Wenn man den Namen Johann Strauss hört, denkt man an Walzer, Champagner und eine rauschende Welt Wiens. Doch entscheidende Jahre im Leben des Walzerkönigs spielten sich nicht an der Donau ab, sondern in Coburg. Hier, im Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha, fand Strauss endlich, was er in Wien nie erreichen konnte: die Freiheit zu lieben – und sie zu heiraten.
"Strauss hat alles auf sich genommen, nur um mit seiner Adele zusammen sein zu können", sagt Ingolf Roßberg, Vorsitzender der "Deutschen Johann Strauss Gesellschaft", gegründet 1975 in Hamburg: "Das war keine Laune, das war echte, tiefe Liebe." Strauss war ein Mann des Herzens – und seine Biografie liest sich fast wie ein Operetten-Libretto. Dreimal war er verheiratet. Seine erste Frau, die gefeierte Sopranistin Jetty Treffz, war älter als er, zugleich klug, streng und geschäftstüchtig. "Sie war seine Managerin, sein Glück und sein Gewissen", sagt Roßberg. Mit ihr feierte Strauss internationale Triumphe – bis zu ihrem Tod 1878.
Nur wenige Wochen später heiratete er die Schauspielerin Angelika ("Lili") Dittrich. Die zweite Ehe war ein Fehlgriff: jung, flatterhaft, eifersüchtig, gesellschaftlich unruhig. Bald schon lebten beide getrennt. "Die Lili hat ihn ja, auf gut Deutsch gesagt, betrogen", erzählt Roßberg. "Sie zog zu ihrem Liebhaber, dem Direktor des "Theaters an der Wien", Franz Steiner, und Strauss blieb tief verletzt zurück." Eine Scheidung war im katholischen Österreich nicht möglich – ein Fakt, der Strauss’ Leben bald völlig verändern sollte.
Denn 1882 trat Adele Strauss, geb. Deutsch, Tochter des Wiener Bankiers Leopold Deutsch, in sein Leben. Sie war verwitwet nach nur zwei Jahren Ehe mit Anton Strauss, der Johanns Vermieter seiner Jugendwohnung war – aber ansonsten nichts mit der Musikerfamilie zu tun hatte,. Eine Frau mit Schönheit, Geist und Charakter – und auch jüdischen Wurzeln. Strauss verliebte sich leidenschaftlich. Doch um sie heiraten zu können, musste er alles aufgeben: seinen Glauben, seine Heimat, seine Staatsbürgerschaft: "Was tut man nicht alles für ein Weib" – dieser fast 150 Jahre alten Stoßseufzer von Johann Strauss in einem Brief an "seine" Adele klingt irgendwie zeitlos-modern…
"Siebenbürgische Hochzeit" und der Weg zum Glauben
In Österreich war eine Wiederverheiratung nach einer ehelichen Scheidung solange unmöglich, wie ein Ehepartner noch lebte: Es war nur eine "Trennung von Tisch und Bett". Also suchte Strauss nach Schlupflöchern. Gemeinsam mit Adele versuchte er 1883 eine sogenannte siebenbürgische Hochzeit – eine protestantische Eheschließung, die in den ungarischen Landesteilen des Habsburgerreichs an bestimmten "Artikularorten" erlaubt war. "Johann war ja alles, aber kein Ungar", schmunzelt Roßberg. "Er hätte Bürger in einem ungarischen Ort werden oder sich adoptieren lassen müssen. Beides scheiterte."
Schließlich konvertierte Strauss zum evangelischen Glauben. Er trat am 9. Juli 1886 in der Lutherischen Stadtkirche Wiens vor dem aus Dresden stammenden Pfarrer Dr. Bernhard Paul Zimmermann zum evangelisch-lutherischen Glaubens (in Österreich noch heute: "evangelisch Augsburgischen Bekenntnisses, (evangelisch A.B.)" über. "Dieser war bestimmt überrascht, als der prominente und präsente Strauss plötzlich mit diesem Anliegen vor ihm stand", sagt Roßberg. "Aber er nahm ihn ernst. Nichts Menschliches war ihm fremd." Bedeutend war Pfarrer Zimmermann seit dessen Berufung 1874 für Wien in vieler Hinsicht, vor allem, weil er in Wien das Diakonische Werk begründete. Für seine Verdienste wurde er von Kaiser Franz Joseph I. in den (nichterblichen) Adelsstand berufen und verlor das "von" im Zuge des Adelsaufhebungsgesetzes 1919 wieder. Nach 50 Jahren Dienst ging er 1924 in den Ruhestand und ist 1927 in Wien verstorben.
Ebenfalls 1886 legte Strauss nach seiner Konvertierung die österreichische Staatsbürgerschaft nieder – ein ungeheuerlicher Schritt für den berühmtesten Komponisten der Donaumetropole. Strauss suchte einen Ort, an dem er und Adele rechtsgültig heiraten konnten. Den fand er in Coburg, einem liberalen, evangelischen Herzogtum im heutigen Norden Bayerns. Dort erlaubte das Recht sowohl eine zivilrechtliche Scheidung als auch eine neue Ehe. "Ein Coburger Rechtsanwalt vermittelte die Sache", erklärt Roßberg. "Strauss wurde staatenlos, dann nahm ihn Coburg auf. 1886 wurde er Deutscher." Die Wiener reagierten mit Empörung. "Die haben ihm das nie verziehen", sagt Roßberg. "Für sie war er ein Verräter an der Heimat." Für Strauss aber war Coburg eine zweite Geburt – juristisch wie seelisch.
Am 15. August 1887 heirateten Johann und Adele schließlich in der Hofkapelle der Ehrenburg. "Endlich", so Roßberg, "war ihre Liebe auch vor Gesetz und Kirche gültig."
Rückzug und Schaffenskraft in Coburg
Auch wenn er nach der Heirat wieder in Wien lebte, so zog sich Strauss zunehmend zurück. "Er war müde vom Wiener Gesellschaftslärm", sagt Roßberg. "Adele richtete ihm das Haus so ein, dass er gar nicht mehr hinaus musste – mit Billardzimmer und Kaffeehausatmosphäre." Hier arbeitete Strauss weiter an seiner wohl komplexesten Operette, "Simplicius", einer fast philosophischen Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden. Zwei Melodien der Polka Mutig voran! stammen nachweislich aus der Coburger Zeit. Auch die berühmte Melodie "Sei mir gegrüßt, du holdes Venezia" aus Eine Nacht in Venedig in der Fassung von 1923 entstand durch Erich Wolfgang Korngold auf Basis von Skizzen, die Strauss in Coburg notiert hatte. "Das war auch eine neue und produktive Rückzugszeit", betont Roßberg. "Er fand hier Ruhe – und vielleicht auch einen neuen Ton in seiner Musik." Die großen, fast symphonischen Alters-Walzer wären ohne diese häusliche Geborgenheit nicht entstanden, ist Roßberg überzeugt.
Strauss nannte Adele liebevoll "mein Weib" – ein Ausdruck, der heute altertümlich klingt, damals aber voller Nähe war. Roßberg sieht darin mehr als eine sprachliche Marotte: "Vielleicht hatte diese Anrede etwas mit seiner ursprünglich jüdischen Herkunft zu tun – ein Ausdruck familiärer Wärme, Vertrautheit." Für Roßberg steht fest: Adele war die große Liebe seines Lebens. "Sie hat ihm die letzten Jahre leicht gemacht. Sie war die Einzige, die er wirklich geliebt hat." Tatsächlich überlebte sie ihn um mehr als dreißig Jahre, pflegte seinen Nachlass und hielt die Erinnerung an den Komponisten wach. Erst 1930 starb Adele in Wien – dort, wo ihre gemeinsame Geschichte einst begonnen hatte.
Johann Strauss Tod
Johann Strauss starb am 3. Juni 1899. Die Beerdigung am 6. Juni in Wien war ein tiefgreifendes und eindrucksvolles Ereignis, an dem Tausende Wiener teilnahmen und ihm die letzte Ehre erwiesen. Die "Neue Freie Presse Wien" vom 7. Juni 1899 gibt detaillierte Auskünfte über den Ablauf und die Predigt des Pfarrers Zimmermann.
Leute strömten aus allen Teilen der Stadt herbei, um einen Blick auf den Sarg zu werfen. Das Publikum bildete ein dicht geschlossenes Spalier zu beiden Seiten der Fahrbahn. Das Trauergefolge von Männern, darunter viele bekannte Namen aus Kunst und Literatur, war schier unübersehbar. Der Zug entwickelte sich auf der Ringstraße in imposanter Länge.
Das Abschiednehmen im Trauerhaus in der Igelgasse dauerte bis zur Mittagsstunde in stets gesteigertem Maße. Als der Einlass geschlossen wurde, baute sich in den benachbarten Straßen eine Menschenmauer auf, die sich durch die Wiedener Hauptstraße zum Ring zog. Sechs Blumenwagen fuhren vor dem Haus auf und waren bald über und über mit Kränzen bedeckt. 161 Kränze wurden auf den Sarg niedergelegt. Der mächtige Leichenwagen wurde von vier Paar Rappen gezogen.
Der Sarg wurde in die Reihe der Ehrengräber der toten Heroen aus Österreichs Musikwelt getragen. Strauß wurde dicht neben dem Grabe Johannes Brahms’ beigesetzt. Gegenüber befindet sich die Grabstätte Schuberts, und nur wenige Schritte entfernt stehen die Grabdenkmäler Mozarts und Beethovens.
Pfarrer Dr. v. Zimmermann betonte das seltsame Zusammentreffen, dass der Sterbetag des melodienfrohen Johann Strauß genau auf den Todestag des großen Gregorio Allegri (Schöpfer des wehmütigen "Miserere") fiel, der ebenfalls an einem 3. Juni verschieden war. Dies sollte tief in die Seele rufen, dass der letzte Akkord auch des schönsten Menschenlebens ein "Miserere" sei – ein "Gott erbarme dich unser!". Er nannte Strauß einen Welteroberer, der Millionen von Herzen in allen Ländern bis übers Weltmeer hinüber gewonnen hat.
Was von Strauss in Coburg blieb
Wer in den Magazinen der Landesbibliothek Coburg blättert, stößt auf eine Sammlung, die zugleich kostbar und eigenwillig ist. Zwischen Aquarellen, vergilbten Verträgen und persönlichen Gegenständen ruht der Nachlass des Walzerkönigs Johann Strauss. Bibliotheksdirektor Sascha Salatowsky nennt sie "eine intime Sammlung". Im Bestand finden sich über tausend zeitgenössische Dokumente: Verträge über Aufführungen, Korrespondenzen mit Verlegern und Theaterleuten, Telegramme aus aller Welt zu Strauss’ Jubiläen.
Daneben stehen Devotionalien, die in ihrer privaten Anmut berühren – Zigarettenspitzen, Miniaturschallplatten, ein paar getrocknete Blumen vom Sterbebett. Auch Aquarelle, darunter Brustbilder von Johann und Adele Strauss, gehören dazu. Die Sammlung gelangte vor Jahrzehnten über einen Wiener Antiquar von den Strauss-Erben nach Coburg.
Auch Salatowsky ist sicher: Strauss kam 1887 nur, um die formalen Voraussetzungen für die Ehe zu erfüllen. "Er musste hier ein paar Wochen zubringen, damit die ganzen sozialen Formalien geklärt werden konnten", sagt Salatowsky. In Briefen aus dieser Zeit klingt die Distanz durch. Wien bot ihm Theater, Publikum, Gesellschaft – Coburg dagegen war eine Zwischenstation. "Er wäre hier eingegangen wie eine Primel", meint Salatowsky trocken. Vielleicht erklärt das, warum sich die Coburger heute schwer tun mit ihrem berühmten "Staatsbürger wider Willen". "Ich glaube nicht, dass man ein Problem mit ihm hat", sagt Salatowsky. "Aber sein Herz hing nicht hier. Es war Dankbarkeit gegenüber dem Herzog da, sicher ehrlich – doch die Stadt selbst, die Bevölkerung, hat er nicht vermisst."
"Johann Strauß spielt im Stadtgedächtnis keine entscheidende Rolle und für die evangelische Kirche in Coburg gar keine", ist auch Stefan Kirchberger überzeugt. In den Augen des evangelischen Dekans sei Coburg ein Zufallsort gewesen, den der Komponist für seine Scheidung und Wiederverheiratung nutzen konnte, den er aber nicht sonderlich schätzte und auch nicht prägte.
Heute erinnert in Coburg ein schlichter Gedenkstein im Rosengarten an den Walzerkönig – genau dort, wo einst seine Villa stand. "Die Villa wurde 1968 abgerissen", erzählt Roßberg. "Jetzt blickt der Stein auf einen Betonbau – sinnbildlich für den Umgang mit Strauss in der Stadt." Doch im Coburger Stadtarchiv und im Staatsarchiv liegen die Belege seiner späten Jahre: die Einbürgerungsurkunde, die Heiratsurkunde, persönliche Schriftstücke. "Das ist alles da", sagt Roßberg. "Man müsste es nur zeigen. Eine kleine Ausstellung im Stadtmuseum oder in der Landesbibliothek – das wäre mein Wunsch."
Roßberg arbeitet derzeit an einer Chronik über "Johann Strauss und Deutschland". Denn die Beziehungen des Komponisten zu deutschen Städten waren vielfältiger, als viele denken. "Dresden etwa hat vier Stücke, die ihm gewidmet sind – mehr als jede andere Stadt außerhalb Wiens", sagt er.
Der letzte Walzer, den Strauss zu Lebzeiten veröffentlichte, trug den Titel An der Elbe – eine Hommage an Dresden. "Man kann über Strauss und Deutschland ganze Bücher schreiben", meint Roßberg. "Aber sein Herz – das blieb bei Adele."
Eine persönliche Begegnung mit Strauss
Wie kam Roßberg selbst zu Johann Strauss? Der gebürtige Dresdner, einst Oberbürgermeister seiner Heimatstadt, erinnert sich an ein Erlebnis in seiner Jugend: "Kurz vor meinem 14. Geburtstag sah ich Die Fledermaus im Dresdner Schauspielhaus – das hat mich elektrisiert." Wenig später erlebte er dieselbe Operette in einer zensierten DDR-Schulaufführung. "Das war meine erste Begegnung mit Zensur – und mit Strauss’ unbändiger Lebensfreude." Seitdem begleitet ihn diese Musik durchs Leben.
Für Johann Strauss war Coburg also mehr als ein Zufluchtsort. Es war der Ort, an dem er zum ersten Mal wirklich frei war – als Mensch, als Künstler, als Liebender. "Er wollte ein neues Leben mit seiner großen Liebe beginnen", fasst Roßberg zusammen. "Und Coburg hat ihm das ermöglicht." Wenn heute jemand vor dem schlichten Gedenkstein im Rosengarten steht, erinnert er sich vielleicht an mehr als an den Komponisten des Donauwalzers. Dann sieht er einen Mann, der gegen die Konventionen seiner Zeit kämpfte – aus Liebe.