Unter dem Titel "Sounds of Hollywood" erklangen beim Würzburger Mozartfest Melodien aus der Traumfabrik – ein Abend zwischen Filmmusik, Klassik und großen Emotionen.
Eigentlich gehört zu einem perfekten Kinoabend ein angenehm klimatisierter Saal, ein bequemer Sessel, dazu Popcorn und ein kühles Getränk. Nichts davon gab es an diesem hochsommerlichen Abend im Kaisersaal der Würzburger Residenz. Bei Temperaturen um die 30 Grad ließ sich das UNESCO-Weltkulturerbe verständlicherweise nicht kurzerhand mit Klimageräten ausrüsten. Dennoch hätte der Gegensatz kaum größer sein können: Statt im Multiplex saß das Publikum zwischen den prachtvollen Fresken und vergoldeten Verzierungen des barocken Kaisersaals – und erlebte dort tatsächlich ganz großes Kino.
Mit seinem Programm "Sounds of Hollywood" bewies der Hamburger Pianist Sebastian Knauer eindrucksvoll, dass Filmmusik längst ihren festen Platz im Konzertsaal verdient hat. Gemeinsam mit dem Bayerischen Kammerorchester Bad Brückenau spannte er einen gut zweistündigen musikalischen Bogen durch die Geschichte Hollywoods. Dabei erklangen Melodien, die zusammen auf 22 Oscars zurückblicken können – Musik, die Generationen von Kinobesuchern geprägt hat und deren emotionale Kraft auch ohne Leinwand unmittelbar wirkt.
Knauer führte als Moderator mit viel Charme und persönlichem Witz durch den Abend. Seine kurzen Einführungen gerieten nie belehrend, sondern machten Lust darauf, den Geschichten hinter den Kompositionen zuzuhören. Vor allem vermittelte er seine tiefe Überzeugung, dass Filmmusik weit mehr ist als bloße Begleitung bewegter Bilder. Ohne Musik funktioniere ein Film oft nicht mehr, erklärte er – und genau diesen Beweis trat das Konzert eindrucksvoll an.
Zusammenarbeit mit Hollywood-Legenden
Eine besondere Leistung des Projekts bestand darin, dass zahlreiche Arrangements überhaupt erst für dieses Programm entstanden waren. Gemeinsam mit David Newman, Sohn der Hollywood-Legende Alfred Newman, übertrug Knauer monumentale Filmmusiken, die ursprünglich für riesige Orchester geschrieben wurden, auf die Besetzung eines Kammerorchesters. Das war weit mehr als eine bloße Reduktion. Die Bearbeitungen eröffneten neue Perspektiven auf bekannte Melodien und ließen feine Strukturen hervortreten, die im großen orchestralen Klangrausch häufig untergehen. Dass das Würzburger Publikum viele dieser Fassungen als Uraufführungen erleben durfte, verlieh dem Abend zusätzlichen Reiz.
Das Bayerische Kammerorchester Bad Brückenau meisterte diese anspruchsvollen Arrangements mit bemerkenswerter Präzision und großer Spielfreude. Transparenz, Homogenität und klangliche Flexibilität zeichneten den Orchesterklang aus. Besonders beeindruckend war dabei Sebastian Knauer nicht nur als Pianist, sondern ebenso als Dirigent. Sein Dirigat wirkte niemals effekthascherisch. Mit sparsamen, präzisen Gesten hielt er das Ensemble sicher zusammen, gestaltete Übergänge organisch und ließ den Musikern zugleich genügend Freiraum für feine Nuancierungen. Gerade in den lyrischen Momenten entwickelte sich daraus eine bemerkenswerte musikalische Geschlossenheit.
Den unbestrittenen Höhepunkt des Abends bildete George Gershwins "Rhapsody in Blue". Hier zeigte Sebastian Knauer eine außerordentliche Virtuosität, gepaart mit einer mitreißenden Verve, die das Publikum förmlich in den Bann zog. Mit scheinbarer Leichtigkeit meisterte er die pianistischen Höchstschwierigkeiten, ließ jazzige Rhythmen federnd pulsieren und kostete zugleich die lyrischen Passagen mit feinem Gespür aus. Tatsächlich schien man kaum zu vermissen, dass hier kein großes Sinfonieorchester spielte. Knauer ließ sein Instrument zeitweise wie ein ganzes Ensemble klingen und bestätigte eindrucksvoll seinen Ruf als ausgewiesener Gershwin-Interpret.
Von "Platoon" bis "Indiana Jones"
Auch das übrige Programm bot zahlreiche Glanzlichter. Alfred Newmans monumentale Klangsprache, James Horners gefühlvolle Melodien, Jerry Goldsmiths Eleganz oder John Williams' Abenteuerklänge entfalteten im historischen Ambiente eine ganz eigene Wirkung. Besonders berührend geriet Samuel Barbers "Adagio for Strings", dessen enge Verbindung zu Oliver Stones Platoon unweigerlich Erinnerungen an die berühmten Filmszenen wachrief.
Nicht jede Bearbeitung erreichte allerdings dieselbe Überzeugungskraft. Gerade in einigen der breit ausgesponnenen romantischen Passagen zeigte sich auch die Kehrseite eines reinen Filmmusikkonzerts ohne Film. Doch dieser kleine Einwand tat dem Gesamteindruck erstaunlich wenig Abbruch. Im Gegenteil: Gerade der prächtige Kaisersaal bot genügend Anregungen für die Fantasie. Während die Musik erklang, konnten die Besucher ihren Blick über die opulenten Deckengemälde, vergoldeten Ornamente und historischen Wanddekorationen schweifen lassen. Wer keine Filmszenen vor Augen hatte, schuf sich eben seine eigenen. Die prachtvolle Architektur wurde zur Leinwand der Vorstellungskraft, auf der jeder Zuhörer seinen ganz persönlichen Film entstehen ließ.
Besonders gelungen war dabei die dramaturgische Anlage des Programms. Knauer verzichtete bewusst auf eine bloße Aneinanderreihung berühmter Filmmelodien. Stattdessen erzählte er Geschichten über die Komponisten, über Hollywood und insbesondere über die außergewöhnliche Newman-Dynastie, deren Einfluss auf die amerikanische Filmmusik kaum zu überschätzen ist. Dadurch erhielt der Abend einen roten Faden, der weit über nostalgische Wiedererkennung hinausging.
Die abschließende "Venice Suite" führte schließlich noch einmal eindrucksvoll vor Augen, wie unterschiedlich Filmmusik Stimmungen erzeugen kann – von romantischer Lagunenatmosphäre über James Bonds elegante Spannung bis hin zur atemlosen Verfolgungsjagd aus Indiana Jones und der letzte Kreuzzug. Das Bayerische Kammerorchester spielte diese stilistischen Wechsel mit hörbarer Freude und hoher Präzision.
So endete ein Konzert, das eindrucksvoll zeigte, wie selbstverständlich Filmmusik heute neben der klassischen Konzertliteratur bestehen kann. Sebastian Knauer überzeugte gleichermaßen als brillanter Pianist, sensibler Dirigent und kenntnisreicher Moderator. Seine Leidenschaft für dieses Repertoire übertrug sich mühelos auf das Publikum. Trotz sommerlicher Hitze verließ kaum jemand den Kaisersaal vorzeitig. Stattdessen spendeten die Zuhörer lang anhaltenden Beifall für einen Abend, der bewies, dass große Gefühle nicht zwingend eine Kinoleinwand benötigen – manchmal genügt ein historischer Saal, ein exzellentes Orchester und Musik, die seit Jahrzehnten Millionen Menschen bewegt. Es war, im besten Sinne des Wortes, ganz großes Kino.