Es riecht nach Staub, altem Holz und Eisen. Zwischen Spinnweben und alten Werkzeugen steht in einer Scheune mitten in Weißenstadt ein schwarzer Wagen, groß und schwer, mit eisernen Rädern und verwittertem Lack. Wo früher Pferde davor gespannt waren, steht heute Friedhelm Hübner – Schreinermeister, und jemand, der Altes nicht einfach verfallen lassen kann.
"Der Leichenwagen ist seit 1913 in Weißenstadt im Einsatz gewesen – der letzte seiner Art, noch mit Pferdegespann", erzählt er. "Bis 1974 wurde er genutzt, dann kam er in eine Scheune. Fast 50 Jahre lang stand er dort, bis sich niemand mehr recht erinnern konnte, wem er eigentlich gehört."
Dass der Wagen heute überhaupt noch existiert, ist fast Zufall. "Irgendwann kam die Stadt auf uns zu und sagte: Der Leichenwagen braucht einen Platz – wollt ihr euch das mal anschauen?", erinnert sich Hübner. "Wir fanden, dass er noch erstaunlich gut in Schuss ist, und haben gesagt: Jawoll, das machen wir."
Vom Scheunenfund zum Gemeinschaftsprojekt
Die Schreinerei Hübner gibt es seit 1853, sie ist ein Familienbetrieb in fünfter Generation. Normalerweise baut man dort Türen, Möbel oder Innenausstattungen – aber ein Leichenwagen? Das ist selbst für einen erfahrenen Handwerker Neuland. "So was macht man nicht jeden Tag", sagt er lachend. "Aber das ist ja das Spannende dran."
Die Restaurierung hat sich längst zu einem Gemeinschaftsprojekt entwickelt. Eine kleine Interessengemeinschaft aus Handwerkern und Ehrenamtlichen arbeitet mit, um ein Stück Geschichte zu retten. "Wir rechnen mit 200 bis 300 Arbeitsstunden", schätzt Hübner. "Das geht halt nur nach Feierabend, aber wenn man so was anpackt, macht man’s mit Herz."
Alte Technik, neue Geduld
Wer den Wagen betrachtet, sieht schnell: Das ist kein einfacher Job. "Vieles ist Wagnertechnik – also eher für Radbauer als für Schreiner", erklärt Hübner und zeigt auf die Speichenräder. "Die muss man teilweise neu machen. Auch die Polsterung, die Bremsen und der Lack – das wird alles überarbeitet."
Zuerst aber steht eine große Reinigungsaktion an: Abschleifen, entrosten, spachteln. "Die alten Farbtöne gibt’s so nicht mehr", sagt er. "Wir müssen wohl mit Acrylfarben arbeiten. Und am Ende soll er wieder glänzen – aber nicht neu aussehen, sondern authentisch."
In der Garage ist es kühl, das Licht fällt durch eine offene Tür auf das verwitterte Holz. Hübner streicht mit der Hand über eine geschnitzte Zierleiste. "Das Schwierigste wird ein Gussteil an der Vorderseite – das müssen wir wahrscheinlich nachbauen lassen. Aber alles andere ist machbar."
Schwierige Suche nach einem Platz
Während der Wagen Schritt für Schritt restauriert werden soll, läuft im Hintergrund die Suche nach einem dauerhaften Standort. "Es wäre schade, wenn er nachher wieder in einer Scheune landet", meint Hübner. Am liebsten würde er ihn auf dem Friedhof ausstellen – in einem kleinen Pavillon, als Denkmal.
Doch das ist kompliziert. "Der Friedhof steht unter Denkmalschutz. Die Gemeinde und das Denkmalamt müssen zustimmen, und natürlich geht’s ums Geld. Die Stadt fände es gut, aber die Kosten dürfen nicht bei ihr hängenbleiben." Also will Hübner Spenden sammeln, Sponsoren ansprechen und Fördermittel beantragen. "Vielleicht helfen Stadt, Kirche oder auch Unternehmen aus der Region. Wir geben so leicht nicht auf."
Erinnerungen an Kindheit und Abschied
Für den Schreinermeister ist das mehr als ein handwerkliches Projekt. Es ist ein Stück Heimatgeschichte, mit der er aufgewachsen ist. "Ich bin ja mit dem Wagen groß geworden", erzählt er. "Der stand in einer Scheune, vielleicht 50 Meter von unserer Werkstatt. Da haben wir als Kinder Verstecken gespielt."
Er erinnert sich an Zeiten, als der Leichenwagen noch im Einsatz war. "Wenn in Weißenstadt jemand gestorben ist, sind wir Schüler hinterhergelaufen. In der Kirche haben wir gesungen. Das gehörte einfach zum Dorfleben."
Heute, sagt Hübner, sei der Umgang mit Tod und Trauer ein anderer. "Früher war das Teil der Gemeinschaft. Heute wird vieles weggeschoben. Vielleicht hilft so ein Wagen, dass man wieder mehr drüber redet."
Vom Leichenwagen zum Ort der Begegnung
Reden – das ist für Hübner ein wichtiges Stichwort. Zusammen mit anderen hat er das sogenannte "Friedhofscafé" in Weißenstadt mitinitiiert: Einmal im Monat treffen sich dort Menschen nach dem Grab-Besuch, trinken Kaffee, reden miteinander. "Das ist daraus entstanden, dass ältere Frauen am Friedhof saßen und sagten: Jetzt wär ein Kaffee recht", erzählt er. "Mittlerweile kommen 50, 60 Leute. Manche finden das merkwürdig, andere wunderbar. Aber es tut gut, gemeinsam zu sprechen – über das, was einen bewegt."
In diesem Sinn versteht Hübner auch die Restaurierung des Leichenwagens: als Beitrag zur Erinnerungskultur, als Symbol für ein offenes Gespräch über Abschied und Vergänglichkeit. "Das ist ein Kulturgut, das zeigt, wie früher mit dem Tod umgegangen wurde", sagt er. "Und vielleicht erinnert es uns daran, dass Trauer kein Tabu sein muss."
Geschichte mit Zukunft
Noch ist der Wagen weit entfernt vom alten Glanz. Doch Hübner ist überzeugt: Er wird wieder zu einem Blickfang werden – und zu einem Stück Identität für Weißenstadt. "Wenn alles klappt, steht er bald als Denkmal da, wo er hingehört – mitten in der Stadt, mitten im Leben."
Er schaut auf das alte Holz, auf den bröckelnden Lack, auf die filigranen Schnitzereien. Dann sagt er leise:
"Der Wagen hat schon so viele letzte Wege begleitet. Jetzt bekommt er selbst noch einmal ein neues Leben."