13.04.2014
Lebensstil

Trend zum Minimalismus - auch im Glauben

Immer mehr Menschen entscheiden sich dafür, ihren Besitz radikal zu reduzieren. Dieser Trend heißt Minimalismus - ein Lebensstil, der sich als Alternative zur konsumorientierten Überflussgesellschaft sieht. Das Ziel ist, Alltagszwängen zu entkommen und dadurch ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu führen.
Diogenes
Diogenes - der kynische Philosoph gilt als erster Minimalist - dargestellt auf einem Gemälde von Jean-Léon Gérôme (1860).

Martin Luther King empfahl seinen Anhängern, im Falle ihrer Verhaftung immer eine Zahnbürste und eine Bibel dabeizuhaben. Was für den amerikanischen Bürgerrechtler eine sehr ernste Sache war, kennt man auch als amüsantes Gedankenspiel: Welche drei Dinge würde man auf eine einsame Insel mitnehmen?

Die Realität ist: Der Durchschnittsdeutsche besitzt 10 000 Gegenstände (ein Bewohner Afrikas übrigens etwa 400). Was davon braucht man wirklich? Die Ersatz-Knoblauchpresse in der übervollen Küchenschublade? Den alten Schallplattenspieler auf dem Speicher? Die Zinntellersammlung im Hobbykeller? Natürlich kann man auch ohne diese Dinge leben. Gehen wir also ans Eingemachte: Wer vor seinem Bücherregal steht, wird wohl gestehen müssen, dass 99 Prozent der Bücher in den nächsten Monaten oder Jahren nicht gelesen werden. Mit der CD-Sammlung ist es ähnlich, und im Kleiderschrank oder in den Küchenregalen haben sich Dinge angehäuft, die man nie mehr in die Hand nimmt. Dann sind da noch die Staubfänger, sinn- und zweckloser Nippes, Accessoires, Dekoratives ohne Gebrauchswert.

Der Wunsch nach Reduktion kommt meist dann auf, wenn für Neues kein Platz mehr ist. Ganz groß wird die Not, wenn ein Umzug ansteht. Dann wächst das Verlangen, das wegzugeben, was überflüssig ist. Alles muss raus - gegen Selbstabholung zu verschenken …

Downgraden und Simplifyen

Eine wachsende Szene hat diese Haltung zu ihrem Lebensprinzip gemacht: Minimalismus, Downgrading, Simplify. Im Minimalismus sehen manche den neuen Lifestyle nach der Öko-Bewegung. Minimalismus steht für einen Lebensstil im Gegensatz zur konsumorientierten Überflussgesellschaft.

Erstes Ziel von Minimalisten ist, die Wohnungseinrichtung auf das Notwendige zu reduzieren. In der Küche ersetzt eine Espressokanne den Café-Vollautomaten, im Kleiderschrank hängt nur noch das, was auch getragen wird. Minimalismus bedeutet, sich von Ballast zu befreien, um den Blick für das Wesentliche zu bekommen. Das zweite Ziel ist die Befreiung von unliebsamen Zwängen, Terminen und Verpflichtungen, um Lebensqualität und Lebenszeit zu gewinnen.

Der Trend ist aktuell, aber nicht neu. Zu allen Zeiten der Kulturgeschichte gab es querdenkende Verweigerer, die Suche nach Reduktion kennt viele Gestalten und Variationen.

Das einfache Leben und der Verzicht auf materielle Dinge lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen: Der kynische Philosoph Diogenes von Sinope (405-320 v. Chr.) gilt als Vorreiter der Minimalistenbewegung. Er lebte der Legende nach in den Säulengängen Korinths oder wahlweise in einem Fass, er besaß einen Wollmantel, einen Rucksack mit Proviant sowie einen Stock.

Nach einer Anekdote soll er seinen Trinkbecher und seine Essschüssel weggeworfen haben, als er Kinder aus den Händen trinken und Linsenbrei in einem ausgehöhlten Brot aufbewahren sah. Ernährt hat er sich von Wasser, rohem Gemüse, wilden Kräutern, Bohnen, Linsen, Oliven, Feigen und Gerstenbrot.

Auch Jesus war Minimalist

Sein Minimalismus gab ihm Seelengröße und Souveränität. Die zeigte er, als ihm eines Tages Alexander der Große die Aufwartung machte. Als Alexander den am Boden liegenden Diogenes fragte, ob er ihm einen Wunsch erfüllen könne, sagte Diogenes: »Geh mir aus der Sonne.«

Auch Jesus kann als Minimalist gesehen werden. In der Bergpredigt empfahl er seinen Nachfolgern einen Minimalismus an mentaler und materieller Sorge: »Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen sollt, und nicht um euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als Nahrung und der Leib mehr als Kleidung? Seht euch die Raben an: Sie säen nicht und sie ernten nicht und sammeln in keine Scheunen, und Gott ernährt sie doch. Seid ihr nicht besser als die Vögel? Und wer von euch kann durch seine Sorge die Spanne seines Lebens verlängern? Und was sorgt ihr euch um Kleidung? Seht auf die Lilien, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und sie spinnen nicht. Ich sage euch: Noch nicht einmal Salomo in all seiner Herrlichkeit war gekleidet wie eine von ihnen.« ( Lukas 12, 22-27).

Die Auslegungstradition fokussiert auf den all-sorgenden Vater im Himmel. Doch es geht in diesem Jesuswort nicht um Gott, sondern um das Beispiel der Raben und Lilien. Und es geht um Leben. Die Raben leben einfach; die Lilien leben einfach. Leben ist das Schlüsselwort in der Geschichte. Es geht darum, das Leben anzunehmen und die Sorge sein zu lassen. Jesus hat erkannt, dass es sich besser lebt mit weniger Ballast, seelischem und materiellem. Ihm geht es deswegen nicht um Verzicht, sondern um Freiheit.

Freiheit ist in diesem Zusammenhang vielleicht der am meisten ins Gegenteil verkehrte Begriff. Wir haben die Freiheit, uns zu entscheiden zwischen 25 verschiedenen Zahncremes, 300 Fernsehprogrammen und 28 Billigtarifen für unser Mobiltelefon. Unbegrenzte Auswahlmöglichkeiten - eine Freiheit, die lähmt.

Was ablenkt, hinter sich lassen!

Die Jünger sollten den Kopf frei und klar behalten. Wollte Jesus das sagen, als er den Jüngern gebot, nichts mitzunehmen auf den Weg?: »Weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Röcke haben.« ( Lukas 9, 3). Was bedeuten diese Worte heute? Was bedeuten sie für die Nachfolge Jesu? Wird das fehlende Materielle durch Gottvertrauen ausgeglichen? Später fragte Jesus die Jünger: »So oft ich euch ausgesandt habe ohne Beutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr auch je Mangel gehabt? Sie sprachen: Niemals.« ( Lukas 22, 35). Jesus selbst führte ein für damalige Verhältnisse auf das Wesentlichste reduziertes Leben: »Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.« ( Lukas 9, 58).

Immer wieder wird darüber spekuliert, wie Jesus heute auftreten würde. Würde Jesus die Jünger mit Autos ausstatten, würde er sie heute aussenden? Ein Gedanke, der ungefähr so widersinnig ist wie der Gedanke, Jesus würde heute die Seligpreisungen twittern oder über Facebook seine Botschaft vom Reich Gottes verbreiten.

Die Minimalisten-Szene ist vielfältig. Mal geht es um das religiöse Ideal der Genügsamkeit, wie es Papst Franziskus vorlebt, mal um antikapitalistische Konsumkritik, mal um die ganz einfache Sehnsucht nach alternativen Lebensformen.

Vor allem in Internetblogs werden Erfahrungen ausgetauscht. Michaela schreibt im Blog minimalismus-leben.de, dass sie vor ein paar Jahren von dem Thema »gepackt« wurde - aus einem »Gefühl der Beklemmung und des Eingeengtseins«. Ein Umzug war dann die perfekte Gelegenheit, sich von all dem Ballast zu trennen, der ihr offenbar auch auf der Seele lastete: »Das beinhaltete nicht nur Materielles - sondern auch Menschen, die wahre Energievampire waren und die es tatsächlich geschafft haben, dass ich mich mit ihren Problemen mehr beschäftigte, als mit meinem eigenen Leben«, schreibt sie. In ihrem Freundeskreis ist sie die Einzige ohne Smartphone, ohne Facebook-Account. »Von vielen Freunden kenne ich mittlerweile nur mehr den Teil des Gesichts, der nicht von einem iPhone verdeckt wird. Jeden Morgen in der Straßenbahn, wenn ich beobachte, wie 90 Prozent der Leute angestrengt mit ihren Smartphones beschäftigt sind, frage ich mich, ob Gott aus diesem Ding zu ihnen spricht …«

Moderner Minimalismus

Die Schweizerin Karin Friedli begann im Sommer 2010 damit, täglich einen Gegenstand abzugeben, manchmal in den Mülleimer, manchmal über eBay, manchmal als Geschenk an Freunde. Der junge Deutsche Alex Rubenbauer wirbt auf seinem Blog mit dem Spruch »Minimalist in 21 Tagen«.

Aus Amerika kommt die »Simplify«-Bewegung, zu Deutsch: »Vereinfache«. Das gleichnamige Buch stammt von Joshua Becker, der in Vermont lebt. Als er 2008 an einem Samstag im Frühling die Garage aufräumte, klagte er gegenüber seiner Nachbarin: »Je mehr Dinge du besitzt, desto mehr besitzen die Dinge dich.« Die Antwort der Frau verblüffte Becker. Sie sagte: »Das ist der Grund, warum meine Tochter eine Minimalistin ist. Sie sagt mir immer, dass ich das ganze Zeug nicht brauche!«

Becker begann, die Garage freizuräumen und selbst Minimalist zu werden. Er propagiert einen einfachen Lebensstil, er schrieb die »7 Simplify-Leitlinien, die jedem helfen, sein Haus und sein Leben zu entrümpeln.« In Deutschland landeten dann Lothar Seiwert und Tiki Küstenmacher vor zehn Jahren mit »Simplify your life« einen Bestseller weit über die Minimalistenszene hinaus. Ihr Ansatz ist weniger radikal, Vereinfachung ist aus ihrer Sicht auch dann gut, wenn man die Liste seiner Besitztümer nicht gleich auf eine zweistellige Zahl drückt.

Die amerikanische Minimalistenbewegung geht auf David Thoreau zurück, der sich 1845 in eine Hütte in den Wäldern von Massachusetts zurückzog, um das einfache Leben zu finden. Er gab die schlichte Parole aus: »Vereinfachen. Vereinfachen.« Wie das vonstatten gehen soll, legte er in seinem Buch dar: »Walden. Oder das Leben in den Wäldern«. »Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde«, schrieb er.

In den USA ist einfaches Leben seither Teil der Subkultur. Als ideelle Vorläufer gelten auch religiös orientierte Gruppen wie die Amischen, eine täuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft mit Wurzeln in der reformatorischen Täuferbewegung Mitteleuropas. Amische sind bekannt dafür, dass sie viele Seiten des technischen Fortschritts ablehnen und Neuerungen nur nach sorgfältiger Überlegung akzeptieren. Die Amischen legen großen Wert auf Gemeinschaft und Abgeschiedenheit von der Außenwelt.

Minimalisten sehen im technischen Fortschritt dagegen die Chance, Raum und Zeit zu gewinnen. Ein Alleskönner-Notebook ersetzt tatsächlich CD-Sammlungen, Fotoalben und Bücherregale.Was man also braucht im Leben: Bibel, Zahnbürste und Notebook.

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Sonntagsblatt