Die Menschen in Deutschland finden wieder stärker zueinander. Doch das Vertrauen in die Politik bleibt schwach und die Befragten stehen der Verteilung wirtschaftlicher Gewinne so kritisch gegenüber wie nie zuvor.

Das geht aus den Ergebnissen des Religionsmonitors 2026 der Bertelsmann-Stiftung hervor. Er zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der persönliche Beziehungen und politische Zufriedenheit auseinanderdriften.

Zwar steigt der Gesamtindex für den gesellschaftlichen Zusammenhalt von 46 Punkten im Jahr 2023 auf 51 Punkte im Jahr 2026, er liegt damit allerdings weiterhin unter den Werten von 2017 und 2020, als 54 beziehungsweise 55 Punkte erreicht wurden. Von einer vollständigen Erholung kann also keine Rede sein.

Für die Untersuchung befragte das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft im März 2026 insgesamt 5.231 Erwachsene in Deutschland. Der Bericht untersucht soziale Beziehungen, die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und die Gemeinwohlorientierung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie Religionszugehörigkeit und persönliche Religiosität mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt zusammenhängen.

Soziale Beziehungen erholen sich, Vertrauen bleibt schwach

Die Entwicklung fällt je nach Bereich unterschiedlich aus. Besonders deutlich verbessert haben sich die sozialen Beziehungen. Ihr Indexwert stieg zwischen 2023 und 2026 von 49 auf 57 Punkte. Die Gemeinwohlorientierung bleibt mit 53 Punkten vergleichsweise stabil. Das politische Interesse erreicht mit 65 Punkten den höchsten Wert im untersuchten Zeitraum.

Anders sieht es beim Verhältnis zwischen Bevölkerung und Staat aus. Die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen stagniert bei 44 Punkten. Das Vertrauen in die Bundesregierung liegt mit 37 Punkten auf dem gleichen Niveau wie 2023.

Besonders auffällig ist das Gerechtigkeitsempfinden. Die Einschätzung, dass wirtschaftliche Gewinne in Deutschland im Großen und Ganzen gerecht verteilt werden, erreicht mit 25 Punkten den niedrigsten Wert der untersuchten Jahre.

Die Ergebnisse zeichnen somit kein einfaches Bild einer Gesellschaft, die auseinanderfällt. Vielmehr scheint das Miteinander im unmittelbaren sozialen Umfeld besser zu funktionieren als das Verhältnis zu politischen Institutionen. Menschen können sich in ihrer Nachbarschaft, im Freundeskreis oder im Verein gut aufgehoben fühlen und gleichzeitig die wirtschaftlichen Verhältnisse als ungerecht empfinden.

Warum das Gerechtigkeitsempfinden so niedrig ausfällt, lässt sich aus dem Gesamtindex allein nicht erklären. Welche Rolle spielen materielle Ungleichheit, fehlende Aufstiegschancen, politische Entscheidungen oder das Gefühl mangelnder Anerkennung? Hier bleiben Fragen offen.

Welche Rolle spielt Religion für den Zusammenhalt?

Der Religionsmonitor untersucht unter anderem, ob und wie Religiosität mit gesellschaftlichem Zusammenhalt zusammenhängt. Dabei zeigt sich ein positiver Zusammenhang: Menschen, die wenig oder gar nicht religiös sind, erreichen im Gesamtindex durchschnittlich 49 Punkte. Bei mittelreligiösen Befragten sind es 53 Punkte und bei hochreligiösen 52 Punkte.

Die Ergebnisse legen nahe, dass Religion eine soziale Ressource sein kann. Religiöse Gemeinschaften bieten Möglichkeiten für persönliche Begegnungen, gegenseitige Unterstützung und ehrenamtliches Engagement. Sie können Menschen miteinander verbinden und dazu beitragen, dass sie Verantwortung für andere übernehmen.

Allerdings belegt die Studie nicht, dass Religiosität den Zusammenhalt unmittelbar verursacht. Ebenso ist denkbar, dass Menschen, die sozial gut eingebunden sind, eher religiös bleiben, oder dass weitere Faktoren beide Entwicklungen beeinflussen.

Bemerkenswert sind auch die Unterschiede zwischen den Religionsgemeinschaften. So steigt der Zusammenhaltsindex bei evangelischen Befragten von 50 Punkten bei geringer Religiosität auf 61 Punkte bei hoher Religiosität. Bei katholischen Befragten erhöht er sich von 46 auf 56 Punkte.

Bei muslimischen Befragten ergibt sich ein anderes Bild. Hier steigt der Gesamtindex zunächst von 47 auf 49 Punkte, um dann bei hoher Religiosität auf 45 Punkte zu sinken. 

Hochreligiöse Muslim:innen: Engagiert, aber weniger verbunden?

Bei hochreligiösen Muslim:innen sind die sozialen Beziehungen und die Orientierung am Gemeinwohl stärker ausgeprägt als bei weniger religiösen Muslim:innen. Gleichzeitig ist ihre Verbundenheit mit dem Gemeinwesen deutlich geringer.

Der entsprechende Indexwert sinkt dabei von 46 Punkten bei wenig oder gar nicht religiösen Muslim:innen über 42 Punkte bei mittelreligiösen Muslim:innen auf 28 Punkte bei hochreligiösen Muslim:innen. Bei der Gemeinwohlorientierung zeigt sich dagegen die entgegengesetzte Entwicklung: Hier steigt der Wert von 46 über 50 auf 52 Punkte.

Diese Zahlen werfen eine grundlegende Frage auf: Wie kann es sein, dass Menschen sich in ihren Gemeinschaften engagieren und Verantwortung für andere übernehmen, sich zugleich aber weniger mit dem gesellschaftlichen Gemeinwesen verbunden fühlen?

Der Befund lässt mehrere Erklärungen zu. Mögliche Faktoren sind Diskriminierungserfahrungen, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung und fehlendes Vertrauen in Institutionen. Auch eine stärkere Orientierung an der eigenen religiösen Gemeinschaft könnte ein Faktor sein. Aus den Daten allein lässt sich jedoch nicht ableiten, welche Ursachen ausschlaggebend sind.

Die Ergebnisse sind deshalb kein Beleg für mangelnde Integrationsbereitschaft hochreligiöser Muslime. Sie zeigen vielmehr, dass soziale Einbindung und gesellschaftliche Zugehörigkeit nicht dasselbe sind. Wer sich in einer Gemeinschaft aufgehoben fühlt, muss sich nicht automatisch auch von staatlichen Institutionen anerkannt oder gerecht behandelt fühlen.

Zusammenhalt braucht mehr als Begegnung

Laut eigener Aussage sieht die Bertelsmann-Stiftung in den Ergebnissen einen Auftrag, sowohl soziale Beziehungen als auch das Vertrauen in das Gemeinwesen zu stärken. Dazu gehören Begegnungsräume und Möglichkeiten für gemeinschaftliches Engagement ebenso wie eine bürgernahe Politik und die gesellschaftliche Anerkennung religiöser Gruppen.

Gerade für Kirchen und Religionsgemeinschaften ist die Studie von Interesse. Sie legt nahe, dass gelebte Religiosität mit sozialer Einbindung und Gemeinwohlorientierung verbunden sein kann. Zugleich zeigt die Studie die Grenzen religiöser Gemeinschaften auf: Sie können zwar persönliche Beziehungen stärken, aber nicht dafür sorgen, dass Menschen Vertrauen in politische Institutionen entwickeln oder die gesellschaftlichen Verhältnisse als gerecht empfinden.

Offen bleibt, welche konkreten Maßnahmen den Zusammenhalt tatsächlich verbessern könnten. Der Religionsmonitor beschreibt Zusammenhänge und Entwicklungen, liefert aber keinen eindeutigen Nachweis für einzelne Ursachen oder Lösungen.

Der zentrale Befund ist deshalb komplex: Deutschland findet sozial wieder stärker zusammen. Doch das Vertrauen in die Politik und das Gefühl wirtschaftlicher Gerechtigkeit entwickeln sich nicht im gleichen Maß. Die Rolle der Religion ist dabei weder nebensächlich noch eindeutig. Sie kann Gemeinschaft fördern, beantwortet aber nicht automatisch die Frage, was Menschen dazu bringt, sich als Teil der Gesellschaft insgesamt zu verstehen.