Wir sind freier als alle Generationen vor uns. Zumindest glauben wir das, während wir unser Smartphone entsperren, unseren Standort teilen und einen weiteren Aspekt unseres Privatlebens in einer App veröffentlichen, deren Nutzungsbedingungen wir noch nie gelesen haben.

Die Überwachungsgesellschaft, vor der man sich im 20. Jahrhundert gefürchtet hat, ist eingetroffen – und hat sich deutlich komfortabler und unauffälliger eingerichtet als erwartet. Niemand muss uns zu etwas zwingen. Wir bezahlen sogar noch dafür. 

Das Gefängnis, das keines sein wollte

Michel Foucault beschrieb in "Überwachen und Strafen" (1975) einen Wandel, der sich längst vollzogen hatte, bevor ihn jemand bemerkte. Macht, so seine These, funktioniere in der modernen Gesellschaft (also etwa ab dem 18. Jahrhundert) nicht mehr primär durch offene Gewalt, sondern durch Überwachung und die damit einhergehende Selbstdisziplinierung.

Zur Veranschaulichung wählte er das Panopticon, den kreisförmigen Gefängnisbau des englischen Philosophen Jeremy Bentham, in dem ein einziger Aufseher im zentralen Turm sämtliche Zellen im Blick behalten kann – oder auch nicht. Entscheidend ist, dass die Insassen es nicht wissen.

Die bloße Möglichkeit des Beobachtetwerdens genügt. Man diszipliniert sich selbst, da nie ausgeschlossen werden kann, gerade beobachtet zu werden. Wärter:innen werden überflüssig. Die Insass:innen erledigen die Arbeit selbst.

Foucaults Pointe war, dass dieser Mechanismus nicht auf Gefängnisse beschränkt bleibt. Er sah ihn überall am Werk: in Schulen, Kliniken, Fabriken und Kasernen. Die moderne Gesellschaft, so Foucault, ist im Kern eine disziplinarische Gesellschaft. Gewalt taucht nicht in Form offener Brutalität auf, sondern in Form fast perfekter Effizienz. Und Unterwerfung, die sich als Vernunft verkleidet, ist die stabilste Form der Macht.

Das Update kam 2007

Was Foucault nicht ahnen konnte, ist, wie sein Modell durch einen kleinen Gegenstand in der Hosentasche zur Vollendung geführt werden sollte. Das Smartphone hat das Panopticon demokratisiert und in einem Schritt von geradezu genialer Perfidie zur Lifestyle-Entscheidung gemacht.

Der Turm ist jetzt überall, wo wir sind. Wir tragen ihn ständig mit uns herum.

Was Bentham noch mit Ziegeln und Eisenstäben organisieren wollte, erledigt heute ein Algorithmus. Der Konformitätsdruck wird heute nicht mehr durch die Gefängnisordnung erzeugt, sondern durch Reichweite, Cyberbullying oder Shitstorms.

Abweichung ist zwar nicht verboten, wird aber hart bestraft – nicht von einer Behörde, sondern von der digital ins Unendliche erweiterten sozialen Umgebung selbst: durch hämische Kommentare, durch ausbleibende Likes oder durch das algorithmische Verschwinden. Foucaults diszipliniertes Subjekt hielt sich selbst für vernünftig. Wir fühlen uns authentisch. 

Dass das Ganze auf Freiwilligkeit beruht, macht es nicht harmloser, sondern stabiler. Kein Zwang erzeugt so wenig Widerstand wie der, den man nicht als Zwang erlebt. Wer sein Leben dokumentiert, moderiert, optimiert und für ein Publikum aufbereitet, empfindet dies nicht als Kontrollverlust. Er sieht es als Selbstbestimmung. 

Benthams Vision

Gehen wir kurz zurück zu Bentham, dem großen Liberalen und Utilitaristen. Sein Panopticon war keine dystopische Fantasie, kein literarischer Alptraum, mit dem er uns vor etwas warnen wollte. Im Gegenteil: Es war ein Reformprojekt. Bentham wollte Gefängnisse billiger, effizienter und humaner machen.

Er hielt es für eine gute Idee. Das ist das eigentlich Beunruhigende. Der Kontrollgedanke war nie eine Abweichung vom liberalen Gesellschaftsmodell, sondern sein Kern. Sicherheit, Effizienz, Verhaltensoptimierung – das klingt vernünftig. 

Was bleibt

Ich könnte jetzt den Zeigefinger heben. Ich könnte mein Smartphone für ein paar Tage oder Wochen weglegen, eine digitale Entgiftung ausrufen und den analogen Widerstand proklamieren. Das wäre eine schöne Geste, die ich selbstverständlich direkt auf Instagram dokumentieren müsste – mit Ortsangabe.

Die eigentliche Frage ist jedoch unbequemer und lässt sich nicht einfach wegposten: Was bedeutet Freiheit, wenn ihre Ausübung in Selbstüberwachung endet? Wenn das Bedürfnis, gesehen zu werden, das stärkste Motiv ist, stärker als Privatheit, als Widerspruch, als Schweigen?

Bentham hätte vor Freude geweint. Foucault hätte es kommen sehen. 

Ich habe diesen Text auf einem digitalen Endgerät geschrieben. Ihr lest ihn auf einem. Das Panopticon grüßt freundlich zurück.