Im spärlich beleuchteten Hotelzimmer ringt Haftbefehl, bürgerlich Aykut Anhan, allein mit seiner dunklen Seite. Die Kameraleute wollen gehen, doch er besteht darauf, dass die Aufnahme weiterläuft. Aus dem Off sind seine Worte zu hören: "Raus! Raus, ihr Hurensöhne! Bitte, Allah, vernichte diese Dämonen."
Die Dokumentation "Babo" ist derzeit die meistgesehene Sendung auf Netflix. Sie zeigt den Frankfurter Rapper nicht als Star, sondern als Mensch zwischen Ruhm, innerem Chaos und Drogensucht. Für ihre Ehrlichkeit und Authentizität wird sie von vielen gelobt: Anstatt des verklärten Bildes eines Stars bekomme man hier den echten Menschen mit echten Problemen zu sehen.
Haftbefehl: Einzigartiger Künstler
Ich habe den Rapper Haftbefehl seit Beginn seiner Karriere verfolgt und liebe seine Musik. Seine Rap-Sprache ist einzigartig: Er mischt Deutsch mit Begriffen aus dem Kurdischen, dem Arabischen, dem Türkischen, dem Jiddischen sowie diversen Sprachen vom Balkan. Das kriminelle Leben auf der Straße hat er in seinen Texten nie beschönigt oder verherrlicht, sondern immer schonungslos dessen Schattenseiten aufgezeigt.
Aykut Anhan hat in Deutschland aufgewachsenen Jugendlichen, deren Eltern oder Großeltern aus der Türkei, dem Irak, dem Iran, dem Libanon, Palästina, Syrien, Bosnien, Albanien, Serbien, Polen oder Griechenland stammen, eine Stimme gegeben. Deutsche Diskurse drehen sich oft um sie, aber selbst teilnehmen dürfen sie nur selten.
Das Feuilleton hat sich früh für ihn interessiert. Vermutlich konnte es nicht anders. Es konnte nicht ignorieren, mit wie viel Druck, aber auch Poesie hier eine laute Stimme aus den Wohnvierteln berichtet, die die meisten Redakteur:innen wohl nur aus den boulevardesk überdrehten "Spiegel TV"-Dokus kannten und kennen.
In letzter Zeit wurde immer deutlicher, dass der Künstler ein Drogenproblem hat. Das wurde besonders offensichtlich, als Anhan 2022 bei einem Auftritt in Mannheim völlig zugedröhnt auf der Bühne zusammenbrach. Die Dokumentation "Babo" zeigt diese Szene in voller Länge. Wir sehen einen Menschen, der keine Kontrolle mehr über sich hat; einen tragischen Star, der von seiner Sucht aufgefressen wird.
"Babo": Die Kamera hält schonungslos drauf
Es gibt noch schlimmere Bilder in "Babo" zu sehen. Die Kamera ist immer dabei und hält schonungslos drauf, während Haftbefehl sich selbst zerstört. Wenn es keine Originalaufnahmen gibt, wie von Anhans Suizidversuch, dann wird die Szene eben nachgestellt.
Ja, richtig gelesen: Suizidversuch. Die Doku lässt nichts aus, sie erspart uns nichts. Sie holt Anhans engste Familie, seine Frau, seinen Bruder und seine Freunde vor die Kamera. "Babo" bietet sehr intime und intensive Einblicke – allerdings ausschließlich in einen einzigen Aspekt von Anhans Leben: seinen Absturz.
Zwar zieht mich die Doku anfangs in ihren Bann, doch mit der Zeit kommen mir zunehmende Zweifel. Zunächst einmal ist sie sehr reißerisch gefilmt. Schnelle Schnitte, dramatische Musik, schockierende Bilder. Eine Ästhetik, die betont rau und hart wirken möchte, in ihrer Aufdringlichkeit aber letztlich glatt und oberflächlich bleibt.
Dadurch wirkt "Babo" sehr voyeuristisch. Einerseits löst der Film viele Gefühle aus: Mitgefühl, Trauer und Wut. Andererseits zeigt er kaum Interesse an Aykut Anhan als Mensch. Hier wird lediglich der Absturz einer berühmten und erfolgreichen Person inszeniert.
So viele Fragen werden nicht gestellt
Alles andere kommt in der Doku nicht oder nur am Rande vor. Dabei gäbe es so viel: Zuallererst Haftbefehls Musik. Sein Talent, sein Flow, seine Texte. Nichts davon interessiert den Film. Auch die Hintergründe von Anhans Selbstzerstörung bleiben völlig im Dunkeln.
Der Schriftsteller Selim Özdogan hat in seiner Instagram-Story treffend zusammengefasst, welche interessanten Fragen der Film nicht stellt: "Welche Strukturen, Viertel und Bedingungen bringen solche Biografien hervor? (...) Was ist das Wesen einer Sucht? (...) Was meint er damit, wenn er sagt, Menschen seien tausendmal schlimmer als Kokain? Warum leben wir in einer Welt, in der Geld wie die Lösung der Probleme erscheint und sich in diesem Aspekt nicht vom Kokain unterscheidet? (...) Was hat seine Frau am Anfang in ihm gesehen?”
Das Problem ist, dass sich der Film überhaupt nicht für den Kontext interessiert, in dem ein Mensch so abstürzen kann, wie Haftbefehl es tut – trotz Reichtum und Ruhm. Er wagt sich nicht einmal an das Thema Migrationshintergrund heran. Dabei wäre dieser Hintergrund im Fall von Haftbefehl sehr interessant und könnte durchaus Bezüge zu seinem Suchtverhalten haben, wie der Autor Burak Yilmaz im Podcast "Brennpunkt" anmerkt.
Haftbefehls Familie stammt aus Dersim, einer überwiegend von Zaza-Kurden bewohnten Stadt in der Türkei. 1938 richtete die türkische Armee dort ein Massaker unter aufständischen Kurd:innen an und tötete Schätzungen zufolge zehn Prozent der Einwohner:innen. Erst 2011 entschuldigte sich die türkische Regierung dafür.
Wie Yilmaz zu Recht anmerkt, könnte eine solche traumatische Gewalterfahrung im Zusammenhang mit der auffällig hohen Suizidrate in der Familie Anhan stehen. Auf diese kommt Hafts Bruder Capo zu sprechen. Doch die Doku kümmert sich nicht um solche Detailfragen. Der Fokus bleibt stets auf der Geschichte vom Fall des einsamen Helden.
"Babo" wird weder dem Menschen noch dem Künstler gerecht
Haftbefehl ist ein absoluter Ausnahmekünstler. Über seine Person könnte man so viele Themen behandeln: Migration, Integration, Armut, Ausbeutung, Kriminalität, Kunst, Lyrik, Musik.
Doch die "Babo"-Doku möchte vor allem eins: schockieren. Das gelingt ihr, und das scheint auch das Geheimnis ihres Erfolgs zu sein. Auf Social Media kommentieren gediegene Mittvierziger: "Ist nicht meine Musik, aber die Doku holt mich voll ab." Mit anderen Worten: "Ich interessiere mich null für den Künstler oder gar den Menschen Aykut Anhan, aber echt krass, wie fertig der ist.”
Natürlich gibt es auch viele andere Reaktionen. Einige Zuschauer:innen zeigen Mitgefühl, anderen mag der Film als Warnung dienen. Doch weder dem Menschen Aykut Anhan noch dem Künstler Haftbefehl wird er auch nur annähernd gerecht.