Herr Buchner, Richard Wagner ist wahrscheinlich weltweit der am meisten nahezu religiös verehrte Komponist. Hat Wagner Ihrer Meinung nach selbst mit seinem Werk und dem Festspielhaus in Bayreuth als "Kultstätte" den Grundstein für diese Verehrung gelegt, oder kann er schlichtweg nichts dafür?

Bernd Buchner: Wagner hat den Grundstein selbst geschaffen, auch wenn seine Nachfahren kräftig mit Hand anlegten. Dass ein Künstler eine religiös anmutende Verehrung erfuhr, war im 19. Jahrhundert nicht ungewöhnlich. Doch Wagner unterschied scharf zwischen Freund und Feind, er agierte wie ein Religionsstifter: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. So schuf er sich seine "Gemeinde", und Bayreuth wurde nicht zufällig zur Kultstätte.

Blickt man auf die Wagner-Rezeption kurz nach seinem Tod und noch vor dem Erstarken des Nationalsozialismus, fällt auf, dass Wagner als Bezugsperson verschiedenster ideologischer Strömungen herangezogen wurde – sogar von erklärten Zionisten. Bediente man sich also lange im reichhaltigen Werk Wagners gerade so, wie es den eigenen Überzeugungen taugt?

Bernd Buchner: Wagners Werk ist sehr umfangreich, nicht nur die Musikdramen gehören dazu, auch die theoretischen Schriften und die tagespolitischen Äußerungen. Da konnte jeder herauslesen, was er wollte. Dazu kommt: Wagner machte in seinem Leben eine Wendung vom linken Revolutionär zum antimodernen Konservativen durch. Auch das macht ihn anschlussfähig für verschiedenste Ideologien.

Immer wieder steht Wagners Antisemitismus im Mittelpunkt der Kritik. War Wagner in dieser Hinsicht "nur" Kind seiner Zeit oder hat man es bei ihm mit einem "besonders schweren Fall" zu tun?

Bernd Buchner: Beides. Wagners Judenhass war zum einen zeitbedingt, zum anderen steht er am Anfang eines rassistisch verstandenen Antisemitismus, der eine Gruppe von Menschen bestimmte unveränderliche Charaktereigenschaften zuschreibt. Das war neu. Wagner macht etwa Felix Mendelssohn Bartholdy zum Juden, obwohl dieser getauft war und sich nie als Jude verstand. Er hatte jüdische Vorfahren, das war alles. Für Wagner reicht das aus, um Mendelssohns Musik abzuqualifizieren. Er war auch einer der ersten, die das Wort "der Jude" in der abschätzig gemeinten Einzahl verwendeten.

Auch die Nationalsozialisten haben sich Wagner zu eigen gemacht. Dabei hätte gerade der junge Wagner, der linken Revolutionären wie Bakunin anhing, sich doch dagegen verwehrt. Oder war Wagner narzisstisch genug, dass ihm prinzipiell jedes "Anhimmeln" gefiel?

Bernd Buchner: Ich weiß nicht, ob sich Wagner dagegen gewehrt hätte. Seine Familie jedenfalls hat sich Hitler aus politischer Überzeugung heraus zum Freund gemacht und beträchtlich zum Aufstieg des Nationalsozialismus beigetragen, übrigens schon lange vor 1933. Das gehört bis heute zur historischen Hypothek Bayreuths. Wagner selbst war bei den Leuten, die ihn anhimmelten, überhaupt nicht wählerisch, auch wenn er sich manchmal über die "Wagnerianer" und ihr schlechtes Benehmen aufregte.

Sein letztes Bühnenwerk "Parsifal" gilt als "Weihfestspiel" des Katholizismus. Wie tiefgründig ist Wagners Auseinandersetzung mit dem Christentum wirklich?

Bernd Buchner: Er hat sich mit dem Christentum zeitlebens sehr umfassend auseinandergesetzt, auch wenn er selbst keine "Religion" im eigentlichen Sinne besaß. Er war ja formal Protestant, aber das hat für ihn nie eine große Rolle gespielt, außer in der Abneigung gegen alles Katholische. Seine Äußerungen gegen Jesuiten sind fast noch schlimmer als die gegen Juden. Im "Parsifal" haben wir kein Christentum, sondern die Persiflierung, ja Pervertierung von Religion. In der Oper wird das Abendmahl herumgedreht, der Leib Christi wird zu Brot, sein Blut zu Wein. Jedem Christen müssten da die Haare zu Berge stehen.

Sie sprechen von einer "Bayreuther Theologie" – was sind deren wesentlichen Merkmale?

Bernd Buchner: Bayreuth stand nach Wagners Tod im Zentrum der völkischen, nationalistischen und antisemitischen Bewegung des Kaiserreichs, die die "Blut und Boden"-Ideologie der Nationalsozialisten vorausnahm. Bayreuther Theologie bedeutet den Versuch, Religion mit Rassedenken zu verbinden: Alles Jüdische sollte aus dem Christentum getilgt werden, Jesus musste Arier sein. Das gab der Chefideologe auf dem Grünen Hügel vor, Houston Stewart Chamberlain – Wagners Schwiegersohn. Das führte direkt zu den protestantischen "Deutschen Christen" im NS-Staat.

Besucht man heute den Grünen Hügel, ist dort von würdevoll-andächtigem Geist nur wenig zu spüren. Tut diese "Säkularisierung" den Festspielen gut?

Bernd Buchner: Auf jeden Fall. Bayreuth ist heute keine Kultstätte mehr und hat sich in dieser Hinsicht von seinem Gründer emanzipiert. Die alte Ideologie findet man nur noch in Spurenelementen, sie verbirgt sich zum Beispiel gern hinter dem Protest gegen das moderne Regietheater. Noch in den 1960er Jahren konnte sich Wagnerenkel Wieland über die "Gemeinschaft der Gläubigen" mokieren, für die "Parsifal" ein christliches Mysterium bleibe. Die Säkularisierung ist seither deutlich vorangeschritten.

Buchtipp: Bernd Buchner: Wagners Welttheater. Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst, Politik und Religion. Erweiterte Neufassung, Würzburg 2025. Erscheint im November im Verlag Königshausen & Neumann.