Als Marco Rubio am Samstag vor die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) trat, wartete das Publikum vermutlich gespannt darauf, was folgen würde. Würde es wieder die üblichen diplomatischen Versicherungen von Bündnistreue und gemeinsamen Werten geben, nachdem die Rede von US-Vizepräsident J. D. Vance im vergangenen Jahr für einen Schock gesorgt hatte?
Was sie bekamen, klang für manche zumindest freundlicher. Doch der Teufel steckte im Detail. In seiner Rede zeichnete der US-Außenminister das Bild einer "Western Civilization", die sich ihrer christlichen Wurzeln besinnen, ihre koloniale Vergangenheit umarmen und ihre vermeintliche zivilisatorische Überlegenheit selbstbewusst behaupten und durchsetzen müsse – auf ausdrücklichen Wunsch Gottes.
Das heilige Erbe: Christentum als Identitätspolitik
Rubio verliert keine Zeit. Bereits nach wenigen Sätzen definiert er, was Amerika und Europa aus seiner Sicht verbindet. Die Siedler, die Amerika aufbauten und die ursprüngliche Bevölkerung verdrängten, hätten "den christlichen Glauben ihrer Vorfahren als heiliges Erbe, als unzerbrechliche Verbindung zwischen der alten und der neuen Welt" mitgebracht. Für Rubio ist die gewaltsame Eroberung fremder Territorien demnach ein genuin christlicher Auftrag.
Am deutlichsten wird diese religiöse Fundierung seiner, nun ja, Vision, wenn Rubio den Gründungsmythos Amerikas erzählt. "Unsere Geschichte begann mit einem italienischen Entdecker, dessen Abenteuer in das große Unbekannte das Christentum nach Amerika brachte, um eine neue Welt zu entdecken." Kolumbus als christlicher Heilsbringer – dass dies mit Genozid, Versklavung und der Auslöschung ganzer Kulturen einherging, verschweigt Rubio jedoch.
Da verwundert es auch nicht, wie positiv Rubio über die koloniale Expansion des Westens spricht. In einem bemerkenswerten Geschichtsexkurs rehabilitiert er sie ganz offen: "Fünf Jahrhunderte lang, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, hat sich der Westen ausgebreitet – seine Missionare, Pilger, Soldaten und Entdecker strömten von seinen Küsten aus, um Ozeane zu überqueren, neue Kontinente zu besiedeln und riesige Imperien aufzubauen, die sich über den gesamten Globus erstreckten."
Dass in einem Atemzug Missionare, Pilger, Soldaten und Entdecker genannt werden, ist sicher kein Zufall. Rubio verschmilzt hier religiöse Sendung mit militärischer Gewalt und Unterwerfung. Wenn er von "neuen Kontinenten” spricht, ignoriert er konsequent, dass diese bereits besiedelt waren.
Koloniale Unterdrückung war gottgewollt
Was folgt, ist nicht weniger aufschlussreich: Die Befreiung von Millionen Menschen aus kolonialer Unterdrückung wird als pathologischer Zustand definiert und in einem Atemzug mit "gottlosen” Revolutionen genannt. "Die großen westlichen Imperien waren in einen endgültigen Niedergang geraten, der durch gottlose kommunistische Revolutionen und antikoloniale Aufstände noch beschleunigt wurde."
Es ist wenig überraschend, dass er Kritik an den Folgen kolonialer Expansion – womöglich sogar Selbstkritik – als unnötig und schädlich betrachtet. Kolonialverbrechen werden als "angebliche Sünden" abgetan, die den Westen nicht zum Innehalten verpflichten sollen.
Es wird sehr deutlich, wie Rubio das sieht. Wer gegen die westliche Kolonialherrschaft aufbegehrte, war letztlich gegen Gott. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker – jenes Prinzip, auf das sich die USA gerne berufen – findet bei ihm keine Erwähnung, wenn es um die angeblich gottgefällige koloniale Herrschaft geht.
Rubio lässt keinen Zweifel daran, dass er an diese aus seiner Sicht glorreichen Zeiten anknüpfen möchte. "Wir wollen keine Trennung, sondern eine alte Freundschaft wiederbeleben und die größte Zivilisation der Menschheitsgeschichte erneuern." Mit anderen Worten: Europa soll gemeinsam mit den Staaten, die es durch seine koloniale Expansion geprägt hat, die Welt beherrschen. Natürlich im göttlichen Auftrag.
Imperial und religiös
In seiner Rede entwirft Rubio das Bild eines christlich-imperialen Westens, in dem religiöse Heilsgeschichte und koloniale Expansion unauflöslich miteinander verbunden sind. Am Ende steht die Vorstellung einer kulturellen Überlegenheit als göttlicher Auftrag. Der Westen soll demnach wieder lernen, seine Mission in der Welt zu vollstrecken – so wie etwa zu Beginn des Jahres in Venezuela, als die USA die Souveränität eines anderen Staates ignorierten, ihn militärisch angriffen und das Staatsoberhaupt entführten.
Historisch ist das alles keineswegs neu. Europäische imperiale Mächte haben ihre Expansion stets mit zivilisatorischer Überlegenheit einerseits und dem christlichen Glauben andererseits begründet. Bemerkenswert an Rubios Rede ist jedoch ihre Unverhohlenheit: Während die westliche Außenpolitik sich nach 1945 zumindest rhetorisch auf Gleichheit, Selbstbestimmung und Multilateralismus stützte, verabschiedet sich Rubio vollständig von diesen Prämissen.
Die Münchner Sicherheitskonferenz war dafür die passende Bühne. Hier, wo jahrzehntelang über "regelbasierte Ordnung" und "wertegeleitete Außenpolitik" debattiert wurde, verkündete Rubio das Gegenteil: eine Außenpolitik, die sich weder an Regeln noch an universellen Werten orientiert, sondern an zivilisatorischer Überlegenheit und christlicher Identität sowie einem daraus abgeleiteten Machtanspruch.
Die Frage ist, ob Europa diesem Angebot folgen möchte. Ob die Lehren aus Kolonialismus, Schoah und imperialer Selbstzerstörung vergessen werden sollen, um einer Nostalgie zu folgen, die schon mehr als einmal in die Katastrophe geführt hat.