Der Österreicher Franz Suess ist mit dem Max-und-Moritz-Preis 2026 als bester deutschsprachiger Comic-Künstler ausgezeichnet worden. Die Jury würdigte Suess als präzisen Beobachter gesellschaftlicher Brüche und sozialer Überforderung. Seine Figuren seien geprägt von Einsamkeit, Geldnot und gescheiterten Lebensentwürfen.

Mit feinem, oft schonungslosen Bleistiftstrich zeichne Suess Menschen, "wo üblicherweise der Blick abgewendet wird". Der 1961 in Linz geborene Künstler kam erst mit 50 Jahren zum Comic und machte den Wiener Stadtteil Ottakring zum wiederkehrenden Schauplatz seiner Geschichten. Sein letztes Werk war die Graphic-Novel "Jakob Neyder".

Als Bester Sachcomic wurde "Die Frau als Mensch" von Ulli Lust (Reprodukt) ausgezeichnet. Der Preis für den Besten deutschsprachigen Comic ging an "Der verkehrte Himmel" von Mikael Ross (avant-verlag). "In den trüben Gewässern Istanbuls" von Özge Samancı, in der Übersetzung von Silv Bannenberg bei Helvetiq erschienen, wurde als Bester internationaler Comic geehrt.

Der Max und Moritz-Preis für den Besten Comic für Kinder ging an "Der Zahn" von Ayşe Klinge (Kibitz). Als Bestes deutschsprachiges Comic-Debüt wurde "Fleischeslust" von Martin Oesch (Edition Moderne) ausgezeichnet.

Eine besondere Würdigung erhielt außerdem "Abgang" von Lina Brazerol. Die Publikation aus dem Hochschulbereich wurde mit einer Einladung zum Comic-Seminar Erlangen geehrt. Der zugehörige Paul-Derouet-Förderpreis erinnert an den Gründer des Comic-Seminars, der Ende Mai 2026 verstorben ist.

Bereits im Vorfeld bekanntgegeben worden war der Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk an die britische Künstlerin Posy Simmonds. Ein Spezialpreis der Jury ging an den Publizisten Andreas C. Knigge für seine Verdienste um die Comic-Kunst in Deutschland.

Posy Simmonds für Lebenswerk geehrt

"Posy Simmonds (*1945) ist die Grande Dame der britischen Comicszene – und doch alles andere als eine typische Comicautorin. Ihre erste Graphic Novel "Gemma Bovery" veröffentlichte sie erst 1999. Da hatte sie bereits eine lange und überaus erfolgreiche Karriere als Kinderbuchautorin, Cartoonistin und Comicstrip-Zeichnerin hinter sich.

Sie arbeitete ab 1968 zunächst als Cartoonistin und Illustratorin für Publikationen wie The Sun, The
Times und Cosmopolitan, ehe sie in der Mitte der 1970er-Jahre zur Tageszeitung The Guardian stieß, mit der sie bis heute verbunden ist. Dort veröffentlichte sie ab 1977 den täglichen Comicstrip "The Silent Three of St Botolph's", in welchem Simmonds den Alltag dreier Freundinnen mittleren Alters beobachtete und die britische Mittelklasse auf die Schippe nahm.

Den internationalen Durchbruch erlebte Posy Simmonds mit drei literarisch grundierten Graphic Novels, in deren Mittelpunkt eigenwillige Frauen stehen: "Gemma Bovery" (1999, deutsche Veröffentlichung 2011) ist eine Aktualisierung von Flauberts "Madame Bovary", "Tamara Drewe" (2007, deutsche Veröffentlichung 2010) lehnt sich an Thomas Hardys "Am grünen Ende der Welt" an und "Cassandra Darke" (2018, deutsche Veröffentlichung 2019) spielt mit Verweisen auf Charles Dickens. Simmonds sehr britischer, feiner und zugleich fieser Humor durchwirkt auch ihre Graphic Novels: Treffsicher verspottet sie die Unzulänglichkeiten, die Träume und die Erbärmlichkeit von Mittelklasse, Kunstschickeria, Social-Media-Prominenz, sie entlarvt Mittelmaß, Heuchelei, Gier und Selbstlügen und karikiert aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. Auffällig ist die psychologische Raffinesse ihrer Figurenzeichnung.

Mit elegantem und plastischem Federstrich überzeichnet sie ihre Figuren subtil und fängt ihre Mimik und Körpersprache so genau ein, dass wir mehr über sie erfahren, als sie uns preisgeben möchten. Beeindruckend ist auch, wie virtuos Posy Simmonds große Figurenensembles, mehrere Erzählperspektiven und in gewissen Fällen auch Zeitebenen verknüpft. Um der Komplexität der Story und ihrer Figuren gerecht zu werden, verbindet Simmonds Text und Bild anders als im klassischen Comic: Zwischen Bildfolgen stellt sie erzählende Textpassagen; neben Dialogen und Monologen arbeitet sie auch mit E-Mails und SMS und baut Zeitungsartikel und Internetseiten ein.
Mit ihren grafischen Romanen erweiterte Posy Simmonds den Spielraum und die Subtilität der Graphic Novel und etablierte sich als eine der modernsten und raffiniertesten zeitgenössischen Comicautorinnen."

 (Würdigung von Christian Gasser)