Michel Friedman wird am 26. Juli bei einer Gedenkveranstaltung auf den Bayreuther Festspielen über Wagners Antisemitismus und die NS-Vergangenheit auf dem Grünen Hügel sprechen - noch vor der Aufführung der ersten Oper der Saison. Der Weg dahin war geprägt von Empörung und schweren Vorwürfen. Anlass für das Rumoren im Kulturbetrieb war das Streichen der geplanten Veranstaltung, das erst Anfang der vergangenen Woche durch die Berichterstattung der "Süddeutschen Zeitung" öffentlich wurde. Es folgten eine offizielle Entschuldigung und Wiedereinladung durch Festspielleiterin Katharina Wagner.

Geplant war laut "SZ" ein Gedenkkonzert zum 150. Festspieljubiläum am Vormittag des 26. Juli, benannt nach der nahe gelegenen Dauerausstellung "Verstummte Stimmen", die an die Diffamierung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Künstlerinnen und Künstler im Kontext der Festspiele erinnert. Dass es eine solche Veranstaltung geben sollte, war der Öffentlichkeit bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt, weil sie weder im Festprogramm stand, noch ein Vorverkauf stattgefunden hatte. Der deutsch-französische Publizist Michel Friedman, früherer stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden, machte im "SZ"-Interview darauf aufmerksam, dass das Konzert wegen Sicherheitsbedenken gestrichen worden sei.

Forscher: Bisher zu wenig Aufarbeitung

"Ich freue mich, dass die Festspiele sich umentschieden haben", begrüßt Anno Mungen, Leiter des Forschungsinstituts für Musiktheater in Bayreuth, die Rolle rückwärts der Festspielleitung im Jubiläumsjahr. "Zum 100. Jubiläum 1976 gab es ein großes wissenschaftliches Programm. Da wäre das diesjährige Jubiläum eine gute Gelegenheit, das fortzuführen." In den vergangenen 20 Jahren sei im Bereich Aufarbeitung von Wagners Antisemitismus und den NS-Verstrickungen der Festspiele jedoch "fast nichts passiert".

Dabei sei eine umfassende Aufarbeitung national wie international bedeutend.

"Das Werk von Richard Wagner, die Festspiele in Bayreuth und die Wagner-Familie sind drei Einheiten, die über das 19., 20. und bis ins 21. Jahrhundert hinein immer wieder sehr eng mit den verschiedenen Facetten der deutschen Geschichte verflochten sind",

erklärt Carlos Alberto Haas, Geschäftsführer des Historischen Kollegs in München. Das Interesse der Wagner-Familie nach dem Zweiten Weltkrieg an einer Auseinandersetzung sei wenig überraschend gering gewesen. Man habe zwar versucht, sich vor allem ästhetisch von den Inszenierungen der NS-Zeit abzusetzen, "aber das ist keine geschichtspolitische oder erinnerungskulturelle Aufarbeitung".

Geschichte der Bayreuther Festspiele

Ab 1849 skizzierte der 1813 in Leipzig geborene Komponist Richard Wagner zum ersten Mal seine Vision vom "Gesamtkunstwerk der Zukunft" in Form der Festspiele. Erst nach einem Besuch 1871 in Bayreuth nahmen die Pläne konkrete Form an, bis 1876 die ersten Festspiele stattfinden konnten. Die Anfangsjahre des Betriebs waren stark geprägt von Geldmangel. Der Evangelische Pressedienst (epd) zeichnet wichtige Etappen der Festspiele nach:

1872: Spatenstich für das Festspielhaus auf dem Grünen Hügel in Bayreuth

1876: Aufführung von "Rheingold" eröffnet die ersten Festspiele

1882: Zweite Bayreuther Festspiele mit Uraufführung des "Parsifal"

1883: Richard Wagner stirbt in Venedig, Witwe Cosima Wagner übernimmt die Leitung

1908: Sohn Siegfried Wagner übernimmt die Leitung

1924: Erste Festspiele nach dem Ersten Weltkrieg

1930: Siegfried Wagner stirbt an einem während der Proben erlittenen Herzinfarkt, Witwe Winifred Wagner übernimmt die Leitung

1933: Durch die persönliche Nähe von Winifred Wagner zu Adolf Hitler werden die Festspiele staatlich finanziert; bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs sind Hitler und weitere hochrangige NS-Vertreter Dauergäste in Bayreuth

1940 bis 1944: Hitler ordnet "Kriegsfestspiele" für Rüstungsarbeiter und Kriegsverwundete an

1951: Erste Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg mit Neuinszenierung des "Parsifal" durch Wieland Wagner (Sohn von Siegfried und Winifred)

1976: Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen der Festspiele mit Aufführung des "Jahrhundert-Rings" unter der Leitung von Wolfgang Wagner (Sohn von Siegfried und Winifred)

2008: Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier (Töchter von Wolfgang Wagner) übernehmen die Leitung, seit 2016 führt Katharina Wagner die Festspiele allein

Ausstellungen und Neu-Inszenierung als erste Schritte

Haas lobt allerdings die historische Auseinandersetzung im ehemaligen Wohnhaus Wagners, dem heutigen Richard-Wagner-Museum. Seit 2015 ist außerdem die Ausstellung "Verstummte Stimmen" im Park am Bayreuther Festspielhaus zu sehen, 2017 inszenierte Barrie Kosky auf Initiative von Katharina Wagner als erster jüdischer Regisseur bei den Festspielen "Die Meistersinger von Nürnberg". Angesichts der engen Verbindung zwischen der NS-Diktatur und der damaligen Festspielleiterin Winifred Wagner scheint die punktuelle Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit den Experten jedoch nicht ausreichend.

Mangelnde Motivation - mehr als mangelnde Erkenntnis - bei der geschichtlichen Einordnung wirft Musik- und Theaterwissenschaftler Mungen allerdings nicht nur den Festspielen vor, sondern auch der Stadt Bayreuth. Diese entschied sich jüngst dagegen, ein NS-Dokumentationszentrum im Chamberlain-Haus (Houston Stewart Chamberlain war Schwiegersohn Richard Wagners und antisemitischer Vordenker) zu errichten. "Das passt meines Erachtens zur Gesamtatmosphäre in der Stadt", bilanziert Mungen.

Hitlers Lieblingsoper soll Programm eröffnen

Auch wenn Michel Friedman die Bitte um Entschuldigung von Katharina Wagner angenommen hat und der erneuten Einladung folgen will, bleiben laut Mungen einige Fragezeichen beim diesjährigen Programm.

"Der 'Rienzi' ist eine eigenartige Wahl für die Eröffnung des Jubiläums. Es war Hitlers Lieblingsoper und wurde im Nationalsozialismus bei vielen offiziellen Anlässen gespielt."

Auf der Homepage der Festspiele ist zwar ein kleiner Absatz zur NS-Geschichte vorhanden, allerdings ganz unten auf der Webseite und versteckt unter einem ausklappbaren Menü.

Mungen, der in seinem Buch "Von Bayreuth nach Auschwitz" die Verflechtungen von Oper, Politik und Gewalt untersucht, würde sich generell mehr Interesse von der Stadt und der Festspielhaus GmbH an der vor Ort vorhandenen Expertise wünschen. "Gefragt wurden wir bisher jedenfalls noch nie." Der Umgang mit den Festspielen zeige exemplarisch eine Kernfrage der Erinnerungskultur: "Das übliche Argument, man wisse doch inzwischen alles zu dem Thema und müsse es nicht weiter vertiefen, das würde ich grundlegend anders sehen. Bayreuth steht noch ganz am Anfang", betont der Forscher.

Dass das Gedenken nun so viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommt, könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein. "Es geht hier um substanzielle Fragen, wie man mit einem Werk umgeht, das schon immer problematisch war, in einer Zeit, in der völkisches Denken wieder aufkommt", sagt Historiker Carlos Alberto Haas.