Krieg ist nie aus. Er macht nicht nur Landschaften und Häuser kaputt und tötet Menschen, schlimmer noch, er lässt die Menschen verrohen und zerstört ihre Seelen. Soldaten wie Zivilisten, Alte wie Junge, Männer wie Frauen. Nachhaltig. Über Generationen hinweg. Davon handelt das Theaterstück "Mittwinter" der britischen Erfolgsautorin Zinnie Harris, 2004 in London uraufgeführt, das jetzt, 22 Jahre später, am Münchner Metropoltheater Premiere hatte und mehr denn je von beklemmender Aktualität ist.
Blut, Gammelfleisch und ein stummer Junge: So beginnt der Krieg im Innern
Fünf Personen symbolisieren in starken Bildern, welche (Aus)Wirkungen Krieg auf den einzelnen und die zwischenmenschlichen Beziehungen hat. Schon die erste Szene setzt den Ton. In einer düsteren Trümmerwüste aus Teerschwarzen Brettern irgendwo im Nirgendwo macht sich Maud wie ein wildes Tier daran, mit einem Messer aus dem Bauch eines vergammelnden Pferdekadavers blutige Fleischfetzen herauszureißen und gierig vor Hunger in ihren Bluttriefenden Mund zu stopfen. So ist das im Krieg. Erst einmal geht es ums eigene Überleben, dann, sobald ein anderer Mensch auftaucht, geht es um deals.
Und die, das weiß man auf den Zuschauerstühlen vom Geschehen auf der Weltbühne nur allzu gut, sind nie ohne Hintergedanken. Im fiktiven Kriegszustand auf der kleinen Bühne des Metropoltheaters wird, nicht weniger brutal, Gammelfleisch gegen Kind getauscht, das mit seinem Großvater vom "Geruch des Fleischs" angezogen wurde. Es geht, man ahnt es, nicht ums Kind, sondern um die Vorstellung von "Familie", die Maud gern hätte. Da ist ihr der stumme, scheinbar zurückgebliebene Junge (phänomenal mimisch und gestisch verkörpert von Anna Graenzer) nur recht, den sie wie ein Haustier für ihre eigenen Bedürfnisse instrumentalisiert.
Kurz darauf klopft es an der buchstäblichen Bretterbude, die vom Heim übrig geblieben ist, und der totgesagte Soldat Grenville steht in der Tür. Wieder ein Schock, wieder macht Maud sich und dem anderen etwas vor. Verwüstung überall, innen wie außen.
Grau in Grau: Wie Bühne und Sound die verwüstete Seele sichtbar machen
Dass wir eine zerfetzte Welt vor uns haben, zeigt auch die mit langen Rupfenbahnen begrenzte Bühne, auf der sich die ruinösen äußeren und inneren Verhältnisse abspielen. Zerstörte Seelen, zerrissene Kleider, alles Grau in Grau, selbst die Kindermütze ist nicht rot, sondern brackigbraun. Lug und Trug im Alltag.
Der Mond wird zur Sonne erklärt, das Wasser zur Milch, kindischer Ungehorsam zum "Spiel". Und so geht es weiter, von einem psychologischen Tiefpunkt zum nächsten. Mit herausragenden Schauspielern und Schauspielerinnen vom Bayerischen Staatsschauspiel besetzt, fein austariert mit minimalistischer Ausstattung, untermalt vom schleifenden Sound der isländischen Komponistin Hildur Gudnadottir. Es gibt keine Stunde Null, Weingläser und Tischdecke verdecken nur notdürftig den darunter liegenden Schutt. Die Vergangenheit in Gestalt des Großvaters wird Maud trotzdem nicht loslassen.
Denn in Wahrheit ist Maud deren Zwillingsschwester, der Junge nicht deren totes Kind und Grenville, der Ehemann der Zwillingsschwester, nicht der Vater dieses Jungen. Es wird immer verwinkelter, das Lügengebäude hält so wenig wie der Wiederaufbau auf der imaginierten, "anderen Flussseite", auf
der der abgehalfterte Kriegsgewinnler, der mit seiner Metallsonde den glitzernden Plunder (Orden, Uhren, Schmuck) aus den Trümmern fischt, ein neues Haus baut. Auch der Traum wird platzen.
Täuschung gebiert Gewalt – und die Spirale dreht sich weiter
Wut und Enttäuschung entlädt sich beim Kriegsversehrten Soldaten in roher Gewalt, die Spirale von Täuschung und Selbsttäuschung fällt auch hier in sich zusammen. Als wäre nichts geschehen, geht das Lügen dennoch weiter, sogar das Morden, halb verdeckt innerhalb der Familie. Verdrängung gebiert keine Hoffnung, symbolisiert der stumme Junge. Die tabuisierte Vergangenheit gibt keine Zukunft.
"Krieg beginnen ist so leicht wie in die Hände klatschen", weiß der müde gewordene Großvater. Frieden machen geht nicht so einfach, auch wenn die Protagonisten, allen voran die selbstsüchtige "Maud", es sich und den anderen wieder und wieder einreden. In der Schlussszene sitzen die vier Überlebenden am imaginären Fluss, den Blick in die Weite gerichtet. Der Junge probiert es, klatscht zweimal betont langsam in die Hände, und die Einbildung deckt sich für einen kurzen Moment mit der Wahrnehmung des Theaterpublikums, die Musik bricht ab, es ist vermeintlich tatsächlich still.
Ein kongenialer Regieeinfall. "Frieden" plappert Maud drauflos, und alle halten sich wider besseres Wissen daran fest. Ein psychologischer Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der nächste, noch viel größere Krieg hat schon begonnen.
Großes Welttheater im kleinen Raum: Schölch inszeniert meisterhaft
Schaurig großes Welttheater, als intimes Kammerspiel von Regisseur und Intendant Jochen Schölch mit großartigen Schauspielern in Szene gesetzt. Psychologisch verdichtet, atmosphärisch ausgeleuchtet und punktgenau stimmig von Anfang bis Ende. Da war nicht nur die eigens aus England angereiste Autorin angetan.
"Mittwinter" von Zinnie Harris im Metropoltheater München
Regie: Jochen Schölch, Musik: Hildur Gudnadottir
Nächste Aufführungstermine
- – 8. März 2026
- – 15. März 2026
- – 21. März 2026
- – 26. März 2026
- März 2026
Beginn jeweils 19.30 Uhr
Ort Metropoltheater München Floriansmühlstr. 5 80939 München
Karten & Info hier.