Ein Windradpark soll auf dem Land gebaut werden. Was gehört in die Wirklichkeit dieses Konflikts? Das wollen Menschen auf einer Bürgerversammlung klären. Der Bürgermeister spricht von Arbeitsplätzen, ein Bauer sieht neue Einnahmemöglichkeiten für seinen Betrieb, ein Tierschützer macht sich Sorgen, dass Zugvögel gestört werden, ein Altbürger fürchtet um das vertraute Bild seiner Heimat, ein Jugendlicher verweist auf die Verantwortung der Älteren für das Klima, ein anderer Bauer befürchtet, die Verfügung über seinen Acker zu verlieren, eine Nachbarin ist wütend, dass sie nicht gefragt wurde, und eine ältere Frau bezweifelt, dass Windräder ökologisch tatsächlich sinnvoll sind. 

Auch die Pfarrerin erhebt ihre Stimme: "Der Ausbau erneuerbarer Energien gehört für mich zur Bewahrung der Schöpfung." Kirche – eine Stimme unter vielen.

Bei der Windkraft geht es neben Messdaten um Tiere, Landschaft, Eigentum, Stromnetz, Geld und Heimatgefühl. Alles hängt miteinander zusammen. Aber nicht alles ist dasselbe. Vielleicht beginnt die Aufgabe der Kirche nicht damit, möglichst schnell Position zu beziehen, sondern dabei zu helfen, die Realität größer zu machen.

Wenn Wirklichkeit zu klein wird

Konflikte eskalieren aus meiner Sicht nicht nur, weil Menschen verschiedene Interessen haben. Sie spalten, weil wir unsere Wirklichkeit so beschreiben, als wäre sie die ganze und vollständige Wirklichkeit. Ich kenne Sätze wie: "Die Wissenschaft hat doch eindeutig gezeigt …", "Moralisch geht doch nur …" oder "Wirtschaftlich gedacht …". In diesen Sätzen liegt etwas Wahres, dann kommt aber der stille Zusatz: "… und deshalb ist alles andere nachrangig und eigentlich nicht wichtig." Schnell wird die Wirklichkeit verkleinert.

Konkret zum Windrad: Die wissenschaftlichen Daten dürfen nicht kleingeredet werden, aber sie sind nicht alles. Heimatgefühl ist keine Messung. Eigentumsrechte sind kein ökologischer Befund – und wieder etwas anderes als eine politische Entscheidung. Es gilt zu verbinden, was zu schnell getrennt wird, und zu unterscheiden, was zu schnell vermischt wird.

Vielleicht wäre das eine öffentliche Fähigkeit, die eine kleiner werdende Kirche kultivieren kann?

Was Kirche kann

Die Kirche steckt in der Krise. Sie verliert Mitglieder, Personal, Geld, Gebäude – und an Bedeutung. Es gibt viele notwendige Fragen: "Was können wir uns noch leisten?" "Was von der Volkskirche können wir bewahren?" Und: "Wozu könnte eine Gesellschaft eine kleiner werdende Kirche überhaupt brauchen?"

Die Öffentlichkeit leidet nicht an einem Mangel an Positionierungen. Kirche darf und soll öffentlich sprechen. Ich stelle mir also die Frage, was Kirche kann, das vor einer weiteren Stellungnahme liegt.

Vielleicht tut sich bei all den Transformationen eine neue Rolle auf: Kirche macht die Realität größer, bevor sie selbst urteilt. Kirche wird so zur Hüterin der Möglichkeit einer gemeinsamen Welt.

Was dem Zauberberg fehlt 

In Thomas Manns "Zauberberg" streiten im Sanatorium Berghof die Herren Settembrini und Naphta. Beide sind hochgebildet und haben völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, was den Menschen ausmacht und wie Menschen zusammenleben sollen. 

Sie sprechen, sie argumentieren – es fehlt ihnen nicht an Kommunikation. Doch am Ende zerbricht die gemeinsame Welt: Der andere wird nicht mehr als Mitbewohner dieser Welt akzeptiert.

Auf dem Zauberberg fehlt ein Diplomat.

Mehr als Pro und Kontra 

Wieder zu den Windrädern. Diesmal lädt die Pfarrerin zum Thema Windräder ins Gemeindehaus ein. Sie beginnt nicht mit der Frage: "Sind Sie für oder gegen Windräder? Und das sagt Kirche dazu …" Stattdessen verändert sie die Art, wie der Konflikt sichtbar wird: "Was gehört zur Wirklichkeit dieses Konflikts, das wir nicht aus dem Blick verlieren sollten?" Und: "Welche Perspektiven gibt es, damit wir ein Urteil treffen können?"

Da verändert sich das Gespräch. Der Altbürger sagt nicht nur: "Ich bin dagegen", sondern: "Ich liebe meine Heimat und möchte sie nicht durch diese riesigen Ungetüme verschandeln. Aber ich sehe auch, dass sich etwas verändern muss, wenn wir diese Heimat erhalten wollen."

Der Umweltschützer spricht sich nicht nur mit einem "Nein" gegen die Windräder aus, sondern erklärt seine Sicht, dass die Windräder auf einer Route von Zugvögeln gebaut werden. Naturschutz dürfe beim Klimaschutz nicht unter den Tisch fallen – auch wenn ein stabiles Klima für Tiere selbst existenziell ist.

Die Pfarrerin fragt nach: "Welche dieser Wirklichkeiten haben wir bisher zu klein gemacht?"

Vielleicht wurde Heimatgefühl als altbacken abgetan. Vielleicht wurden Natur- und Klimaschutz gegeneinander ausgespielt. Vielleicht tat man so, als würden aus wissenschaftlichen Messungen gleich politische Entscheidungen folgen.

Die Pfarrerin führt das Gespräch weiter: "Was steht für dich eigentlich auf dem Spiel?", "Was darf in einer Lösung nicht verschwinden?", "Was gibt es, das ich bislang nicht gesehen habe?" oder "Was halten Sie für unverhandelbar – und warum?"

Mit Diplomatie meine ich hier weder Nettigkeit noch einen Kompromiss um jeden Preis à la "Jeder hat ein bisschen recht", vermischt mit Konfliktvermeidung als Moderationsmethode. Es geht darum, herauszufinden, woran die Beteiligten hängen, was tatsächlich unverzichtbar ist und was verloren geht, wenn die Interessen der anderen in die eigene Sprache übersetzt werden.

Zuerst geht es ums Wahrnehmen und Versammeln, dann ums Unterscheiden und das Suchen nach möglichen Verbindungen, zuletzt erst ums Urteilen. In meiner Wahrnehmung urteile ich schnell wie Settembrini und Naphta auf dem Zauberberg, bevor ich schaue und unterscheide.

Vor dem Urteil gilt es, die Wirklichkeit größer zu machen.

Nicht neutral

Nun höre ich schon den Einwand: "Dann findet die Kirche einfach alle Positionen irgendwie interessant."

Nein, Kirche ist nicht neutral, auch nicht in der Rolle als Hüterin. Wenn Menschenwürde verletzt wird, Gewalt legitimiert wird oder Menschen entrechtet werden, muss sich Kirche auch selbst verhalten. Lügen bleiben Lügen. Nicht jede Position ist gleich tragfähig.

Die gemeinsame Welt ist keinesfalls fertig, und auch Kirche ist eine Akteurin in dieser Welt unter vielen. Sie weiß nicht, wie diese Welt aussehen muss. Sie stellt sie nicht her, sondern hält die Bedingungen offen, unter denen diese gemeinsame Welt entstehen kann. Es geht nicht um Einigkeit, Harmonie oder das Ausklammern von Konflikten, sondern um die Möglichkeit, trotz echter Differenzen dieselbe Wirklichkeit bewohnen zu können.

Die Hüterin ist nicht erhaben und hat keinen Blick von oben. Eine Hüterin weiß nicht alles. Sie hütet, dass das Ganze größer bleiben darf als jede einzelne Sicht darauf – auch größer als ihre eigene. Vielleicht liegt der Gewinn eines solchen Abends zu den Windrädern deshalb nicht im Konsens, sondern darin, dass jemand sagt: "Ich bin immer noch gegen Windräder, aber ich verstehe, welche Probleme die andere Seite angeht!" Oder: "Ich bin weiterhin dafür, aber ich sehe die Angst der Anwohner vor Veränderungen!"

Die Pfarrerin hält den Bau der Windräder weiterhin für richtig, aber ihr Urteil hat sich durch die größere Realität verändert. Es wurde genauer: Vielleicht fordert sie jetzt eine Beteiligung der Anwohnerinnen und Anwohner oder einen neuen Standort mit besserem Vogelschutz. Bewahrung der Schöpfung ist mehr, als sie vorher glaubte.

Warum gerade die Kirche?

Aber warum soll diese Rolle die Kirche wahrnehmen? Nicht eine "neutrale" NGO oder ein Verein mit guten Absichten?

Der Grund liegt für mich in den besonderen Ressourcen der Kirche. Ich denke hier an die Lehre der Rechtfertigung, an Gottesdienste mit Abendmahl oder an die Predigt. Der andere ist mehr als seine Position. Gemeinschaft kann auch vor dem Konsens beginnen. Eingefahrene Bilder von der Welt und von anderen Menschen geraten durch die Predigt in Bewegung.

Das ist für mich der christliche Überschuss gegenüber einer bloßen Moderationsmethodik: Kirche kann nicht nur dabei helfen, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Sie kann daran erinnern, dass der Wert eines Menschen nicht davon abhängt, ob er sich in einem Streit durchsetzt, und dass Gemeinschaft nicht erst dort beginnt, wo alle derselben Meinung sind.

Damit der Streit Zukunft hat

Am Ende des Windradkonflikts muss eine Entscheidung fallen. Eine Hüterin sorgt dafür, dass niemand aus der Welt hinausfällt, nur weil er in einer Entscheidung unterliegt.

Kann man danach noch Nachbarin sein? Kann der Streit fortgeführt werden, ohne dass einer verschwindet? Eine gemeinsame Welt ist keine Welt ohne Konflikte, sondern eine Welt, in der Konflikte eine Zukunft haben. Das Duell zwischen Settembrini und Naphta zeigt mir, was passiert, wenn eine gemeinsame Welt unmöglich gemacht wurde. Der andere ist nicht mehr Mitbewohner dieser Welt, sondern ein Hindernis für meine Welt.

Auch unsere Gesellschaft braucht klare Überzeugungen. Sie braucht Streit, Wissenschaft, politische Entscheidungen und klare Urteile. Aber sie braucht zusätzlich Institutionen, die darauf achten, dass der Streit nicht die gemeinsame Wirklichkeit zerstört, in der überhaupt noch gestritten werden kann.

Vielleicht könnte eine kleiner werdende Kirche darin eine überraschend große Aufgabe entdecken: Hüterin der Möglichkeit einer gemeinsamen Welt zu sein.