Freude fürs Leben
Puppen und Kuscheltiere zählen trotz einer Flut von Elektronik noch immer zu den beliebtesten Geschenken unter dem Weihnachtsbaum. Im Spiel werden sie für Kinder lebendig, können Halt geben und trösten. Und manchmal werden sie Freunde fürs Leben.
Der Esel aus der Weihnachtsgeschichte der Augsburger Puppenkiste

Die Nase der Kasperpuppe ist mächtig lädiert. Und auch der Teufel hat wohl ordentlich einstecken müssen, sein Gesicht und vor allem die Hörner sind ramponiert. Kein Wunder, sagt Hanni Steiner und schmunzelt: "Die beiden haben sich ständig geprügelt."

Die Kämpfe, die stets der Kasper gewonnen hat, spielten sich auf der Puppenbühne ab. Das Duo gehört zu einem siebenköpfigen Pappmaché-Ensemble, das Hanni Steiner zum Weihnachtsfest 1948 von ihren Eltern geschenkt bekommen hat. Und bis heute in Ehren hält.

Warum wir Puppen und Kuscheltiere brauchen

Die Handpuppen und das damals zehnjährige Mädchen - das war Liebe auf den ersten Blick. "Die Tür ging auf, Kasper war da - und ich war hin und weg", erinnert sich die heute 82-Jährige an den Heiligabend, den sie nach einer Flucht aus Pommern in Braunschweig erlebte.

Der Kasper und Gretel, die Hexe und der Teufel, der König und die Königin gehörten zusammen mit einem Polizisten zur Grundausstattung der Bühne, die sie bald mit selbst gebastelten Figuren ergänzte. Seppl, Räuber, Zauberer, Prinz und Pastor kamen dazu, außerdem ein Donnerblech für die Akustik.

Im Spiel mit den Puppen "hat meine Fantasie Purzelbäume geschlagen", blickt Hanni Steiner zurück.

Für das Kind war völlig klar: Die Puppen sind lebendig. Mal grob, mal hochnäsig, dann wieder liebreizend, lustig, klug. "Ich habe ihnen eine Persönlichkeit gegeben und konnte mit ihnen alles loswerden - Kränkungen, Lustiges, einfach alles."

Zuerst spielte sie mit den Puppen alleine, später mit Ziehharmonika vor Nachbarskindern, den eigenen drei Töchtern und am Ende vor den Enkeln. So wurden die Figuren zu stillen Freunden und zu einem Geschenk, das über Generationen bedeutsam blieb: "Die Puppen sind ein Stück von meinem Leben, ich könnte sie nie wegtun."

Psychologie-Professorin erläutert Phänomen von Puppen

Dass Menschen und gerade Kinder totes Material beleben und damit so spielen können, als wäre es ein menschliches Gegenüber - das ist ein erstaunliches Phänomen, meint die in Bonn lebende Puppenforscherin und Psychologie-Professorin Insa Fooken.

"Kinder können Puppen und Kuscheltiere als Dialogpartner inszenieren", erläutert die Professorin der Goethe-Universität Frankfurt. Das spielende Kind übernehme die Regie, steuere, wie weit es gehen wolle.

"Das ist Probehandeln ohne pädagogischen Zeigefinger."

Wie es Hanni Steiner als Kind getan hat, so belegen und bespielen noch heute Mädchen und Jungen ihre Puppen und Kuscheltiere mit allen möglichen Gefühlen. "Man kann sie anschreien, beschimpfen, abknuddeln, man kann sie in die Ecke stellen und sie tragen nicht nach", sagt Puppenexpertin Fooken und ergänzt: "Sie lassen Vergebung erfahren, rechnen Schuld nicht auf, sind nicht beleidigt oder böse und brechen auch den Kontakt nicht ab." So böten Puppen eine gute Möglichkeit, "an Beziehung zu glauben".

Und: "Es sind Seelentröster, die Halt geben, bei Angst, bei Trauer, bei Verlusterfahrungen."

Wie beliebt Puppen und Kuscheltiere als Geschenke zu Weihnachten noch immer sind, das sieht einer, der seit 17 Jahren den Überblick hat. So lange schon leitet Wolfgang Dipper das Weihnachtspostamt im niedersächsischen Himmelpforten, wo in der Adventszeit Tausende Wunschzettel eintreffen.

"Die gute alte Puppe und Kuscheltiere, meistens Bären, stehen vor allem bei den Jüngeren hoch im Kurs", berichtet Dipper. Für ihn ist klar, dass gute Geschenke in erster Linie die Fantasie ansprechen sollten: "Da muss nichts blinken und tröten."

Was ist ein gutes Geschenk?

Was ein wirklich gutes Geschenk ist, das entscheidet letztlich immer der Beschenkte selbst, betont Psychologin Fooken. Außerdem sei die Situation wichtig, in der das Geschenk überreicht werde, "da muss es genau stimmen".

Manchmal, räumt sie ein, entwickele sich die Liebe auch erst auf den zweiten Blick. Auf den objektiven Wert komme es nicht an: "Eine pädagogisch wertvolle Käthe-Kruse-Puppe hat möglicherweise weniger Chancen als eine vorgeblich blöde Barbie vom Flohmarkt."

Suche nach dem richtigen Geschenk

Viel Geld heißt eben nicht viel Liebe - das sagt auch der Soziologe Holger Schwaiger, der ausdrückt, was wohl schon mancher erlebt hat: dass nämlich die Suche nach einem passenden Geschenk richtig Arbeit sein kann.

"Die Mühe, die sich der Schenker gibt, ein gelungenes Geschenk zu präsentieren, fließt ebenso in den Wert und die Bewertung des Geschenkes ein wie andere symbolische oder materielle Aspekte", schreibt Schwaiger in seiner Dissertation über das Schenken.

Schenken sei stets eine Annäherung an eine andere Seele, der Versuch, in der Logik des Empfängers das Richtige zu finden, beschreibt Insa Fooken das Wagnis. Und da könne man trotz aller Mühen daneben liegen.

Dass die Handpuppen so gut zu ihrer Tochter passen würden, dass konnten die Eltern von Hanni Steiner am Ende auch nur hoffen. Besonders gerne hat sie über die Jahre übrigens mit Kasper, Seppl und Gretel gespielt. Das Bühnen-Trio ist eng befreundet und steht für etwas, was Steiner bis heute wichtig ist:

"Auf Freunde kannst du dich verlassen."

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