Vince Gilligan, 1967 geborener US-Amerikaner, ist der Kopf hinter den Serien-Monumenten "Breaking Bad" (2008-2013) und "Better Call Saul" (2015-2022) – der Erfinder des von Publikum und Kritik zu Recht gefeierten "Heisenberg-Universums". Gilligan hat in beiden Serien mehr als ein Jahrzehnt lang mit finsterem Humor die Welt der Drogenkriminalität ausgeleuchtet. Mit Figuren wie dem krebskranken Chemielehrer Walter White und dem schmierigen Anwalt Saul Goodman hat er TV-Geschichte geschrieben und nebenher die kleine Großstadt Albuquerque in New Mexico auf die Bühne geholt.

Markenzeichen der Gilligan-Serien und einer der Gründe für ihren Erfolg: die intelligente Weise, in der sie große menschliche Fragen und ethische Dilemmata verhandeln – eingebettet in dramatische, mitunter blutige, oft grotesk zugespitzte Handlungsverläufe.

Unfähig zur Lüge?

Dieser geradezu philosophische Tiefgang (und Albuquerque als einer der Hauptschauplätze der Geschichte) zeichnet auch "Pluribus" aus. Doch nach der Welt der Drogen und des Verbrechens wendet sich Gilligan nun einem völlig neuen Genre zu: der Science-Fiction.

Der deutsche Untertitel "Glück ist ansteckend" verrät ganz gut, worum es geht. Forscher, die ins Weltall nach Zeichen von außerirdischer Intelligenz lauschen, fangen ein Radiosignal auf, das bald als DNS-Code entschlüsselt ist. Forscher bauen den Gencode nach – und handeln der Welt damit ein Virus ein, das in kürzester Zeit die ganze Menschheit infiziert. Was das Virus mit den befallenen Menschen macht? Es verbindet sie auf rätselhafte Weise zu einem großen kollektiven Bewusstsein, der großen Verbindung, einem gewaltigen "Wir der Menschheit" – und plötzlich scheinen Weltfrieden, allgemeines Glück, die Herrschaft von Liebe und Fürsorge vom Traum zur Wirklichkeit geworden.

Nur 13 Menschen auf der Erde erweisen sich immun gegen das Virus. Eine von ihnen ist die Fantasy-Autorin Carol Sturka aus Albuquerque.

Rhea Seehorn als Carol Sturka
Allein und umringt vom großen Wir: Rhea Seehorn als Carol Sturka.

Schauspielerin Rhea Seehorn glänzte bereits in "Better Call Saul" als Anwältin Kim Wexler. Nun hat ihr Gilligan die Hauptrolle in "Pluribus" auf den Leib geschrieben. Vor dem Virus war Carol Sturka eine höchst erfolgreiche Autorin von eher mittel-guter Fantasyliteratur. Ihre Agentin ist heimlich ihre Lebensgefährtin; für den super-virilen Korsaren, den ihre Fantasy-Heldin anschmachtet, war das eigentliche Vorbild eine Frau. Was Carol schreibt, findet sie selbst nicht gut. Lieber würde sie Literatur mit mehr Substanz schreiben, aber die Schmonzetten ermöglichen ihr und ihrer Partnerin Helen ein Leben im Wohlstand. Zu Helen und ihrer gemeinsamen Liebe mag sie sich nicht öffentlich bekennen, weil sie mit ihrer heteronormativen Fantasy-Traumware viel Geld verdient. Das damit beglückte Publikum wollen beide auch nicht enttäuschen. Leider gehört Helen zu den paar Millionen Menschen weltweit, die die Infektion mit dem Kollektiv-Glücks-Virus nicht überleben.

Rhea Seehorns trauernde, einsame Carol stellt sich auf wunderbare Weise – missgelaunt und verzweifelt, sarkastisch und klug, entschlossen und unaufhaltsam neugierig – gegen die neue Realität der Menschheit. "Die unglücklichste Person der Welt versucht, die Welt vor dem Glück zu retten", sagt Serienschöpfer Gilligan.

Es gibt keine Individuen mehr

In der Menschheit des neuen "großen Wir" kann jeder jede Sprache sprechen, Kinder können Düsenflugzeuge fliegen, Lageristen komplexe neurochirurgische Eingriffe vornehmen. Es gibt keine Kriege mehr, denn diese Menschheit streitet nicht mehr, sie diskutiert nicht mal mehr (denn es gibt keine Individuen mehr) – ja: Sie schweigt, aber sie handelt synchron.

Selbstredend braucht es in dem großen Wir auch keine Wahlen, keine Demokratie mehr. Wo in der neuen großen "Kommunikationsgemeinschaft" alles eins ist, jeder einzelne Teil alles weiß, ist, was wir "kommunizieren" nennen, überflüssig geworden. Sprache ist der immer nur teilweise erfolgreiche Versuch, Brücken zu schlagen über die existenziellen Gräben, die uns Individuen voneinander trennen. Nur mit den wenigen immunen Menschen wie Carol spricht das große Wir noch.

Es ist freundlich bestrebt, den "Fehler" der Immunität der letzten 13 menschlichen Individuen zu "reparieren". Bis dahin zeigt es sich bestrebt, auch diese möglichst glücklich zu machen, ihnen jeden Wunsch zu erfüllen. Carol findet schnell heraus, nach welchen auf den ersten Blick großartig-humanen Regeln das große Wir tickt: Das Leben ist ihm heilig. Es kann nicht töten, Gewalt ausüben oder verletzen. Es kann keine Tiere töten und nicht einmal Pflanzen ihrer Früchte berauben. Es respektiert den Lebenswillen jedes Wesens – auch der nicht assimilierten Menschen. Und: Es kann nicht lügen.

Demokratie ist überflüssig

Auf dieser Spur macht sich Carol daran, Wege zu finden, wie vielleicht doch wieder alles so werden könnte, wie wir die Welt kennen. Doch die erste Versammlung der Immunen endet im Desaster. "Vielleicht habe ich Ihre Filme nicht gesehen, aber für mich fühlt sich das nicht an wie Apokalypse", sagt Koumba Diabaté (Samba Schutte), einer der anderen Übriggebliebenen. Er nützt die Freundlichkeit des "Wir" zu hemmungslosem Hedonismus. Mit der US-Präsidentenmaschine lässt er sich durch die Welt fliegen, begleitet von Supermodels, die seine Lüste mit Freude befriedigen, er residiert in der glitzernden Scheinwelt des Luxus von Las Vegas. Doch an einem entfernten Ende der Welt, in Paraguay, gibt es noch einen anderen "Immunen", der sich der freundlichen Vereinnahmung noch entschlossener als Carol widersetzt.

Schauplatz von "Pluribus"
Schauplatz von "Pluribus" ist wie beim "Heisenberg-Universum" Albuquerque in New Mexico. Damit nicht wieder Scharen von Filmtouristen aus aller Welt die Drehorte heimsuchen, wie das Haus von Lehrer-Drogendealer Walter White aus "Breaking Bad", wurden gleich mehrere Häuser um den Platz herum errichtet, an dem sich das Haus der Bestsellerautorin Carol Sturka befindet.

Was Pluribus unterhaltsam und mit leichter Hand, mit überraschenden Bildern und großartiger Filmmusik (Dave Porter) vorführt, wirkt wie eine augenzwinkernde Umkehrung des Science-Fiction-Horror-Klassikers "Die Körperfresser kommen" (Invasion of the Body Snatchers) aus dem Jahr 1978. Donald Sutherland wehrte sich darin vergebens gegen die Übernahme der Menschheit gegen eine gefühllose parasitäre außerirdische Lebensform. Ein weiterer Klassiker des Genres, den Pluribus zitiert, ist "Soylent Green" aus dem Jahr 1973 (Jahr 2022 ... die überleben wollen). An die Kollektiv-Existenz der "Borg" aus dem Star-Trek-Universum darf man ebenfalls denken, aber auch die kommt aggressiv daher. 

Wappenmotto der USA

Der lateinische Titel der Serie ist dem Wappenmotto aus dem Siegel der Vereinigten Staaten entnommen: "E pluribus unum – aus vielen eins". Dieser Satz ist auch auf den meisten US-Münzen zu finden, zum Beispiel auf dem Rand des 1-Dollar-Stücks. Die englische Übersetzung "Out of many, one" lässt sich aber nicht nur bezogen auf die Union der vielen Staaten verstehen, aus denen die USA bestehen. Das Motto besteht aus 13 Buchstaben, der Zahl der Gründerstaaten der USA, und geht auch auf deren Gründungsjahr 1776 zurück. Es lässt sich aber auch auf die Präsidentenwahl gemünzt lesen: "aus vielen einer".

Wie verhalten sich Individualismus und Gemeinsinn zueinander? Das Recht des Einzelnen und der Schutz des Wir? Das ist eine Grundfrage aufgeklärter, demokratischer Gesellschaften.
Das Ziel einer "more perfect Union", einer kontinuierlichen Vertiefung der Einheit, steht in der Präambel der US-Verfassung. US-Präsident Barack Obama hat diesen Satz bei seiner Reformpolitik immer wieder beschworen. Dem Spalter Donald Trump scheint er dagegen reichlich egal.

Alle Menschen sind eins geworden. Aber sind sie dann noch Menschen? 

Was die DNS aus dem Weltall mit der Menschheit gemacht hat, ist die perfekteste Union, die denkbar ist: Alle Menschen sind eins geworden. Aber sind sie dann noch Menschen? 
Viele sehen in Gilligans neuer Serie eine Parabel auf die KI-Zukunft der Menschheit. Doch als vor acht Jahren die Arbeit an dem Projekt begann, war das Thema künstliche Intelligenz noch wenig im Bewusstsein, auch bei Vince Gilligan nicht, wie er selbst bekannt hat. Ihm geht es um die Frage, ob es ein Recht auf (auch missgelaunte) Dissidenz gibt. Darauf, sich dem kollektiven Guten zu entziehen oder gar zu widersetzen. Vor dem Hintergrund alter und neuer Erlösungsversprechen angesichts von Klimawandel, gesellschaftlicher Spaltung, Kulturkämpfen und anderen Krisen der Gegenwart ein anregender Rahmen – verpackt als gute Unterhaltung: Was ist Identität? Wie sind Individualität und Gemeinschaft aufeinander bezogen? In welcher Balance stehen Ego und Wir? "Pluribus" leuchtet da als Science-Fiction, Komödie und Liebesgeschichte hinein. Und zeigt, dass eine wütende Beleidigung im Universum der ewigen Freundlichkeit ein Nachweis echter Menschlichkeit sein kann. Wären wir ohne die Schattenseiten unserer Menschlichkeit also besser oder schlechter dran?

PLURIBUS

Buch/Produktion: Vince Gilligan. Mit Rhea Seehorn.

Auf Apple TV. Die letzte Folge der ersten Staffel erscheint am 26. Dezember.
Eine zweite Staffel ist bereits in Arbeit.