Schon bevor der erste Akkord erklang, lag Spannung in der Luft. Der Wasen war zum Bersten gefüllt mit knapp 45.000 Fans, die in Kutten, Bandshirts und mit Maiden-Flaggen bewaffnet das Gelände in ein Festivalgelände der puren Erwartung verwandelten. Als der Support-Act Avatar gegen 19 Uhr die Bühne betrat, war das Eis längst gebrochen – der Sturm war nah.

Um 20.15 Uhr war es dann soweit: Ein Donnerschlag, dann ein Intro vom Band – und Iron Maiden marschierten ein. Mit der Präzision eines Uhrwerks legten sie los, angeführt von Frontmann Bruce Dickinson, der mit fast 67 Jahren mehr Energie verströmte als so manche Nachwuchsband. Gekleidet in Leder und mit Flammen im Rücken, schmetterte er Klassiker wie “The Trooper” oder “Fear of the Dark” ins Publikum – mit einer Stimme, die immer noch messerscharf durch Mark und Bein geht.

Die Setlist war eine Hommage an die ersten neun Studioalben der Band – eine Ära, in der Maiden sich zur Legende formten. “Murders in the Rue Morgue”, “Wasted Years”, “Hallowed Be Thy Name” – jedes Stück ein Schlag in die Magengrube der Nostalgie. Dabei überraschten sie mit raren Live-Stücken, die selbst langjährige Fans zum Staunen brachten.

Iron Maiden wären nicht Iron Maiden ohne ihren maskierten Antihelden Eddie, der an diesem Abend in mehrfacher Gestalt auftrat: als untoter Soldat, als dämonischer Vollstrecker, als überlebensgroße Bühnenfigur. In Kombination mit Pyroshows, Lichtgewittern und donnernden Bühneneffekten verwandelte sich das Konzert in ein visuelles Massaker – irgendwo zwischen Theater, Rockoper und Metal-Märchenstunde. Zeremonienmeister Dickinson kämpfte auf der Bühne auch mit beziehungsweise gegen Geister-Chimären und gab bei "Fear of the dark" - dem  33 Jahre alten Klassiker, der das neueste Stück der Setlist war - den einsamen Wanderer mit Laterne.

Iron Maiden bewiesen an diesem Abend, warum sie noch immer zur Speerspitze des Metal gehören: Mit Hingabe, Können und einem ungebrochenen Sinn für Show zelebrierten sie sich selbst – nicht arrogant, sondern als Gastgeber einer einmaligen Feier. Stuttgart erlebte ein Konzert, das sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart spannte wie ein Drahtseil – mit Gitarrensoli als Stolperdraht und Hymnen als Rettungsnetz.

Metal mit Tiefgang

Iron Maiden wurde 1975 gegründet und zählt zu den einflussreichsten und erfolgreichsten Bands des Genres. Mit ihrem charakteristischen Sound, der von komplexen Gitarrenriffs und epischen Songstrukturen geprägt ist, haben sie weltweit Millionen von Alben verkauft. Die Band hat auch eine ikonische Bühnenpräsenz, die durch ihren legendären "Eddie"-Maskottchen und ihre aufwändigen Live-Shows verstärkt wird.

Iron Maiden sind auch bekannt für ihre tiefgründigen Texte, die oft historische oder literarische Themen behandeln, und ihre epischen, meist mehrteiligen Songs. Diese Themen reichen von christlicher Symbolik bis hin zu Auseinandersetzungen mit dem Okkulten und spirituellen Fragen. Da die Band angekündigt hat, während ihrer Jubiläums-Tour nur Songs aus den ersten neun Studioalben zu spielen, lohnt ein Blick auf ein paar lyrische Besonderheiten.

666 - die Zahl des Teufels

"The Number of the Beast" (1982) ist einer der bekanntesten Songs der Band. Der Text bezieht sich auf eine Vision von Bruce Dickinson, die er nach einem Albtraum hatte, in dem er von einem dämonischen Wesen verfolgt wurde. Das Konzept des "Number of the Beast" (die Zahl 666, die in der Bibel mit dem Antichristen in Verbindung gebracht wird) und der Teufel sind zentrale Elemente, die jedoch nicht unbedingt eine befürwortende Haltung zur Religion oder zum Okkultismus darstellen. Vielmehr wird die Geschichte als eine Reflexion über Ängste und Machtverhältnisse präsentiert.

Vom selben Album stammt "Children of the Damned" über die bösen Folgen von missbrauchten übernatürlichen Kräften. Und im abschließendem Stück "Hallowed Be Thy Name" geht es um einen Mann, der auf dem Sterbebett seine Sünden und den bevorstehenden Tod reflektiert. Der Titel selbst ist eine Anspielung auf das "Vaterunser" ("Hallowed be thy name" – "Geheiligt werde dein Name"), und der Text behandelt die Themen des Glaubens, der Erlösung und des Jenseits.

Apokalypse und Ägypten

"Revelations" (1983) vom Album "Piece of Mind" behandelt die Offenbarung aus der Bibel, der das Ende der Welt und das letzte Gericht beschreibt. Die Band setzt sich in dem Song mit Themen wie göttlichem Urteil und dem Apokalyptischen auseinander.

Das Cover von "Powerslave" (1984) zeigt eine ägyptische Pyramide und die Darstellung eines Pharaos, was symbolische Verbindungen zu Göttern und einer höheren Macht herstellt. Auch das 1988er-Album "Seventh Son of a Seventh Son" hat ein Cover ist voller okkulter Symbole, wobei das Konzept des "siebten Sohnes eines siebten Sohnes" (eine Figur mit angeblichen magischen Kräften) und spiritueller Macht ein zentrales Thema des Albums ist. Der Glaube an Magie und das Übernatürliche werden in den Songs thematisiert, wobei oft der Konflikt zwischen dem Rationalen und dem Übernatürlichen behandelt wird.

Steve Harris, Bassist und Gründer von Iron Maiden, in Stuttgart am 26. Juli 2025.
Steve Harris, Bassist und Gründer von Iron Maiden, in Stuttgart am 26. Juli 2025.