16.06.2019
Glaube, Leben, Literatur

"Zu dritt": Klaas Huizings Roman über Karl Barths Dreiecksbeziehung

Charlotte von Kirschbaum (1899-1975) war Theologin, engste Mitarbeiterin und Geliebte von Karl Barth. Lange stand sie im Schatten des berühmten Mannes, obwohl ihre Bedeutung für sein Werk nicht zu unterschätzen ist, sagt der Würzburger Theologe Klaas Huizing. Er beleuchtet die Dreiecksbeziehung – Barth war verheiratet – im Roman "Zu dritt". Die gebürtige Ingolstädterin "Lollo", wie Barth sie nannte, wäre am 25. Juni 120 Jahre alt geworden.
Klaas Huizing, evangelischer Theologe und Autor.
Klaas Huizing, evangelischer Theologieprofessor und Romanautor.

In Ihrem Roman thematisieren Sie die Dreiecksbeziehung von Karl Barth, Nelly Barth sowie Charlotte von Kirschbaum. Was hat Sie an dem Thema fasziniert?

Klaas Huizing: In dem Buch geht es um die temperierte Verzweiflung der drei Personen in einem protestantischen Pfarrhaus. Es ist kein Plädoyer für die Polyamorie, sondern es zeigt, wie hoch kompliziert das Leben zu dritt ablief. Das war kein unendlicher Spaß, sondern es war oft eher eine Knautschzone zu dritt und zog für jeden der drei beteiligten Personen auch Schäden nach sich. Um das persönliche Drama aus Sicht der Frauen erzählen zu können, habe ich Karl Barth in den Halbschatten gerückt.

 

Lollo Kirschbaum war nicht nur die rechte Hand Karl Barths im akademischen Betrieb, sie wurde auch menschlich unverzichtbar für ihn. Wie ist ihre theologische Arbeit zu bewerten?

Huizing: Ihre Leistung wurde über Jahrzehnte verschwiegen. Noch heute wird in einem Handbuch, das sich über viele Hundert Seiten über Karl Barth auslässt, Lollo Kirschbaum auf knappen vier Seiten abgehandelt. Da regiert noch immer eine Art Verschweige-Kartell. Dabei war sie ein eigenständiger Kopf, hat Barth in späteren Jahren in manchen Punkten widersprochen. Sie war zum Beispiel eine vehemente Anhängerin der Frauenordination. Da gab es durchaus Differenzen mit Karl Barth. Sehr schwierig zu bewerten ist, wie groß ihr Anteil am Gesamtwerk Barths war. Ich glaube, ihr Beitrag ist sehr viel größer, als die ehemalige enge Freundschaftsliga um Karl Barth das wahrhaben wollte.

 

Warum hat die Nachwelt ihr bis dato die Beachtung verweigert?

Huizing: Gut möglich, dass durch die Dreiecksbeziehung Verdrängungsmechanismen am Werk waren. Sie hat nur das Buch "Die wirkliche Frau" veröffentlicht, in dem sie auf etwa 100 Seiten ihre Deutung formuliert. Das Buch  wurde sogar ins Japanische übersetzt. Ich würde Lollo einreihen in eine Emanzipationsgeschichte des Protestantismus, auch wenn der Erfolg nicht gerade durchschlagend war. Sie war nicht wirklich frei, die komplizierte Dreiecksbeziehung kostete sie viel Kraft. Nicht zufällig wanderte sie, die mit 60 Jahren dement wurde, aus ihrem eigenen Leben aus. Karl Barth besuchte sie im Pflegeheim und sang ihr Choräle vor. Kein wirklich glücklich gerundetes Leben.

 

Dass Sie diese Dreiecksbeziehung zum Jubiläumsjahr von Karl Barth aufgegriffen haben, ist auch kritisiert worden.

Huizing: Der Protestantismus ist häufig eine verkopfte Kultur gewesen. Seit 20 Jahren arbeiten wir in der Wissenschaft daran, die Verkopfung aufzubrechen und verstärkt Körpertheologie zu betreiben. Inzwischen sind auch die Emotionen Gegenstand der Forschung. Deshalb ist es wichtig, sich auch dieser Liebesbeziehung zu widmen. Sie können keine gewaltige Liebesgeschichte, die es war, zum Thema machen, behandeln, ohne Sexszenen zu schreiben. Das wäre total unglaubwürdig. Ich bin eher erstaunt darüber, wie verklemmt eine bestimmte Alterskohorte reagiert.

 

Sehen Sie einen Widerspruch darin, wie Barth die Ehe theologisch gesehen und sich realiter verhalten hat?

Huizing: Es hatte zwischen Lollo Kirschbaum und Karl Barth beinahe ein Zerwürfnis gegeben, als er in einem späten Band seiner Dogmatik formulierte, die Ehe sei wesensmäßig Einehe. Damit hatte er Lollo verraten. Selbstverständlich hat er mit ihr in eheähnlichen Verhältnissen gelebt, das ist überhaupt nicht zu bestreiten. Mir geht es nicht darum, Tabus zu brechen, sondern zu zeigen, dass auch in einem protestantischen Haushalt ein Ereignis der Liebe hehre Grundsätze ins Wanken bringen kann. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass Karl Barth durch diese große Liebesgeschichte mit Lollo sich theologisch dramatisch geändert hat: Er ist von einem Unheilspropheten der frühen Jahre, wie in den Römerbriefkommentaren, zu einem Heilspropheten geworden, der plötzlich die Menschlichkeit Gottes feiert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies ohne die Erfahrung des Liebesereignisses nicht passiert wäre.

 

Welche Rolle spielte seine Ehefrau Nelly in der Dreiecksbeziehung?

Huizing: Meine eigentliche Heldin im Roman ist Nelly, die Ehefrau, die mit einer erstaunlichen Verzweiflungskompetenz dieses Leben gemeistert hat und durchaus auch immer wieder selbstbestimmt agierte. Was bis heute verblüfft, ist, dass sie zugestimmt hat, Lollo nach ihrem Tod in der Familiengruft zu begraben. Nelly hat sich als dritte und letzte Überlebende der drei dazugelegt. Sie hat damit eine unfassbare Großherzigkeit an den Tag gelegt.

Buch-Tipp

Klaas Huizing: Zu dritt

Klaas Huizing: "Zu dritt. Karl Barth, Nelly Barth, Charlotte von Kirschbaum".
400 Seiten, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2018.
ISBN 978-3-86351-475-4.
25,00 €

Klaas Huizing über die "Ménage-à-trois" um Karl Barth und seinen Roman "Zu dritt": "Das Buch ist kein Plädoyer für die Polyamorie. Es geht darin um die temperierte Verzweiflung der drei Personen in einem protestantischen Pfarrhaus. Das war kein unendlicher Spaß, sondern es war oft eher eine Knautschzone zu dritt."

Klaas Huizing: "Zu dritt. Karl Barth, Nelly Barth, Charlotte von Kirschbaum". Tübingen, 2018. 400 Seiten, ISBN 978-3-86351-475-4. 25 Euro
ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Protestantismus

Karl Barth
Er stellte sich gegen Adolf Hitler, protestierte gegen die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik und warnte vor einer geistlosen Konsum-Gesellschaft. Der streitbare Schweizer Karl Barth (1886-1968) war jahrzehntelang die mutigste und prägnanteste Stimme des Protestantismus. Vor 50 Jahren, am 10. Dezember 1968, starb der "Kirchenvater des 20. Jahrhunderts" im Alter von 82 Jahren in seinem Geburtsort Basel.
Sonntagsblatt