationalen Gästen gerecht zu werden, absolvieren drei Mitarbeiter mittlerweile sogar Englischkurse, gleich ein Stockwerk höher in der Volkshochschule, und zwei weitere Teammitglieder lassen sich in den nächsten Wochen bei einem Spezialkurs in Regensburg zum "Barista" ausbilden, also zu jemandem, der Kaffee professionell zubereiten kann und speziell im Schaum des Cappuccino wunderbare Muster zaubert.

Mehr als 100 Gäste besuchen nach den Worten von Gabriele Brud pro Tag das Café. Allein 2011 seien über 23.000 Stücke Kuchen verkauft und 75.000 Tassen Kaffee ausgeschenkt worden. Durch die Anbindung an das RW21 sei das Lesecafé längst zu einem Generationentreffpunkt geworden, der nichts mit gängigen Klischees eines "Sozialcafés" gemein hat. Neben dem normalen Café-Alltag übernimmt das Samocca auch das Catering für Veranstaltungen.

Formal ist das Café eine Betriebsstätte der Werkstätten für behinderte Menschen in Bayreuth, deren Träger die Diakonie ist. Die Arbeitsplätze sind offiziell anerkannte Werkstatt­arbeitsplätze. Den Löwenanteil der Kosten übernimmt der Bezirk Oberfranken.

Hartmut Springfeld bezeichnet das Lesecafé als Leuchtturmprojekt gelebter Inklusion. Erfunden haben das Konzept, das seitdem im Franchise-Verfahren betrieben wird, die Samariter in Aalen. Bundesweit gibt es bereits elf ähnliche Cafés, davon ein weiteres in Bayern, und zwar in Augsburg.

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