Das Musikfest ION ist auf einem bemerkenswerten Wachstumskurs, der jedoch auch seine Grenzen aufzeigt. Moritz Puschke bezeichnet die aktuelle Situation als "Luxusproblem". 12.000 Besucherinnen und Besucher, ausverkaufte Doppelkonzerte, Sonderveranstaltungen im Mai, neue Orte und ein sichtbarer Hunger auf geistliche Musik in all ihren Facetten – von Bach bis Jazz, von Kammermusik bis zu spirituellen Popnächten.
Doch das Wachstum hat auch seine Schattenseite. "Mehr geht mit unserem Team, unserer Struktur und unserem Budget kaum noch", sagt Puschke. Produktionen wie die zwei Mal vier Konzerte mit Anna Lapwood und dem John-Lennon-Programm sprengten nicht nur den Saal, sondern auch die internen Kräfte. "Wir haben ein Peak-Level erreicht – das ist gut. Aber auch ein Zeichen, dass wir jetzt schauen müssen: Wie geht’s weiter?"
Der Kern des Festivals bleibt zwar bei den bewährten zehn Festivaltagen plus vier Weihnachtskonzerten, doch bereits die Hinzunahme von Sonderkonzerten zum 8. und 9. Mai bedeutete für das Team einen "Mehraufwand", obwohl sie über 1000 zusätzliche Besucher anzogen. Die eigentliche Triebfeder des Publikumsbooms waren jedoch die doppelten Aufführungen von vier Programmen mit herausragenden Künstlern wie Anna Lapwood, Charly Hübner, Voices8 und dem John Lennon-Abenden. Der Zuspruch war so überwältigend, dass die Künstler "noch öfter spielen können" hätten, ginge es nach dem Publikum. Es ist eine Anerkennung, dass das Festival seine maximale Leistungsgrenze mit den vorhandenen Ressourcen erreicht hat.
75. Geburtstag in 2026
2026 feiert die ION ihren 75. Geburtstag. Und das nicht mit einem Festakt und Händedruck, sondern mit einem doppelten Festival: Vom 19. bis 21. Juni steigt ein vorgeschaltetes Jubiläumswochenende – mit einem musikalischen Feuerwerk, das sich gewaschen hat. Puschke spricht von einer "geballten Power": Neun Konzerte an einem Abend – aufgeteilt auf drei zentrale Spielstätten – werden den Auftakt bilden. Danach geht das Festival vom 26. Juni bis 5. Juli weiter – im gewohnten ION-Rhythmus, aber mit noch mehr Zugkraft. "Das Jubiläum wird ein großes Fest", sagt Puschke. Und auch, wenn er beim genauen Festivalmotto noch zögert – "Halleluja – 75 Jahre Musik. Glück." ist ein Favorit – ist klar: Die ION 2026 will nicht nur feiern, sie will zeigen, was sie kann.
Für das Jubiläumsjahr hat sich die ION Gäste eingeladen, die das Festival in den letzten Jahren geprägt haben – und neue Stimmen, die zum ersten Mal den Klangraum Nürnberg betreten. Die King’s Singers sind wieder da, genauso wie die Windsbacher, der legendäre Tenebrae Choir aus London. Auch Camerata Vocale Gent, die Jazzsängerin Rebekka Bakken aus Norwegen und das britische Bach-Ensemble Solomon’s Knot geben sich die Ehre. Die Staatsphilharmonie Nürnberg wird ebenso eine Rolle spielen wie der Orgelvirtuose Cameron Carpenter und viele mehr.
Dabei geht es Puschke nicht um einmalige Auftritte. "Wir wollen keine Durchlauferhitzer", sagt er. Die ION sieht sich als Plattform für längerfristige Beziehungen, als Community, in der Künstlerinnen und Künstler wachsen können – und wiederkommen. "Viele von denen sind Freunde geworden – oder waren es schon lange." Es sei ein Ziel, Ensembles über Jahre hinweg immer wieder einzuladen, gemeinsame Projekte zu realisieren, Vertrauen und künstlerische Tiefe aufzubauen.
Eine Nacht für George Harrison
Einen besonderen Platz im Programm nimmt die sogenannte "Night for"-Reihe ein, die inhaltlich wie atmosphärisch weit über klassische Konzertformate hinausgeht. Im Fokus 2026: George Harrison, der stille Beatle. Unter dem Arbeitstitel "Night for George Harrison" entsteht ein Konzertabend, der sich musikalisch und spirituell mit dem Musiker auseinandersetzt, der einst die indische Sitar in die westliche Popmusik brachte. "Harrison war ein Suchender – musikalisch, spirituell, menschlich. Genau das wollen wir zeigen", erklärt Puschke. Unter dem Motto des diesjährigen Festivals "Wo ist Frieden" reifte die Idee, den "Friedenssucher, Zweifler" Harrison mit einer speziellen Nacht zu ehren. George Harrison, der sich Mitte der 1960er Jahre intensiv dem Hinduismus und der indischen Musik widmete, hat diese tiefgreifend in die Popmusik einfließen lassen, sowohl textlich als auch kompositorisch.
Puschke sieht dies als perfekte Verbindung zum Festival, das sich als Plattform für geistliche Musik und Spiritualität versteht und bewusst nicht nur auf evangelische oder katholische, sondern auch auf andere Weltreligionen ausgerichtet ist. Harrison, der "Weltmusiker", der noch vor der Etablierung dieses Begriffs Pionierarbeit leistete und maßgeblich zur Integration indischer Musik in unseren Kulturkreis beitrug, passt laut Puschke "wie die Faust aufs Auge" zur Frage nach spiritueller Musik im Kirchenraum. Der 25. Todestag George Harrisons, der laut Puschke im nächsten Jahr sein wird, ist ein zusätzlicher, berührender Anlass für dieses Event.
Kulturkirche GoHo als neuer Spielort
Gespielt wird in der neu gestalteten Kulturkirche GoHo – einst Dreieinigkeitskirche, jetzt ein Ort für Musik, Begegnung und Spiritualität. "Die Kirche hat beim Testlauf dieses Jahr wunderbar funktioniert – sowohl akustisch als auch atmosphärisch", so Puschke. Mitten im Stadtteil werde dort eine neue Art von geistlichem Konzertabend gefeiert – lebendig, tiefgründig und offen. Moritz Puschke, der die Kirche bereits in der Bauphase besichtigt hatte, war schon damals von den "Architektenplänen" angetan. Das entscheidende Kriterium, insbesondere für popmusikalische Darbietungen, ist die Akustik – wie sich Schlagzeug, Bass, Gitarren und Keyboards im Raum entfalten.
Die Vision, eine Art "Festival Community" für Künstler aufzubauen, in der die Musiker nicht nur einmal auftreten und dann wieder verschwinden, sondern eine längerfristige Bindung entsteht, ist ein erklärtes Ziel von Moritz Puschke. Dieses Konzept spiegle sich besonders im Jubiläumsprogramm wider. Puschke betont, dass es darum geht, "Freundinnen und Freunde, wie immer von höchster Qualität" einzuladen, die "in den letzten Jahren eben auch wirklich Bestandteil waren, vielleicht auch dieser neuen ION". Dies impliziert eine bewusste Weiterentwicklung des Festivals, bei der bestimmte Künstler zu wiederkehrenden und geschätzten Partnern werden.
Obwohl das Festivalmotto für das kommende Jahr, das im Zeichen des 75-jährigen Jubiläums steht, noch nicht final enthüllt ist, deutet Moritz Puschke bereits eine klare Tendenz vor. Er spricht von "jubeln und feiern" und ist sich "relativ sicher", dass das Motto "Halleluja 75 Jahre Musikfest" lauten wird. Dieses kraftvolle Wort "Halleluja" soll die Essenz dessen einfangen, was das Jubiläum ausmacht: "Dankbarkeit, Freude, Glück".