Dass sich Tradition und Experiment keineswegs ausschließen, sondern gegenseitig beflügeln können, bewies das Musikfest ION am Sonntag gleich doppelt. Während am späten Nachmittag der Windsbacher Knabenchor gemeinsam mit dem Ensemble Spark in der Sebalduskirche barocke Choräle mit überraschend modernen Klangwelten verband, führte Johanna Soller am Abend in St. Martha mit der Capella Sollertia tief in die faszinierende Welt des mitteldeutschen Barock. Zwei Konzerte, wie sie unterschiedlicher kaum hätten sein können – und doch verband sie derselbe Anspruch: Bekanntes neu hören zu lassen und musikalische Schätze jenseits ausgetretener Pfade zu entdecken.
Schon der äußere Rahmen des ersten Konzerts hätte passender kaum sein können. In der sommerlichen Hitze Nürnbergs begrüßte ION-Intendant Moritz Puschke das Publikum in der nahezu ausverkauften Sebalduskirche mit trockenem Humor. "Sie haben alles richtig gemacht. Sie haben noch einen der kühlsten Räume Nürnbergs erwischt", sagte er unter dem Gelächter der Besucher und versprach augenzwinkernd, im kommenden Jahr angesichts der zunehmenden Hitzewellen eigens ION-Fächer bereitzuhalten.
80 Jahre Windsbacher
Dabei bot der Nachmittag weit mehr als nur angenehme Temperaturen. Unter dem Titel "Geh aus mein Herz!" trafen gleich zwei Jubiläen aufeinander: Der Windsbacher Knabenchor feiert in diesem Jahr sein 80-jähriges Bestehen, zugleich jährt sich der Tod des evangelischen Kirchenlieddichters Paul Gerhardt zum 350. Mal. Seine Texte bildeten den roten Faden eines Programms, das Vergangenheit und Gegenwart auf ebenso intelligente wie unterhaltsame Weise miteinander verband.
Bemerkenswert war bereits die Entstehung dieses Konzertprojekts. Das Programm ist eine gemeinsame Entwicklung der Windsbacher und des Ensembles Spark, federführend konzipiert und arrangiert von Spark-Pianist Christian Fritz. Herausgekommen ist weit mehr als eine klassische Gegenüberstellung von Chor und Instrumentalensemble. Vielmehr verschmolzen beide Klangkörper zu einem gemeinsamen musikalischen Organismus, der bekannte Choräle und Texte mit überraschender Selbstverständlichkeit in die Gegenwart holte.
Den Auftakt gestalteten die jungen Sänger selbst. Einer von ihnen rückte Paul Gerhardt ins Zentrum des Nachmittags und erinnerte an die bis heute ungebrochene Kraft seiner Dichtung. "Aus Paul Gerhardts Gedichten sind so viele Lieder entstanden, die auch heute noch 400 Jahre später Menschen begleiten, sie trösten und stärken." Es war keine bloße Moderation, sondern eine Einladung, diese vertrauten Texte neu zu entdecken.
Die Reise führte durch Kirchenjahr und Jahreszeiten, "durch Lokales und Instrumentales, durch Leises und Lautes, durch Fröhliches und Trauriges", wie die Sänger ankündigten. Diese Dramaturgie erwies sich als ebenso schlüssig wie abwechslungsreich. Immer wieder wechselten innige Choräle mit virtuosen instrumentalen Zwischenspielen, ruhige Momente mit rhythmischer Energie.
Kammermusik im Jazzclub
Gerade hier zeigte sich die außergewöhnliche Klasse des Ensembles Spark. Die fünf Musiker, die sich selbst augenzwinkernd als "klassische Band" bezeichnen, begeisterten mit einer kaum enden wollenden Palette an Klangfarben. Blockflöten verschiedenster Größen, Melodica, Violine, Violoncello und Klavier verschmolzen zu einem farbenreichen Ganzen, das stilistische Grenzen mühelos überwand. Mal erinnerte das Spiel an feinste Kammermusik, dann wieder an Jazzclubs oder an improvisierte Folkmusik, ehe plötzlich barocke Transparenz den Raum erfüllte.
Diese stilistische Beweglichkeit wirkte niemals aufgesetzt. Vielmehr schien jede neue Klangfarbe organisch aus der Musik herauszuwachsen. Jazzharmonien, bluesige Wendungen und rhythmische Patterns ergänzten die vertrauten Melodien, ohne ihnen ihren Charakter zu nehmen. Im Gegenteil: Die bekannten Texte Paul Gerhardts gewannen dadurch eine ungeahnte Frische und unmittelbare Ausdruckskraft.
Eindrucksvoll war dabei auch die Leistung des Windsbacher Knabenchors. Die Sänger bewiesen einmal mehr jene enorme Wandlungsfähigkeit, für die das Ensemble seit Jahrzehnten geschätzt wird. Mit glasklarer Intonation und bemerkenswerter Textverständlichkeit meisterten sie nicht nur die traditionellen Choralsätze, sondern wechselten ebenso selbstverständlich in rhythmisch geprägte Passagen. Klatschen, Körperpercussion und präzise choreografierte Bewegungen gehörten ebenso selbstverständlich zum musikalischen Ausdruck wie fein ausgehörte Pianissimi oder kraftvolle Tutti-Passagen.
Gerade diese Verbindung aus höchster musikalischer Präzision und sichtbarer Spielfreude machte den besonderen Reiz des Nachmittags aus. Die Sänger wirkten nie geschniegelt oder akademisch, sondern präsentierten sich als junge Musiker, die Freude daran haben, Bekanntes neu zu entdecken.
Auch Daniel Koschitzki, Blockflötist und Melodicaspieler von Spark, schilderte die Entstehung der Zusammenarbeit. Besonders eindrucksvoll sei für ihn der Besuch in Windsbach gewesen. Entscheidend sei dabei weniger die beeindruckende Kulisse gewesen als vielmehr die Atmosphäre. "Wir haben gemerkt, dass uns das Herz dieses Ortes durch und durch geht."
Weihnachtslieder im Hochsommer
Besonders gelungen war der dramaturgische Aufbau des Programms. Von sommerlicher Leichtigkeit führte der Weg über Herbst und Advent bis in die Weihnachtszeit. Ein Sänger kündigte den winterlichen Abschnitt mit Klassikern wie "Wie soll ich dich empfangen" und "Ich steh an deiner Krippen hier" an. Selbst diese vielfach gehörten Choräle klangen durch die fantasievollen Arrangements überraschend neu. Wo sonst reine Satzkunst dominiert, entstanden plötzlich feine jazzige Harmonien, tänzerische Rhythmen oder schwebende Klangflächen, ohne dass die geistliche Tiefe der Lieder verloren gegangen wäre.
Ein besonderes Vergnügen bereitete auch Hans Leo Haßlers "Tanzen und Springen", dessen tänzerische Leichtigkeit Chor wie Publikum gleichermaßen mitriss. Hier zeigte sich eindrucksvoll, wie selbstverständlich historische Musik auch heute noch Lebensfreude vermitteln kann.
Den Höhepunkt bildete schließlich der Blick in die Gegenwart. Den Künstlern sei es ein Anliegen gewesen, Gerhardts Worten "eine neue Dimension zu verleihen, auf dass sie wieder gehört und verstanden werden". Deshalb erhielt der Filmmusikkomponist David Reichelt – unter anderem bekannt durch seine Arbeiten für den "Tatort" – den Auftrag, aus sämtlichen 139 erhaltenen Gerhardt-Texten ein neues Werk zu entwickeln. Entstanden ist "Von Freude getragen", das erst Anfang dieses Jahres vollendet wurde. Bekannte Verse begegneten darin bislang nie vertonten Texten, neue Melodien verbanden sich mit jahrhundertealten Worten.
Barocke Klänge in St. Martha
Nach diesem ebenso unterhaltsamen wie mitreißenden Ausflug durch vier Jahrhunderte Kirchenmusik änderte sich am Abend die Atmosphäre grundlegend. Nur wenige Gehminuten entfernt erwartete das Publikum in St. Martha ein Programm, das ganz auf die konzentrierte Kraft barocker Vokalmusik setzte. Wo zuvor rhythmische Raffinesse, überraschende Arrangements und stilistische Grenzgänge dominierten, standen nun Transparenz, historische Aufführungspraxis und die stille Schönheit der geistlichen Musik im Mittelpunkt.
Für die Münchner Organistin, Dirigentin und Cembalistin Johanna Soller war es zugleich das Debüt beim Musikfest ION. Gemeinsam mit ihrer Capella Sollertia stellte sie ein Programm vor, das bewusst den Blick auf einen Komponisten richtete, der selbst unter Kennern nur selten im Konzertsaal zu erleben ist: Johann Ludwig Bach. Der Vetter Johann Sebastian Bachs gehörte zur weit verzweigten Musikerfamilie der Bachs und schuf ein umfangreiches Kantatenwerk, das heute weitgehend im Schatten seines berühmteren Verwandten steht. Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass Johann Sebastian Bach diese Werke im Jahr 1726 mehrfach in Leipzig aufführte – ein Zeichen der hohen Wertschätzung, die er ihnen entgegenbrachte. Das Konzert griff genau diesen historischen Zusammenhang auf und machte ihn musikalisch erfahrbar.
Die Melodien flossen, der Schweiß auch
Bereits die erste Kantate "Darum will ich auch erwählen" (JLB 3) eröffnete den Abend mit einer eindrucksvollen Mischung aus dramatischer Ausdruckskraft und feinsinniger Klangrede. Soller ließ Chor und Instrumentalisten ausgesprochen schlank musizieren. Nichts wirkte schwer oder pathetisch; vielmehr entwickelte sich aus den klar konturierten Linien eine große innere Spannung. Besonders die Rezitative erhielten durch die präzise Sprachbehandlung eine fast erzählerische Qualität, während die Arien mit großer Natürlichkeit flossen.
Auch "Gott ist unser Zuversicht" (JLB 1) überzeugte durch seine kluge Dramaturgie. Die fein abgestuften Wechsel zwischen Chor, Solisten und Instrumentalisten verliehen der Kantate eine bemerkenswerte Lebendigkeit. Immer wieder gelang es Soller, den Spannungsbogen über längere musikalische Entwicklungen hinweg zu halten, ohne jemals Effekte zu suchen. Stattdessen vertraute sie ganz auf die Ausdruckskraft der Musik selbst. Gerade dadurch entfalteten die Werke eine eindringliche Wirkung, die erkennen ließ, weshalb Johann Sebastian Bach sie einst für seine Leipziger Gottesdienste auswählte.
Zwischen den groß angelegten Kantaten setzte Andreas Hammerschmidts "Aria à 5" in a-Moll einen bewusst ruhigen Gegenpol. Das Instrumentalstück wirkte wie ein Moment des Innehaltens. Mit großer klanglicher Feinheit ließ das Ensemble die ineinander verwobenen Stimmen atmen und schuf eine beinahe meditative Atmosphäre, die den Raum von St. Martha vollständig erfüllte. Die hervorragende Akustik der Kirche erwies sich dabei einmal mehr als idealer Resonanzraum für diese Musik. Jeder Einsatz, jede Gegenstimme und jede harmonische Wendung blieben bis in die hintersten Reihen plastisch hörbar, ohne jemals analytisch oder kühl zu wirken.
"Jesu, meine Freude"
Den eigentlichen Mittelpunkt des Konzerts bildete jedoch Johann Sebastian Bachs Motette "Jesu, meine Freude" BWV 227. Dieses Werk zählt zu den anspruchsvollsten geistlichen Chorwerken des Thomaskantors und verlangt von den Ausführenden höchste Präzision ebenso wie große Ausdruckskraft. Die Capella Sollertia meisterte diese Herausforderung mit beeindruckender Souveränität.
Schon der eröffnende Choral entwickelte jene ruhige Innigkeit, die den weiteren Verlauf bestimmte. Die fünfstimmige Anlage des Werkes blieb jederzeit transparent, die Stimmen verschmolzen zu einem homogenen Gesamtklang, ohne ihre Eigenständigkeit einzubüßen. Besonders in den fugierten Abschnitten überzeugte der Chor durch bemerkenswerte Klarheit. Jede Stimme behielt ihr eigenes Profil, zugleich entstand jene dichte Polyphonie, die Bachs Motette zu einem Höhepunkt protestantischer Kirchenmusik macht.
Mindestens ebenso eindrucksvoll war die Textverständlichkeit. Obwohl Bach mit komplexesten kontrapunktischen Mitteln arbeitet, blieb jedes Wort nachvollziehbar. Soller gelang das Kunststück, musikalische Präzision und sprachliche Aussagekraft in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Die berühmten Choräle wirkten dadurch nicht wie historisches Kulturgut, sondern wie unmittelbar gesungene Glaubensbekenntnisse.
Musikalische Erfahrung von Leid und Hoffnung
Mit der abschließenden Kantate "Die mit Tränen säen" (JLB 8) schloss sich schließlich der Kreis des Programms. Das Werk verbindet eindrucksvoll die Erfahrung von Leid und Hoffnung und mündet in eine Zuversicht, die den gesamten Abend prägte. Chor und Instrumentalisten gestalteten diesen Schluss mit großer Ruhe und zugleich spürbarer Intensität. Gerade in den letzten Chorpassagen zeigte sich noch einmal die hohe Qualität des Ensembles: ausgewogene Stimmgruppen, sichere Intonation und eine bemerkenswerte Homogenität ließen den Klang beinahe schwerelos erscheinen.
So unterschiedlich beide Konzerte dieses Sonntags auch waren – sie ergänzten sich auf bemerkenswerte Weise. Der Windsbacher Knabenchor und Spark zeigten am Nachmittag, wie kreativ und selbstverständlich sich jahrhundertealte Kirchenlieder mit den Klangwelten des 21. Jahrhunderts verbinden lassen. Johanna Soller und die Capella Sollertia führten am Abend eindrucksvoll vor Augen, welche Schätze in der historisch informierten Aufführungspraxis und im Repertoire jenseits der bekannten Meisterwerke verborgen liegen.
Gerade diese programmatische Vielfalt macht die besondere Stärke des Musikfests ION aus. Im 75. Jahr seines Bestehens beschränkt sich das Festival nicht darauf, musikalisches Erbe zu bewahren. Es versteht sich vielmehr als Ort der Neugier und der Begegnung – zwischen Epochen, Stilen und Interpretationsansätzen. Am zweiten von drei Festivalsonntagen wurde dies eindrucksvoll hörbar: mit einem ebenso mutigen wie fantasievollen Brückenschlag zwischen barocker Dichtung und zeitgenössischen Arrangements am Nachmittag und einer formvollendeten Reise in die Welt des mitteldeutschen Barock am Abend.