Bis mindestens 30. März erzählt die gotische Kirche St. Lorenz ihre eigene Geschichte – in Licht, Klang und Worten. Für Lorenzkantor Michael Riedel mehr als ein spektakuläres Gastspiel.
"Luminiscence" hatte seine Deutschlandpremiere bereits im Herbst 2025 im St.-Paulus-Dom in Münster. Anders als Video-Projekte, die von Kirchenraum zu Kirchenraum ziehen, wurde die Show aber auf St. Lorenz angepasst. "Ich habe die Show bereits erlebt – und war begeistert", sagt Riedel. "Sobald echte Musiker im Raum sind, entsteht dieses besondere Live-Erlebnis."
An jeder Vorstellung sind rund zehn Musiker live beteiligt: acht Sänger, eine Orgel und eine musikalische Leitung. Der Chor besteht aus einem Pool von etwa 35 professionellen Stimmen, die sich abwechseln – aus dem Staatsopernchor Nürnberg, aus Masterstudiengängen der Hochschule für Musik sowie freischaffende Profis aus der Region.
Lokale Musiker im Fokus: St. Lorenz wird zur Bühne der Region
Dass diese Musiker aus Nürnberg und Umgebung stammen, war Riedel ein zentrales Anliegen. "Ich wollte nicht, dass unsere Kirche einfach von irgendeinem Ensemble bespielt wird", sagt er. "Es sollte unsere musikalische Handschrift tragen. Diese Stadt hat exzellente Musiker – warum also nicht sie?" Gleichzeitig entsteht so ein nachhaltiger Effekt über die Show hinaus: Kontakte, Netzwerke und ein neuer Pool an Künstlern, die künftig auch andere Projekte in St. Lorenz prägen können.
Riedel sieht in vor allem die Chance, ein neues Publikum in die Lorenzkirche zu holen. Menschen, die vielleicht sonst achtlos an ihr vorbeigehen, betreten den Raum, erleben seine Größe, seine Akustik und seine Geschichte emotional aufgeladen. "Das ist kein Ersatz für ein Oratorium oder einen Gottesdienst", betont er, "sondern eine andere Tür in diesen Raum. Und wer einmal hier war, kommt vielleicht wieder."
Musikalisch setzt "Luminiscence" auf eine Mischung aus eigens komponierten Klangflächen und bekannten Werken der Musikgeschichte. Zu hören sind unter anderem "Hits" von Bach, Händel, Monteverdi, Fauré oder Mussorgsky. Ergänzt wird dies durch eigens für das Format geschaffene Musik, die eng mit den Lichtsequenzen verzahnt ist.
Die Herausforderung: Ein Teil der Orchesterklänge kommt "vom Band". Chor und Orgel spielen live dazu – gesteuert über Metronom. Für die studierte Kirchenmusikerin Jihyun Sophia Kim, Michael Riedels Ehefrau und Hauptorganistin der Show, ist das eine besondere Situation. "Man hört den Klick, spielt aber gleichzeitig in einem Raum mit enormer akustischer Verzögerung", erklärt sie. "Das verlangt absolute Konzentration. Man kann nicht flexibel ziehen oder bremsen – man muss durchgehen."
Michaela May als Stimme der Kirche: Erzählen aus dem Inneren
Eine weitere Ebene erhält "Luminiscence" durch die Schauspielerin und Sprecherin Michaela May, vielen bekannt als aus zahlreichen Fernsehproduktionen wie "Münchner Geschichten" oder "Polizeiruf 110". Ihre sonore Stimme erzählt die Geschichte der Lorenzkirche in der Ich-Form: Die Kirche selbst spricht – von ihrer Entstehung, von Umbrüchen, von der Reformation, von Zerstörung und Wiederaufbau. Für die Besucher bedeutet das: keine klassische Führung, kein neutraler Kommentar, sondern eine emotionale Erzählung aus dem Inneren des Bauwerks heraus. Bild, Musik und Text greifen ineinander. "Man lässt sich hineinziehen", beschreibt Riedel, "und merkt plötzlich, dass dieses Gebäude mehr ist als eine schöne Kulisse."
Dass ein solches Projekt in einer aktiven Innenstadtpfarrkirche stattfinden kann, ist keineswegs selbstverständlich. Riedel betont das enge Zusammenspiel aller Beteiligten: von den Mesnern über Pfarrerin Claudia Voigt-Grabenstein bis hin zu Technik, Chor und Veranstaltern. Der kirchliche Alltag läuft weiter – Gottesdienste, Seelsorge, Konzerte –, während parallel bis zu 15 Shows pro Woche stattfinden.
Koordination im Kirchenalltag: So wird Luminiscence möglich
"Das geht nur, wenn alle an einem Strang ziehen", sagt Riedel. "Ohne Vertrauen, ohne ständige Abstimmung würde es nicht funktionieren." Auch Kim hebt diese Zusammenarbeit hervor: "Man spürt, dass hier alle wollen, dass es gelingt – nicht gegeneinander, sondern miteinander."
So ist die Nürnberger Fassung von "Luminiscence" am Ende mehr als eine multimediale Lichtshow. Es ist ein Experiment, ein Brückenschlag zwischen Unterhaltung und Hochkultur, zwischen Eventpublikum und Kirchenraum. Für Michael Riedel ist genau das der Reiz: "Wenn Menschen hier herausgehen und sagen, diese Kirche möchte ich wieder erleben, dann hat sich alles gelohnt."