Wenn das Musikfest ION vom 19. Juni bis 5. Juli 2026 seinen 75. Geburtstag feiert, schwingt bei Intendant Moritz Puschke mehr mit als bloße Feststimmung. Es ist, wie er sagt, "fast Ehrfurcht vor diesem Ding". Ein Festival, 1951 gegründet – in einer zerstörten Stadt, in einem moralisch und politisch zerrütteten Land. "Die waren unfassbar mutig", sagt Puschke über die Gründer. "In dieser Trümmerstadt Nürnberg ein Festival zu erfinden – das rührt mich total."

Die Geschichte der ION ist für ihn keine ferne Vergangenheit, sondern ein Spiegel der Gegenwart. Damals wie heute gehe es um Verständigung, um Sprachfähigkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt. "Die Themen sind erschreckend aktuell", sagt er mit Blick auf Kriege, gesellschaftliche Spannungen und Verunsicherung.

"Viele Menschen suchen sehnsüchtig nach friedlicher Erfahrung."

Die Konzerte seien deshalb mehr als bloße Kulturangebote: "Es gibt einen Überbau, ja: eine Idee, die größer ist als das reine Konzert."

Programm wie ein Apothekerschrank

Das Jubiläumsprogramm beschreibt Puschke mit einem ungewöhnlichen Bild: "Das ist wie ein Apothekerschrank." Viele einzelne Fächer, viele Angebote – für unterschiedliche Bedürfnisse. "Jeder kann andocken, jeder findet etwas für sich. Und es tut gut."

Dabei reicht die Spannbreite von klassischen Säulenwerken bis zu experimentellen Formaten. Ein Beispiel für Letzteres ist der Auftritt des Stegreif-Orchesters in St. Sebald, das Ludwig van Beethovens "Eroica" neu denkt. "Die improvisieren, bewegen sich im Raum, entwickeln das Stück vor Ort weiter", sagt Puschke.

"Ob das in der Kirche funktioniert – darauf bin ich extrem gespannt."

Gerade dieses Risiko mache den Reiz aus: "Ich finde es großartig und im besten Sinne herausfordernd, wenn ein Stück noch nicht fertig ist, wenn es nach Nürnberg kommt." Am anderen Ende des Spektrums steht ein Werk wie die "h-Moll-Messe" von Johann Sebastian Bach, die das Festival beschließt – interpretiert vom RIAS Kammerchor Berlin und der Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung von Justin Doyle. Für Puschke ist das kein Widerspruch, sondern essenziell: "Das Bekannte gehört genauso zur ION wie frische Experimente."

Solche Gipfelwerke seien Fixpunkte – musikalische wie emotionale. "Das ist wie ein Bäcker, der jeden Tag sein Brot backt", sagt er. Gerade im Jubiläumsjahr gehe es auch darum, Verlässlichkeit zu bieten: "Eine große Party funktioniert dann am besten, wenn viele Leute kommen und sich wiederfinden."

Auffällig ist: Viele Konzerte werden mehrfach gespielt – statt einmal groß, etwa in der Meistersingerhalle. "Wirtschaftlich ist das eigentlich totaler Schrott", sagt Puschke offen. Künstlerhonorare vervielfachen sich, die Räume bleiben vergleichsweise klein.

Und doch hält er daran fest. "Diese Nähe ist existenziell", sagt er. "Die Leute erleben das intensiver als in einer großen Halle." Es gehe nicht um maximale Auslastung oder Gewinn, sondern um Wirkung: "Was hängen bleibt, ist die Erfahrung – der direkte Austausch." Diese Haltung speist sich aus der besonderen Struktur des Musikfests ION: Anders als viele Festivals finanziert es sich heute zu über der Hälfte aus Ticketverkäufen, während kirchliche Zuschüsse nur eine minimale Rolle spielen. "Wir sind eine freie Stiftung", sagt Puschke. Das eröffnet Handlungsspielräume – und verpflichtet zugleich. "Wir müssen uns am Markt behaupten." Gerade darin liegt für ihn eine Chance: "Diese Unabhängigkeit ermöglicht es uns, uns zu öffnen – auch im Programm."

Spirituelle Erfahrung auch bei Popmusik

Der Begriff "musica sacra" wird bei der ION bewusst weit gefasst. Für Puschke ist geistliche Musik nicht auf klassische Kirchenwerke beschränkt. "Eine spirituelle Erfahrung kann auch bei Popmusik entstehen", sagt er – und nennt Beispiele von Wolfgang Niedecken bis Iron Maiden. Gerade in einer Stadt wie Nürnberg, in der mehr als die Hälfte der Menschen keiner oder keiner christlichen Religion angehört, müsse sich das Festival öffnen: "Warum bilden wir andere religiöse Traditionen noch nicht stärker ab?" Diese Frage wolle er künftig intensiver angehen.

Ein zentrales Beispiel für diese Öffnung sind die George-Harrison-Nächte mit Stefanie Hempel und Inga Rumpf. Für Puschke ist George Harrison mehr als ein Popstar:

"Diese indische, mystische Dimension – das ist zutiefst spirituell."

Dass sich rund um diese Konzerte ein kreatives Netzwerk entwickelt – Musiker bringen Freunde mit, Projekte wachsen organisch –, ist für ihn ein Idealzustand: "Wenn sich rumspricht, dass es in Nürnberg Spaß macht zu spielen – dann haben wir alles richtig gemacht."

Auch hinter den Kulissen hat sich viel verändert. Puschke kam 2019 als künstlerischer Leiter auf Honorarbasis, heute trägt er als geschäftsführender Intendant die Gesamtverantwortung. "Ich habe hier quasi nebenher angefangen", sagt er. "Jetzt verantworte ich Programm, Personal und Finanzen." Das Team ist gewachsen, professioneller geworden – und zugleich bewusst klein geblieben. "Beim Wachsen muss man aufpassen, dass alle beieinanderbleiben", sagt Puschke. Die Mischung aus Erfahrung und neuen Impulsen sei entscheidend.

Ein weiteres Wachstum im klassischen Sinn – mehr Konzerte, größere Säle – lehnt Puschke ab. "Ich will nicht mehr Umsatz um jeden Preis", sagt er. Stattdessen gehe es um Tiefe: "Mehr Beziehung zum Publikum, mehr echte Kommunikation." Das entspricht auch dem Geist der Anfänge. Damals wie heute geht es darum, Räume zu schaffen – für Musik, für Begegnung, für Verständigung. "Wir bleiben im Dialog", sagt Puschke. "Das ist das Entscheidende."

Das internationale Festival für geistliche Musik umfasst etwa 30 Konzerte in Nürnberger Kirchen und besonderen Spielstätten. Einzelne Konzerte sind schon ausverkauft. Tickets sind online unter ion.reservix.de/events erhältlich.

 

ION-Stiftungsvorsitzender Joachim Pietzcker über die finanzielle Seite des Musikfests

Joachim Pietzcker
Joachim Pietzcker.

Als Vorstandsvorsitzender der Stiftung "Internationale Orgelwoche Nürnberg – Musica Sacra" gehört Joachim Pietzcker zur organisatorischen und strategischen Leitung des Festivals. Im Gespräch blickt er auf die wirtschaftlichen Aspekte des Musikfests ION.

Herr Pietzcker, mittlerweile finanziert sich die ION zu über 50 Prozent über die Einnahmen aus dem Ticketverkauf. Um mal einen Eindruck zu erhalten: Wie steht das Musikfest hier im Vergleich zu anderen Festivals in Bayern oder der weiteren Region da?

Joachim Pietzcker: 50 Prozent der Finanzierung aus Ticketeinnahmen ist ein Spitzenwert im Vergleich der bayerischen Musikfestivals. Das ist natürlich nur möglich, weil wir bei unserem Publikum sehr gefragt sind. Unsere Auslastung liegt seit einer Reihe von Jahren schon konstant über 90 Prozent. Häufig liegen die Ticketeinnahmen für Festivals klassischer Musik bei 25 bis 30 Prozent. Die ION ist in der Stadtgesellschaft Nürnbergs stark verwurzelt. Das kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass wir sehr verlässlich auf private Förderer setzen können – und insgesamt nur zu weniger als einem Viertel aus öffentlichen Kassen finanziert werden.

Die bayerische Landeskirche hat ihren finanziellen Beitrag immer weiter zurückgefahren. Wie abhängig ist die ION noch von deren wirtschaftlicher Gunst, und wie beurteilen Sie dies im Sinne der kirchlichen Kulturförderung?

Der Anteil der Finanzierung durch die bayerische Landeskirche und ihre Gemeinden in Nürnberg spielt keine entscheidende Rolle mehr, er liegt bei nur noch einem Prozent unseres Budgets. Dennoch sind wir ein Festival, das stark auf die Partnerschaft der Kirchen setzt. 75 Jahre ION ohne die Kirchen wären niemals möglich gewesen. Auch wenn wir den finanziellen Rückzug insbesondere der Nürnberger Kirchengemeinden kulturpolitisch bedauern, begrüßen wir es sehr, wenn auch seitens der Kirchen die Zusammenarbeit mit der ION als eine Kooperation gesehen wird, in die die Kirchen ihre einzigartigen Räumlichkeiten einbringen und mit uns durch gute Öffentlichkeitsarbeit sichtbar werden.

Inwieweit könnte ein Stiftungsmodell auch etwas für andere kulturelle Einrichtungen der Landeskirche sein?

Das Stiftungsmodell ermöglicht es, bei grundsätzlich klaren Strukturen in der Führung die Finanzierung auf mehrere Schultern zu verteilen. Nicht nur der Träger finanziert, sondern auch der Staat, private Geldgeber und der Markt können sich beteiligen, wenn sie das kulturelle Anliegen der Einrichtung teilen. Dadurch wird der Träger entlastet beziehungsweise werden "größere" Sprünge möglich, als sie ein einzelner Träger realisieren könnte. Aber eine Stiftung ist nicht per se der bessere Weg. Sie bietet große Chancen nur dann, wenn Profil, Qualität und Führung stimmen und sich auf die ständigen gesellschaftlichen Veränderungen ausrichten.