16.01.2019
Kunst und Kreuz

"McJesus", wütende arabische Christen und die "BDS"-Kampagne

Ärger um "McJesus" – warum ein finnischer Künstler unter Blasphemie-Verdacht die Entfernung seines eigenen Werks aus einer Ausstellung in Haifa fordert.
»McJesus« – Blasphemie oder »Kultur-Propaganda« des Staates Israel? Vor dem Kunstmuseum Haifa kam es wegen dieser Skulptur des finnischen Künstlers Jani Leinonen zu Ausschreitungen.
"McJesus" – Blasphemie oder »Kultur-Propaganda« des Staates Israel? Vor dem Kunstmuseum Haifa kam es wegen dieser Skulptur des finnischen Künstlers Jani Leinonen zu Ausschreitungen.

Wer erinnert sich noch an den Kunstskandal um einen gekreuzigten Frosch? Vor ziemlich genau zehn Jahren sorgte eine Skulptur mit dem Titel "Zuerst die Füße" von Martin Kippenberger (1953-1997) für Zoff. Monatelang hing sie unbemerkt im Bozener Kunstmuseum "Museion". Dann, kurz vor einem Papstbesuch in Südtirol, wurde die Existenz des Frosches bekannt und ging durch die Medien. Es gab wütende Proteste, ein Politiker hungerstreikte sich krankenhausreif, die Museumsdirektorin verlor ihren Job.

Nun sorgt ein Kunstwerk des finnischen Künstlers Jani Leinonen in der nordisraelischen Hafenstadt Haifa für ähnlichen Ärger – vielleicht noch ärgeren. In der vergangenen Woche demonstrierten Hunderte christliche Araber vor dem "Haifa Museum of Art" und verlangten die Entfernung eines Kreuzes aus der Ausstellung, auf das Leinonen "Ronald McDonald" genagelt hat.

"Ronald McDonald" ist der weltweit bekannte Werbe-Clown einer Fast-Food-Kette. Seinem Kruzifix hat der 40-jährige Künstler und Politaktivist Leinonen den Titel "McJesus" gegeben.

Es kam zu Ausschreitungen vor dem Museumskomplex, einige Demonstranten versuchten gewaltsam, das Museum für moderne Kunst zu stürmen. Drei israelische Polizisten wurden verletzt, ein 32-Jähriger wurde festgenommen. In der Nacht zuvor hatten Unbekannte bereits einen Molotow-Brandsatz auf das Museum geworfen.

Stadt mit vielen Christen

Die Ausstellung "Sacred Goods" (etwa: "sakrale Güter" oder "geheiligte Waren") läuft schon seit Anfang August 2018. Sie ist eine von mehreren parallelen Ausstellungen, mit denen das Kunstmuseum einen kritischen Blick auf die zeitgenössische Konsumkultur wirft. Zu Beginn des Jahres begannen Bilder aus der Ausstellung in den "sozialen Medien" zu zirkulieren und die Gemüter zu erregen. Auch eine Barbiepuppe als Jungfrau Maria und ihr männliches Gegenstück Ken, der als "Christus" vom Kreuz herunterlächelt, zogen den Zorn von Christen im Heiligen Land auf sich.

Einer der Demonstranten klagte gegenüber dem Nachrichtenportal Walla!, der israelischen Regierung sei die christliche Minderheit im Land egal: "Würde jemand eine Hitler-Skulptur mit Tora-Rolle aufhängen, würde sofort etwas passieren", sagte der Mann. Zuvor hatten die katholischen Bischöfe des Heiligen Landes die Stadt Haifa aufgefordert, die als verletzend empfundene "McJesus"-Skulptur aus der Ausstellung zu entfernen. Zwar bejahe man das Recht auf Meinungsfreiheit und teile das Ziel der Ausstellung, die Konsumgesellschaft zu kritisieren; es sei aber nicht hinnehmbar, dafür "das bedeutendste Symbol der christlichen Religion" zu missbrauchen, so die Bischöfe.

Haifa gilt, was das friedliche Verhältnis der Religionen angeht, eigentlich als israelische Musterstadt. Fast ein Sechstel der Einwohner Haifas sind Christen. "Wir verurteilen die Ausstellung und die Beleidigung des heiligsten Symbols der Christenheit durch eine Einrichtung, die den Bürgern aller Religionen dienen soll", sagte Agapios Abu Sa’ada, Priester an der Mar-Elias-Kathedrale in Haifa und Archimandrit der Erz­eparchie Akkon der Melkitischen Griechisch-katholischen Kirche. "Was für Europa passend sein mag oder für die Christen in Finnland, ist für unsere Gemeinschaft nicht angemessen und kann auf kein Verständnis treffen", so Abu Sa’ada.

Es ist ein Kreuz

Auch Israels Kulturministerin Miri Regev forderte die Museumsleitung auf, das Kunstwerk zu entfernen, und drohte mit dem Entzug staatlicher Mittel. Die säkulare israelische Tageszeitung Haaretz verurteilte in einem Kommentar den Vorstoß der Ministerin aus Premier Benjamin Netanjahus rechtsnationaler Likud-Partei scharf. Statt die Freiheit der Kultur zu verteidigen, habe sich Regev auf die Seite der Zensoren geschlagen.

Die Museumsleitung zeigte sich gegenüber den Kirchenvertretern gesprächsbereit und stellte Warntafeln vor der Ausstellung auf: Exponate könnten die religiösen Gefühle von Besuchern verletzen. Zudem wurde Leinonens Kruzifix hinter einen Sichtschutz gestellt. Keines der Exponate wurde jedoch aus der Ausstellung entfernt, die noch bis 17. Februar läuft.

Anders als von Martin Kippenberger (der sich mit seinem Frosch nach eigenem Bekunden auf ironische Weise selbst porträtierte, ebenso wie seinen Zustand nach einem Alkohol- und Drogenentzug), heißt es von Jani Leinonen in Medienberichten, er sei gläubiger Christ.

Leinonen hat die Figur des Ronald McDonald in seinen Werken bislang nicht nur als Jesus am Kreuz zweckentfremdet, sondern auch als McBuddha und als McPharao. Der Künstler kritisiert die Konsumgesellschaft, die für ihn religiöse Züge trägt, ebenso wie die zeitgenössische Nahrungsmittelproduktion und den zynischen Gebrauch von Symbolen. Gekreuzigt hat er auch den "Kelloggs"-Hahn. Für großes Medienecho sorgte 2011 eine ausgefeilte Performance, bei der Leinonen Ronald McDonald im El-Kaida-Stil öffentlich hinrichtete. Er wurde damals kurzzeitig festgenommen.

Kultur als Propaganda für Israel?

Der finnische Kunstaktivist hat sich inzwischen hinter die Forderung der Gegner seines Werks gestellt und verlangt ebenfalls, seinen "McJesus" aus der Ausstellung zu entfernen. Bereits im September habe er Kuratorin Shaked Shamir dazu aufgefordert, sagte Leinonen. Eine Sprecherin des Museums entgegnete, Leihgeber sei eine finnische Galerie. Diese habe die Entfernung des Kreuzes nie gefordert.

Die seltsame Volte hat einen Grund: Leinonen unterstützt die BDS-Bewegung ("Boycott, Divestment and Sanctions"), die mit Boykottmaßnahmen, Investitionsentzug und Sanktionen Israel wirtschaftlich schaden sowie kulturell und politisch isolieren will. Viele BDS-Vertreter bestreiten das Existenzrecht Israels, von nicht wenigen Experten wird die Bewegung als antisemitisch eingestuft.

Moderne Kunstausstellungen in Israel sind für BDS-Aktivisten wie Leinonen nichts anderes als ein finsterer Trick des "zionistischen Gebildes": "Israel nützt Ausstellungen wie diese und Kultur überhaupt als eine Form der Propaganda, um sein Besatzungsregime, Siedlungs-Kolonialismus und Apartheid gegenüber dem palästinensischen Volk weißzuwaschen oder zu rechtfertigen", schäumte der Künstler gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

 

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