Zu Beginn der 1930er-Jahr war er ein Vorreiter der Kamerakunst, dann kam er unter die Räder des NS-Systems: Dem Fotografen und Filmemacher Willy Zielke (1902-1989) widmet der Lernort des Sozialdorfs Herzogsägmühle ab Freitag (10. Juli) eine Wanderausstellung. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Monaten zwischen Dezember 1937 und September 1938, die Zielke im Wanderhof von Herzogsägmühle verbrachte. Das Dorf war von 1936 bis 1945 als Einrichtung des NS-Zwangsfürsorgesystems gleichgeschaltet. "Obwohl Willy Zielke so bekannt ist, weiß das fast keiner", sagt Martin Holleschovsky vom Verein "Dorfentwicklung und Landespflege Herzogsägmühle", der an der Ausstellung mitgearbeitet hat, über Zielkes Zeit in Herzogsägmühle.

Zielkes halbes Jahr im Wanderhof ist eingebettet in eine dramatische Lebensgeschichte. 1902 im polnischen Lodz als Sohn eines Kaufmanns geboren, floh die Familie vor den Folgen der Russischen Revolution in den Osten bis nach Taschkent, heute Hauptstadt von Usbekistan, und Anfang der 1920er-Jahre wieder zurück Richtung Westen. Sohn Willy zog es nach München, wo er an der "Staatslehranstalt für Lichtbildwesen" sein fotografisches Talent perfektionierte.

Vom "Stahltier" bis "Olympiade 1936"

Mit der NS-Ideologie schien er zunächst kein Problem zu haben, zumindest arbeitete er seinen ersten Langfilm "Arbeitslos - ein Schicksal von Millionen" nach dessen Uraufführung im April 1933 bereitwillig nach den Vorgaben der NS-Propaganda um, wie es in einem Artikel von Annette Eberle in der Online-Gedenkbroschüre von Herzogsägmühle heißt. Danach folgte "Das Stahltier", der Jubiläumsfilm zu 100 Jahre Reichsbahn, und anschließend der Prolog für den Streifen "Olympiade 1936" der NS-Filmregisseurin Leni Riefenstahl.

"Er hatte damals eine neue Überblendtechnik erfunden, das konnte niemand außer ihm", schildert Martin Holleschovsky. Doch im Machtpoker mit Riefenstahl zog der Künstler den Kürzeren: Die Regisseurin des "Olympiade"-Streifens forderte Änderungen am fertigen Prolog Zielkes, die dieser nicht vornehmen wollte. Riefenstahl kaperte daraufhin seine Arbeit und setzte ihren eigenen Namen darunter - für den Kameramann eine Ohnmachtserfahrung, die ihn seelisch ins Straucheln brachte. Er schmiss hin und reiste enttäuscht nach München ab.

Vom Burn-out zum NS-Opfer

So wurde das Jahr 1937 zum Wendepunkt in Willy Zielkes Leben. "Er ist über den Streit krank geworden, kam in eine Lebenskrise, heute würde man Burn-out sagen", schildert es Hobbyhistoriker Holleschovsky. Doch im Nationalsozialismus galten andere Regeln: Zielke wurde mit einem Nervenzusammenbruch in die Psychiatrie eingewiesen, wo man ihm die Diagnose "Schizophrenie" verpasste - und ihn gemäß dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" im Juli 1937 zwangssterilisierte.

In seinen unveröffentlichten Erinnerungen beschrieb der junge Mann den Tag des Eingriffs so: "Warte auf die Hinrichtung. (…) Generationen meiner Nachkommen werden symbolisch und faktisch hingerichtet. (…) Habe den Prolog zum Olympiafilm abgedreht und jetzt zähle ich persönlich zum Abfall der Menschheit."

Seine Ehefrau trennte sich von ihm, er verlor seine Filmausrüstung, sein Hab und Gut, seine Wohnung. Das Arbeitsamt schickte ihn, den Künstler, zum Autobahnbau der A8. Nach kurzer Zeit suchte der gebrochene Mann Kontakt zum NS-Funktionär Alarich Seidler, der ihn zuvor gefördert hatte und ihn jetzt nach Herzogsägmühle brachte.

Die Dokumente in Zielkes Akte lassen den Schluss zu, dass Seidler seine Hilfe mit dem Hintergedanken verband, die Kunst des Filmemachers im Wanderhof für einen weiteren Propagandafilm auszunutzen. Doch Willy Zielke schien das Dilemma zu spüren, in das er geriet.

In seinen Erinnerungen schreibt er: "Wenn ich so machen würde, wie ich will, würde das Bild sehr viele dunkle Schatten bekommen (…) und die Wahrheit verträgt man nicht!"

Zeuge der Euthanasie-Morde

Und so wird der Wanderhof auch für den Filmemacher zum unsicheren Ort, an dem er dennoch - wie es in der Ausstellung heißt - "seine Beobachtungen formuliert und auch Kritik an der Führungsstruktur des Wanderhofs sehr genau reflektiert". Einen Film drehte er nicht. Anfang 1939 wurde er wieder in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen.

Dort blieb er bis August 1942 und kam vermutlich nur frei, weil Leni Riefenstahl ihn und seine Fertigkeiten für ihr letztes Mammutprojket, den Film "Tiefland", benötigte. Zielkes Angst, selbst den Euthanasie-Morden zum Opfer zu fallen, deren Zeuge er als Insasse von Haar wurde, war größer als die Wut auf die Frau, die ihm sein Leben geraubt hatte. Nach dem Krieg konnte der Filmemacher nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen. Er starb weitgehend verarmt in Bad Pyrmont.

Eine Akte von 7000

Insgesamt zehn Tafeln umfasst die Ausstellung über Willy Zielke, sagt Lernort-Leiterin Babette Müller-Gräper. Für die Details aus seinen Monaten in Herzogsägmühle habe man die 80-seitige Personalakte - eine von 7000 im Archiv - ausgewertet und historische Objekte aufgenommen wie Essgeschirr oder ein NS-Gemälde aus dem früheren Speisesaal, das auch Zielke beschreibt.

An einer Medienstation können Besucher der Schau den Film "Das Stahltier" sehen, ein Interview zu Leni Riefenstahl mit der Journalistin Sandra Maischberger sowie ein Gespräch mit Dieter Hinrichs, dem Freund Willy Zielkes, der dessen Nachlass verwaltet und selbst zur Ausstellungseröffnung kommt.

Die Dokumente, die aus Willy Zielkes Zeit im Wanderhof überliefert sind, zeigten "Protest, Kreativität und Widerstand gegen die unmenschlichen Bedingungen" des NS-Fürsorgesystems, sagt Müller-Gräper. Mindestens 430 Jugendliche und Männer seien dort gestorben. 2019 habe man für die Opfer der NS-Zwangsherrschaft in Herzogsägmühle einen Ort der Erinnerung geschaffen. Mit der Ausstellung über den Filmemacher Zielke wolle man den Besucherinnen und Besuchern einen weiteren Einblick in diese Zeit geben, so die Historikerin.

Diakoniedorf Herzogsägmühle

Das Diakoniedorf Herzogsägmühle im oberbayerischen Landkreis Weilheim-Schongau ist eine deutschlandweite Besonderheit: Herzogsägmühle ist eine Einrichtung der Diakonie München und Oberbayern, zugleich aber auch Ortsteil der Gemeinde Peiting. Laut Homepage leben rund 1.000 Menschen in dem Dorf, der Großteil davon sind Hilfeberechtigte, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden. In Herzogsägmühle gibt es eine Fülle von Angeboten: etwa für Wohnungslose, für Menschen mit Behinderung, für Menschen mit Sucht- oder seelischen Erkrankungen, für Jugendliche oder für Geflüchtete.

Die Ursprünge des Dorfs gehen auf das Jahr 1894 zurück, als dort eine Arbeiterkolonie für heimat- und wohnungslose Männer entstand. Im Jahr 1935 ging die Betriebsführung auf politischen Druck in den "Landesverband für Wanderdienst" unter Vorsitz von SA-Obersturmbannführer Alarich Seidler über. Herzogsägmühle wurde zum "Zentralwanderhof HSM", eine "Sammel- und Siebestelle" für "Nichtsesshafte". Wer hierher kam, musste bleiben und sich ins Zwangssystem fügen - andernfalls drohte ihm die Einweisung ins KZ Dachau. Mindestens 430 Kinder, Jugendliche und Männer starben aufgrund der Zwangsarbeit in Herzogsägmühle.

Digitales Gedenkbuch für NS-Opfer

1946 übertrug das bayerische Innenministerium die Betriebsführung für Herzogsägmühle an den "Verein für Innere Mission in München e.V.", heute Diakonie München und Oberbayern. Seit 2014 arbeitet der "Lernort Sozialdorf Herzogsägmühle" die Geschichte des Ortes auf. Zu den Ergebnissen gehören unter anderem eine Dauerausstellung und verschiedene Wechselausstellungen, ein Denkmal für die NS-Opfer in der Ortsmitte, Workshops und Vorträge sowie das Digitale Gedenkbuch "Gegen das Vergessen - Gedenkbroschüre für die Opfer und Verfolgten des bayerischen Landesverbandes für Wander - und Heimatdienst 1936 - 1945".